Der designierte Demokratische Präsidentschaftskandidat und Ex-Vizepräsident Biden. | Bildquelle: AP

US-Demokraten vor der Wahl Reicht der Vorsprung dieses Mal?

Stand: 15.07.2020 05:22 Uhr

Fast zehn Prozentpunkte - Herausforderer Biden liegt momentan klar vor Amtsinhaber Trump. Selbst das erzrepublikanische Texas könnte ihn wählen. Aber der Weg ist noch lang, und der 2016er-Schock sitzt tief.

Von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

Wahlnacht 2016. Die CNN-Reporterin berichtet von versteinerten Gesichtern und weinenden Menschen. Die Anhänger der Demokraten, die Hillary Clinton ganz sicher im Weißen Haus glaubten, sind am Boden zerstört. Trump hat gewonnen, obwohl fast alle Umfragen Clinton als die Siegerin gesehen hatten.

Das sitzt den Demokraten und den Meinungsforschern bis heute in den Knochen. Dieses Jahr wollen sie sich nicht zu früh freuen, obwohl sie Grund dazu hätten. Joe Biden sieht im Moment wie der sichere Sieger aus.

In vielen landesweiten Umfragen führt er deutlich, manchmal sogar zweistellig vor Donald Trump. In vielen der umkämpften Staaten hat er sich einen Vorsprung erarbeitet, stabil über die vergangenen Wochen. Es droht ein Erdrutsch, schreiben die Autoren von FiveThirtyEight, einer Website für Meinungsforschung.

"Lügenpresse, faule Umfragen, wie immer"

Alles scheint plötzlich möglich. Sogar in Texas, einem Bundesstaat, der seit Jahrzehnten nicht mehr demokratisch gestimmt hat. Doch Trump hat dort nur noch einen Punkt Vorsprung vor Biden, was Trump offenbar wütend macht. "Lügenpresse, faule Umfragen, wie immer" sagte er diese Woche und erklärte dann:

"Nur ein Punkt Vorsprung, nachdem ich die Öl- und Gasindustrie gerettet habe und Millionen und Abermillionen von Jobs? Das glaube ich nicht!"

Es müsste in der Tat sehr viel passieren, bevor der Demokrat Joe Biden das tief republikanische Texas holen könnte. Aber, sagt Moe Vela, ein früherer Berater von Biden: "Wenn Latinos und Afro-Amerikaner wählen gehen, bekommt Trump Probleme." Beide Gruppen zusammen stellen inzwischen die Mehrheit der texanischen Bevölkerung und beide sind Trump gegenüber sehr kritisch eingestellt. Aber ob sie wählen gehen, ist noch lange nicht ausgemacht. Wegen der Pandemie wird die Stimmabgabe in den USA diesmal noch schwieriger als sonst, das könnte viele abschrecken.

Viele Amerikaner sind unzufrieden

Hinzu kommt, dass Biden die Wähler nicht eben in Verzückung versetzt. Menschen, die Biden wählen wollen, tun das nicht, weil sie so begeistert von ihm sind, sondern weil sie Trump loswerden wollen. Das ist im Trump-Lager ganz anders.

Was die Hoffnungen der Demokraten beflügelt, ist die Unzufriedenheit der Amerikaner. Zwei Drittel finden Trumps Umgang mit dem Corona-Virus nicht richtig. Trump hat Druck gemacht, die Wirtschaft schnell wieder zu öffnen. Nun grassiert das Virus vor allem in so wichtigen Staaten wie Texas oder Florida.

Und das ist der Punkt, den Joe Biden im Wahlkampf immer wieder ansprechen wird. Der Präsident soll seinen Job machen, forderte er ihn gestern auf: "Denn wenn wir nicht mit dieser Gesundheitskrise umgehen können, dann können wir auch nicht mit der Wirtschaftskrise umgehen."

Was aus den USA wird in den nächsten Monaten, weiß kein Mensch. Meinungsumfragen sind Momentaufnahmen, das haben die Demokraten und die Meinungsforscher aus der Wahl von 2016 gelernt. Für 2020 gilt das erst recht.

Trügerische Sicherheit: Die Demokraten fühlen sich schon wie Wahlsieger
Katrin Brand, ARD Washington
15.07.2020 00:28 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. Juli 2020 um 11:15 Uhr.

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