Ein Mann liest eine Zeitung, auf deren Titelseite die beiden führenden Kandidaten abgebildet sind. | Bildquelle: AP

Stichwahl in Tunesien Jura-Professor gegen Medienmogul

Stand: 17.09.2019 17:32 Uhr

Der eine ein erzkonservativer Jura-Professor, der andere ein inhaftierter Medienmogul: Die Kandidaten für die Präsidenten-Stichwahl in Tunesien stehen fest. Beide sind politische Außenseiter - und könnten unterschiedlicher kaum sein.

Bei der Präsidentenwahl in Tunesien kommt es zu einer Stichwahl zwischen zwei politischen Außenseitern. Nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis gewann der Verfassungsrechtler Kaïs Saïed die erste Runde der Wahl mit 18,4 Prozent der Stimmen. Dahinter liegt der derzeit inhaftierte Medienunternehmer Nabil Karoui mit 15,6 Prozent.

Aktuell amtierende Politiker und die Kandidaten der im Parlament vertretenen Parteien wurden deutlich abgestraft. Ministerpräsident Youssef Chahed kam nur auf 7,4 Prozent, Verteidigungsminister Abdelkarim Zbidi lag mit 10,7 Prozent knapp davor. Und auch der Kandidat der islamisch-konservativen Ennahda, Abdelfattah Mourou, verpasste mit 12,9 Prozent deutlich den Einzug in die Stichwahl. Ein Termin für die Stichwahl wurde noch nicht festgelegt.

"Robocop" gegen Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit

Der 61-jährige Jura-Professor Saïed trägt wegen seiner abgehackten Sprechweise und seinem steifen Auftreten den Spitznamen "Robocop". Politikinteressierten Fernsehzuschauern ist er bestens bekannt: Seit dem Umsturz 2011 erklärte Saïed auf vielen Kanälen die aktuelle Politik. Er schloss sich aber keiner Partei an und setzte im Wahlkampf allein auf eine Tür-zu-Tür-Kampagne.

Den Tunesiern verspricht er neben der Bekämpfung der allgegenwärtigen Korruption eine rigorose Überarbeitung der Verfassung und des Wahlsystems. Darüber hinaus ist Saïed für seine erzkonservativen Ansichten bekannt: Er befürwortet die Todesstrafe ebenso wie die Kriminalisierung der Homosexualität. Auch dass unverheiratete Paare in der Öffentlichkeit keine Zärtlichkeiten austauschen dürfen, findet er vollkommen richtig.

Kaïs Saïed | Bildquelle: AP
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Der Rechtswissenschaftler Saïed vertritt erzkonservative Positionen.

Vom Zahnpasta-Vertreter zum Medienmogul

Der vom Zahnpasta-Vertreter zum Medienmogul aufgestiegene 56-Jährige Karoui sitzt derzeit wegen eines laufenden Gerichtsverfahrens wegen Geldwäsche und Steuerhinterziehung in Untersuchungshaft. Er wurde nur wenige Tage vor Beginn des Wahlkampfs festgenommen. Seine Kandidatur bleibt jedoch gültig, solange kein letztinstanzliches Urteil gegen ihn gefällt wurde.

Karoui bezeichnet sich selbst gerne als "Mutter Teresa", während sein eigener Fernsehsender Nessma TV ihn dabei filmt, wie er im Designer-Anzug den Armen Elektrokleingeräte schenkt. Beobachter bezeichnen ihn hingegen mitunter als "Silvio Berlusconi Tunesiens". Die Eigentumsverhältnisse des wichtigsten Privatsenders Tunesiens sind äußerst intransparent. 2018 wurde ihm die Lizenz entzogen - trotzdem sendet Nessma TV weiter.

Anhänger von Nabil Karoui feiern den derzeit inhaftierten Medienmogul, nachdem die Resultate bekannt werden. | Bildquelle: STR/EPA-EFE/REX
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Anhänger von Karoui feiern den derzeit inhaftierten Medienmogul, nachdem die Resultate bekannt werden.

Trotz demokratischer Reformen große Unzufriedenheit

Karoui gehörte lange der Sammlungsbewegung Nidaa Tounes, der Partei des ersten demokratisch gewählten Präsidenten Béji Caïd Essebsi, an. Für Essebsi machte er mit seinem Sender auch Wahlkampf. Nach Kritik daran zog er sich formell aus der Führung von Nessma TV zurück, lässt aber keinen Zweifel daran, dass er weiter im Hintergrund die Fäden zieht. Vor wenigen Monaten gründete er eine eigene Partei. Seit Jahren wird gegen Karoui wegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche ermittelt.

Keiner der beiden für die Stichwahl qualifizierten Kandidaten hat bisher ein politisches Amt bekleidet. Die Wahlbeteiligung lag mit 45 Prozent weit unter dem Wert der Präsidentschaftswahl vor fünf Jahren. Damals gaben knapp 63 Prozent der registrierten Wähler ihre Stimmen ab. Trotz umfassender demokratischer Reformen nach den arabischen Aufständen 2011 sind viele Tunesier unzufrieden und hadern vor allem mit der schlechten Wirtschaftslage.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. September 2019 um 18:00 Uhr.

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