Kinder überqueren eine Straße in Memphis | Bildquelle: imago images/ZUMA Wire

Schwarze Eltern in den USA Vorbereiten auf den Rassismus

Stand: 03.06.2020 07:29 Uhr

Aufklärung der anderen Art: Schwarze Eltern in den USA führen mit ihren Kindern bereits in jungen Jahren "The Talk". Ein Gespräch über Rassismus, Polizeigewalt und fehlende Chancengleichheit.

Von Katharina Wilhelm, ARD-Studio Los Angeles

"Schwarzen Menschen in diesem Land wird beigebracht, dass sie zweimal oder dreimal so gut sein müssen, um etwas zu erreichen. Wir werden immer genau beobachtet", sagt Aric Lewis. Er kann sich noch daran erinnern, wie es war, als seine Eltern anfingen, über Rassismus zu sprechen. Darüber, dass er als schwarzer Amerikaner nicht die gleichen Chancen hat im Vergleich zu Weißen in den USA. "Wir sind uns immer bewusst, dass uns Menschen als 'anders' betrachten. Das ist eine Last, mit der man lernt, zu leben", sagt er.

Lewis lebt in Long Beach im US-Bundesstaat Kalifornien. Der Enddreißiger ist Cutter für Film und TV-Serien. Während seiner College-Zeit im Bundesstaat Indiana hat er Menschen getroffen, die noch nie im Leben einer schwarzen Person begegnet waren.

 

Richtiges Verhalten gegenüber der Polizei

In den USA gibt es einen eigenen Begriff für dieses Gespräch zwischen Kindern und ihren Eltern: "The Talk". Bereits mit sechs Jahren oder sogar früher werden schwarze Kinder aufgeklärt.  Darüber, dass man besser nicht mit der Polizei in Konflikt gerät und wenn, dass man die Hände hoch nimmt, sich ruhig und freundlich verhalten muss. Das Risiko: Gewalt oder sogar der Tod - das besprechen Eltern mit ihrem Kindern. 

Ein Video, das gerade in den sozialen Medien tausendfach geteilt wird, lässt schwarze Kinder zu Wort kommen, die erklären, wie sie Polizisten in kritischen Situationen begegnen würden: "Sei extra höflich, wenn du mit der Polizei sprichst, auch mit Lehrern, mit Leuten in Machtpositionen, denn die haben die Möglichkeit, dein Leben schwerer zu machen", heißt es darin.

Aufklärungsgespräch: Alltag für schwarze Familien

Offizielle Statistiken belegen, dass Schwarze überproportional häufig unter den Todesopfern durch Polizeigewalt sind. Für schwarze Familien gehört "The Talk" deshalb zum Alltag. Dass viele Weiße darüber wenig bis gar nichts wissen, liege auch daran, dass weiße Eltern einfach nicht mit ihren Kindern darüber reden müssen, sagt Jelani Memory aus Portland: "Typischerweise reden Weiße nicht mit ihren Kindern über Rassismus. Für schwarze Eltern ist das unabdingbar, auch weil die Kinder irgendwann damit konfrontiert werden, in der Kinderbetreuung, in der Schule. Schwarze Kinder sind sich ihres Status und ihrer Hautfarbe sehr schnell bewusst."

US-Polizisten schlagen einen schwarzen Mann | Bildquelle: REUTERS
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Nach dem gewaltsamen Tod des Schwarzen George Floyd brandeten in den USA viele Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt auf.

Kinderbuch als Handreichung für Eltern

Memory hat ein Buch darüber geschrieben: "A Kids Book About Racism" - ein Kinderbuch über Rassismus für Kinder ab fünf Jahren. Auf die Idee kam er als schwarzer Vater von sechs Kindern, sagt er. "Kinder haben damit meistens nicht so viele Probleme damit, wie man denken würde. Meistens ist es nicht für die Kinder, sondern für die Erwachsenen unbequem, darüber zu reden." Sein Buch will ihnen die Worte an die Hand geben, mit denen das Gespräch gestartet werden könne.

Die Empfehlung des Autors: ehrlich sein und Dinge konkret benennen, Kontext für Kinder liefern. Diese würden schnell die richtigen Fragen stellen. Auch über die aktuellen Demonstrationen habe er mit seinen Kindern gesprochen: "Meine Kinder haben schnell verstanden, dass es nicht okay ist, jemandem zu töten. Vor allem, wenn dieser Mensch unbewaffnet ist. Ihre Reaktion war Trauer und dann Wut. Und so kann man ihnen dann erklären, wieso es zu Protesten und sogar Ausschreitungen kommt."

Vorbereitung auf das Leben

Filmcutter Lewis hat auch ein Kind - eine dreijährige Tochter. Bereits jetzt spreche er mit ihr über Themen wie Ungerechtigkeit, wahrscheinlich auch bald über Rassismus und die Polizei, sagt er. Auch wenn es ihn traurig stimmt: "Leider nehme ich ihr sicher etwas von ihrer Kindheit dadurch. Aber ich muss sie vorbereiten auf die Welt und was sie bereithält für Menschen, die aussehen wie sie."

 

„The Talk” - Wie schwarze Eltern ihre Kinder auf Rassismus vorbereiten
Katharina Wilhelm, ARD Los Angeles
03.06.2020 06:30 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 03. Juni 2020 um 09:50 Uhr.

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