Der ehemalige US-Vizepräsident Biden will Präsidentschaftskandidat der Demokraten werden. | Bildquelle: AP

US-Vorwahlen Sechs Erkenntnisse des "Big Tuesday"

Stand: 11.03.2020 07:31 Uhr

Nach seinem erneuten Erfolg bei den US-Vorwahlen gilt Joe Biden für viele bereits als nächster Präsidentschaftskandidat der Demokraten. Vor allem sein Sieg in Michigan ist ein Indikator. Schon fragen sich viele: Wer wird seine Nummer zwei?

Von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

In sechs Staaten gingen die Anhänger der Demokraten zur Wahl - und wieder räumte Joe Biden, der frühere Vizepräsident, ganz groß ab: Mississippi, Missouri, Michigan und Idaho gingen mehrheitlich an ihn. Vor allem Michigan war schmerzlich für Bernie Sanders. Vor vier Jahren hatte er hier noch deutlich gegen Hillary Clinton gewonnen. Lediglich in North Dakota holte er eine Mehrheit. Der Staat Washington ist noch nicht fertig ausgezählt.

Die Revolution fällt aus

Vorwahlen der US-Demokraten: Vier von sechs Staaten gehen an Biden
tagesschau 20:00 Uhr, 11.03.2020, Stefan Niemann, ARD Washington

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Sanders' Fanbase ist jung, links, begeisterungsfähig - aber nicht groß genug. Die wichtige Frage war deshalb von Anfang an: Würde es ihm gelingen, weitere Wähler zu sich hinüberzuziehen? Nun zeigt sich: Es gelingt ihm nicht. Die jungen Wähler lieben ihn, aber sie sind offenbar nicht genug und auch nicht verlässlich genug, tatsächlich wählen zu gehen. Und offenbar ist der Wunsch nach einer einheitlichen Krankenversicherung und der bezahlbaren Ausbildung nicht so wahlbestimmend, wie der selbsternannte demokratische Sozialist Sanders es gehofft hatte.

US-Vorwahlen | Bildquelle: AFP
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Für Sanders sieht es nun schlecht aus. Das scheinen auch seine Anhänger zu realisieren.

Biden hingegen hat die Mitte mobilisiert. Er hat die Unterstützer der ausgeschiedenen Kandidaten eingesammelt. Er mobilisiert nicht nur die Afro-Amerikaner, sondern auch die weißen Vorstadtbewohner und die Kurzentschlossenen. Offenbar trauen die Wähler es eher Biden zu, Trump zu schlagen als Sanders.

Womöglich rächt sich aber auch, dass Sanders gar kein Demokrat ist, sondern ein "Independent", der immer auch Wahlkampf gegen das demokratische Establishment gemacht hat. Vielleicht ist den Wählern ein bisschen mehr Establishment in diesen Zeiten ganz recht.

Von wegen zäh: Jetzt kann alles ganz schnell gehen

Bis vor Kurzem war noch ein halbes Dutzend Bewerber im Rennen, und alles schien auf eine Kampfabstimmung im Sommer beim Parteitag hinauszulaufen. Irrtum. Nun könnte es sehr bald nur noch einer sein. Sanders ist bislang nicht vor die Kameras getreten. Er hatte zuvor aber schon angedeutet, dass er sich nicht durch einen aussichtslosen Kampf quälen wird.

Und wenn Biden in diesem Tempo Staaten holt und Delegiertenstimmen sammelt, wird Sanders einsehen müssen, dass es für ihn keinen Weg zur Präsidentschaft gibt. Die große Frage ist dann: Ist Bernie ein guter Verlierer? Bisher hat er immer behauptet, dass er den Kandidaten am Ende unterstützen wird - in der Annahme, dass er selber es sein würde. Aber "the proof of the pudding is the eating", wie Angela Merkel gerne sagt.

Nun wird es hässlich für Biden

Je klarer es wird, dass Biden nominiert werden könnte, desto aggressiver werden ihn Donald Trump und seine Unterstützer angreifen. Schon jetzt findet sich zum Beispiel eine Kampagne auf Twitter, die Biden als verwirrten alten Mann darstellt. Beispiele dafür, wie Biden sich verspricht, den Faden verliert oder unkonzentriert wirkt, gibt es reichlich. Dazu noch ein paar selbsternannte Experten, die wissenschaftlich nachweisen, dass ein fast 80 Jahre alter Mann den Belastungen einer Präsidentschaft nicht gewachsen sein kann, und fertig ist die Kampagne. Wobei die Frage nach Bidens Gesundheit tatsächlich berechtigt ist, angesichts der Machtfülle, die ein US-Präsident besitzt.

Peter Beyer, CDU, über Joe Bidens Chancen im Vorwahlkampf
tagesschau24 11:00 Uhr, 11.03.2020

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Biden braucht eine starke Frau an seiner Seite

Ein Kandidat wählt sich üblicherweise einen "running mate", also eine Person, die im Falle eines Sieges dann Vizepräsident wird. Diese Position ist diesmal wichtiger als sonst, denn der Vizepräsident ist der, der einspringt, wenn der Präsident nicht mehr einsatzfähig ist oder zurücktritt. Eine Möglichkeit, die bei einem fast 80-Jährigen ganz unsentimental mitgedacht werden muss.

Biden hat schon angekündigt, dass er gerne eine Frau an seiner Seite hätte. Er könnte eine der ausgeschiedenen Mitbewerberinnen auswählen, Amy Klobuchar, Elizabeth Warren oder Kamala Harris, die aber dann den Makel hätten, nicht gewonnen zu haben. Auch unter den Gouverneurinnen gibt es starke Frauen, Gretchen Whitmer zum Beispiel aus Michigan. 

Wichtig wäre es, eine Person zu finden, die auch den Sanders-Flügel mit ins Boot holen kann, denn ohne dessen Fans wird die Wahl nicht zu gewinnen sein.

Und wer ist jetzt Tulsi Gabbard?

Es wird immer so getan, als gebe es nur noch zwei Kandidaten im Rennen, tatsächlich ist noch eine Frau dabei: Tulsi Gabbard, 38 Jahre alt, Abgeordnete aus Hawaii. Sie hat bisher gerade mal zwei Delegiertenstimmen geholt aus ihrer Heimatregion Amerikanisch-Samoa. Und mehr werden auch nicht dazu kommen, weil Gabbard stets deutlich unter den nötigen 15 Prozent Wählerstimmen liegt. Das bedeutet, dass sie auch an der nächsten Fernsehdebatte wieder nicht teilnehmen kann. Warum die Kriegsveteranin, so chancenlos sie ist, überhaupt noch mitmischt, ist ein Rätsel, zumal ihr auch das Geld bald ausgehen müsste.

Hillary Clinton hatte voriges Jahr unterstellt, es gebe einen Kandidaten, der von Russland unterstützt werde, womöglich, um Stimmen von den anderen abzuziehen. Damit hat sie offenbar Gabbard gemeint. Diese verklagte Clinton daraufhin wegen Diffamierung.

Nach dem "Big Tuesday" ist vor dem "Big Tuesday"

Kommende Woche steht der nächste wichtige Wahltermin an. Dann wird in Arizona, Florida, Illinois und Ohio abgestimmt. Rund 600 Delegiertenstimmen gibt es zu verteilen. Sanders dürfte sich nicht allzu große Hoffnungen machen, denn vor vier Jahren hat er gegen Hillary Clinton keinen einzigen dieser Staaten gewonnen. Trotzdem: Das Rennen ist noch nicht vorbei. Um nominiert zu werden, braucht der Bewerber 1991 Stimmen. Laut National Public Radio hat Biden mehr als 800 Stimmen und führt damit deutlich vor Sanders mit rund 670 Stimmen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. März 2020 um 06:51 Uhr.

Korrespondentin

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