Der Campus der Harvard-Universität. | Bildquelle: AFP

Neue Visa-Regeln für Studenten "Nach jetzigem Stand müsste ich ausreisen"

Stand: 09.07.2020 03:54 Uhr

Deutsche Studierende in den USA stehen wegen der neuen Visa-Regeln in der Corona-Krise vor einer ungewissen Zukunft. Kritiker sehen die Entscheidung als weiteren Versuch, die Einwanderung zu beschränken.

Von Torsten Teichmann, ARD-Studio Washington

Die Nachricht, er könne womöglich sein Studenten-Visum in den USA verlieren, traf Celal Sipahi völlig unvorbereitet. Früher war er Statistiker bei der europäischen Zentralbank. Für einen Masterstudiengang und mit Hilfe eines Stipendiums hatte er seinen Lebensmittelpunkt vor einem Jahr nach New York verlegt: "Ein unheimlicher Schock. Und es hat einen den gesamten Tag und die Nacht beschäftigt, als es rausgekommen ist."

Bei Alice Morath haben sofort die Eltern aus München angerufen. Sie hatten etwas in der Zeitung gelesen, erzählt Morath im Skype-Interview.

"Da haben sie einfach nur gesagt, Harvard ist online, alle Harvard-Studierenden müssen nach Hause."

Die US-Einwanderungsbehörde ICE hatte entschieden, dass alle ausländischen Studenten, die ab dem Wintersemester wegen der Corona-Pandemie nur Online-Kurse besuchen können, das Land verlassen müssen - oder eine neue Uni finden.

Unsicherheit für viele Studenten

Unsicherheit - wenige Wochen bevor für Lucas Kitzmüller das zweite Jahr im Masterstudiengang Regierungsmanagement in Harvard beginnen soll:

"Das hätte für mich die Bedeutung, dass ich die USA verlassen müsste. Bei mir ist es so, dass die Kennedy School bekannt gegeben hatte, dass die Kurse komplett online stattfinden werden."

Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat bereits mit seinen Stipendiaten Kontakt aufgenommen. Auch die Universitäten bemühen sich um eine Lösung. Aber Fiona McEntee stellt die Entscheidung grundsätzlich in Frage. McEntee ist Anwältin für Einwanderungsrecht in Chicago.

"Das Ziel ist es entweder, ausländische Studenten aus den USA zu verdrängen. Die Administration will verschiedene Formen der Einwanderung begrenzen. Oder Universitäten sollen gedrängt werden, den direkten Unterricht wieder aufzunehmen - in der Mitte einer Pandemie."

Das US-Außenministerium widerspricht der Darstellung. Eine Presseerklärung trägt die Überschrift: Ausländische Studenten sind willkommen in den USA. Und US-Visa für Studenten waren schon immer an verpflichtende Präsenzseminare geknüpft. Nur hatten alle während der Pandemie weiter auf Ausnahmen gehofft.

Schutz des amerikanischen Arbeitsmarktes als Motivation?

Vincent Stüber, der in New York studiert, will nach seinem Masterstudiengang in den USA arbeiten. Das ging bisher mit dem Studentenvisum für ein Jahr und nannte sich praktisches Training, Und womöglich ist das der Knackpunkt für die härteren Visa-Regeln:

"Das steht natürlich auch im Zusammenhang mit der Annahme, dass hochqualifizierte Studierende aus dem Ausland Arbeitsplätze wegnehmen, die jetzt gerade bedingt durch die Pandemie dem Arbeitsmarkt oder Amerikanern und Amerikanerinnen Jobs wegnehmen würden."

Für andere Studenten sei das praktische Training, genannt OPT oft ein Weg gewesen, um dauerhaft in den USA zu bleiben, sagt Celal Sipahi. Aber das gehe längst nicht mehr:

"Das heißt man geht erst ins OPT hat dann einen Arbeitgeber, der einen sponsert für ein H1B-Visa. Aber das H1B Visa ist ja jetzt komplett weggefallen."

Universitäten klagen

Die Universität Harvard und das Massachusetts Institut of Technology haben mitgeteilt, gegen die Regelung der Trump-Administration zu klagen. Ausländische Studenten sollten vor allem Kontakt zu ihren Fakultäten halten, sagt Anwältin McEntee.

"Setzt Euch mit Eurer Universität in Verbindung, um zu sehen, ob sie sich an Klagen beteiligen, welchen Rat sie geben, und wie sie die Kurse organisieren wollen. Ich gehe davon aus, dass ein Richter schon bald entscheiden wird, wir müssen das abwarten."

Die Situation ändere sich ja manchmal von Tweet zu Tweet, erklärt die Anwältin im Interview. Ein Einspruch der US-Justiz macht deutschen Studenten wie Lucas Kitzmüller zumindest Hoffnung.

"Wenn das so wäre, dann ist natürlich weiter die Ungewissheit da, aber die Regelung würde erst einmal nicht gelten. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass die Universitäten jetzt doch noch einmal überlegen, ob man nicht doch einen Hybrid-Lösung anbieten könnte."

Hybrid-Modell behebt nicht alle Probleme

Eine Hybrid-Lösung bedeutet, ein Teil des Unterrichts wird in Seminarräumen gehalten, und der andere Teil weiter virtuell. So hat es die Harvard Business School bereits geplant, erklärt Alice Morath. Aber damit sind die Probleme nicht behoben.

"Das andere Ding ist eben auch, wenn es einen Ausbruch von Corona in Harvard gibt und sie auf online umstellen müssen, dann haben sie uns auch gesagt, dass ihr vielleicht im Oktober oder November Euer Visum verliert."

Viel steht auf dem Spiel: die Miete für ein Jahr, in einigen Fällen der Hausrat, wenn eine Ausweisung kurzfristig kommt, und die Mühe um Studienplatz und Stipendium. Aber alle deutschen Studenten verweisen auf die ungleich schwerere Situation von Kommilitonen aus anderen Ländern. Kommilitonen, die nach dem Studium in den USA arbeiten müssen, um ihre Studienschulden zu begleichen, erklärt Vincent Stüber.

"Wenn dieses Konstrukt jetzt ins Wanken gerät, bedeutet das auch viel sozio-ökonomischen Stress für viele meine Kommilitoninnen und Kommilitonen."

Die Entscheidung über Studienvisa in Corona-Zeiten ergänzt den ungebremsten Kampf um Amerikas kulturelle Ausrichtung. Ausländische Studenten finden sich unvermittelt in der Mitte der Auseinandersetzung wieder. 

Deutsche Studenten in den USA reagieren auf Corona-Visa-Regeln
Torsten Teichmann, ARD Washington
09.07.2020 07:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Juli 2020 um 07:09 Uhr.

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