Der Direktor der Uffizien in Florenz, Eike Schmidt. | Bildquelle: dpa

Florentiner Uffizien "Direttore pop" und der Lockdown

Stand: 25.01.2021 13:52 Uhr

Auch die berühmten Uffizien mussten in der Pandemie zunächst ohne Publikum auskommen. Die Zeit des Lockdowns nutzte der deutsche Direktor Eike Schmidt jedoch für eine Veränderung und wird nun als "direttore pop" gefeiert.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Die Türen stehen wieder offen. Monica und Ira lassen sich am Eingang kurz die Körpertemperatur messen, desinfizieren ihre Hände - und dann dürfen sie rein in die wiedereröffneten Uffizien. "Wir freuen uns, endlich wieder Kultur zu genießen. Für mich ist das eine Öffnung des Geistes, mir bedeutet das viel", erzählt Monica. Und Ira ergänzt: "Endlich wieder geöffnet! Im Museum sind die Sicherheitsabstände, glaube ich, kein Problem. Hier zu sein ist ein wunderschönes Gefühl."

Die beiden Florentinerinnen gehören zu den vielen jungen Erwachsenen, die an diesem Vormittag in das berühmteste italienische Museum kommen. Drinnen steht Uffizien-Direktor Eike Schmidt vor einem Vasari-Gemälde und ist zufrieden. Dass es wieder losgeht und dass die Arbeit der Uffizien während der Pandemie offensichtlich erfolgreich war. Schmidt hat ein bestimmtes Credo, wie er erzählt: "Es ist wichtig, dass die Jungen für die Kunst gewonnen werden, weil sonst die Kunst verloren geht."

Durchschnittsalter des Publikums sinkt

Während der Monate der pandemiebedingten Schließungen haben die Uffizien in einer breit angelegten Social-Media-Offensive speziell um ein jüngeres Publikum geworben. Auf Instagram, Facebook und seit dem Frühjahr auch auf Tiktok, der besonders bei Kindern und Jugendlichen beliebten Videoplattform. Den mittelalterlichen Dichter Petrarca dort videoanimiert mit seiner angebeteten Laura sprechen zu lassen, hat Kunstpuristen die Nase rümpfen lassen.

Schmidt aber verweist auf die Ergebnisse. Das Durchschnittsalter der Uffizien-Besucher sei gesunken, erzählt er: "Wir sehen es auch heute, dass wir fast die Hälfte der Besucher unter 25 haben. Der Trend, den wir in den Öffnungsmonaten gesetzt haben, auch aufgrund unserer aktiven Social-Media-Kommunikation, setzt sich fort."

Zwei Besucherinnen mit Mund-Nasen-Schutz machen ein Selfie vor dem Kunstwerk "Primavera" (etwa um 1480) des Malers Sandro Botticelli. | Bildquelle: dpa
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Zwei Besucherinnen mit Mund-Nasen-Schutz machen ein Selfie vor dem Kunstwerk "Primavera" (etwa um 1480) des Malers Sandro Botticelli. Das Uffizien-Museum wurde nach monatelanger coronabedingter Schließung wiedereröffnet - das Durchschnittsalter des Publikums sinkt seitdem.

In die Entwicklung mag reinspielen, dass viele Ältere sich wegen weiter bestehender Infektionsgefahr noch nicht ins Museum trauen und Touristen von auswärts wegen der Corona-Beschränkungen noch nicht kommen dürfen. Aber der deutsche Uffizien-Direktor verweist auch auf Reaktionen von Besuchern seit dem ersten Neustart im Mai: "Da haben wir ganz rührende Besucherbriefe bekommen, von Eltern, die sagen: In der Vergangenheit war es immer so schwierig, die Kinder davon zu überzeugen, ins Museum zu kommen. Und jetzt sind die Kinder diejenigen, die Eltern anbetteln, ins Museum kommen zu können."

Botticelli für die Instagram-Massen

Angezogen werden sie unter anderem auch von bekannten Instragram-Influenzerinnen wie Chiara Ferragni, denen Schmidt während der Pandemie die Türen geöffnet hat, damit diese sich vor Uffizien-Kunstwerken fotografieren und die Attraktionen des Museums um die Welt schicken. Dafür wurde der 53 Jahre alte Schmidt in Italien zunächst kritisch beäugt. Mittlerweile reden sie vom "direttore pop", dem Pop-Musemsdirektor - mit anerkennendem Unterton.

Lisa Ciardi, Redakteurin der Zeitung La Nazione, sagt: "Ich glaube, dass Direktor Schmidt nicht nur ein Pop-Museumsdirektor ist, sondern es auch sein möchte. Denn seit er hier in Florenz ist, macht er das, was die Popkultur schon immer macht: Sich an die Jungen, an die Massen wenden. Nicht nur an diejenigen, die die Kultur schon immer lieben, und die Uffizien so oder so besuchen würden.

Das Museum dürfe keine Elitenangelegenheit mehr sein, hatte sich Schmidt bei seinem Start in den lange verstaubten Uffizien auf die Fahnen geschrieben. Das neue Etikett "Pop-Museumsdirektor" findet der freundlich-zurückhaltende Schmidt überraschend, aber nicht negativ, wie er sagt: "Das ist sicherlich unerwartet, denn jahrzehntelang habe ich als Kunsthistoriker seriöse Publikationen verfasst und ein sehr spezialisiertes Publikum angesprochen. Aber sobald man als Direktor im Museum aktiv ist, wendet man sich immer an weitere Bevölkerungsschichten. Insofern ist es etwas, das durchaus auch mal guttun kann." Und so ist Schmidt in der Corona-Pandemie einer der Gewinner in der Kulturszene.

Pandemie-Gewinner: Schmidt in Italien als "Pop-Museumsdirektor" gefeiert
Jörn Seisselberg, ARD Rom
25.01.2021 12:41 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 25. Januar 2021 um 05:25 Uhr im Deutschlandfunk.

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