Interview

Donald Trump | Bildquelle: AFP

Das Phänomen Trump "Er zieht weiße Amerikaner an"

Stand: 30.10.2016 12:42 Uhr

Wie lässt sich das Phänomen Trump erklären? "Wir leben in Zeiten großer Veränderungen", sagt Steven Ginsberg, politischer Korrespondent der "Washington-Post" im Gespräch mit NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz. Und eben diese Veränderung mache vielen Menschen Angst. Trump instrumentalisiere dies.

Manche sagen, Donald Trump sei die Stimme der schweigenden Mehrheit. Ist das ein passender Vergleich?

Steven Ginsberg: Ob es die Mehrheit ist, wissen wir im November. Ich denke, er ist die Stimme für den Teil des Landes, der das Gefühl hat, keine Stimme zu haben. Ob das nun die Mehrheit ist oder nicht, da habe ich Zweifel. Aber sehr viele im Land denken, dass die Regeln, nach denen wir handeln, oder das Finanz- oder Politiksystem, nicht wirklich für sie da ist. Und da kommt Donald Trump, brüllt gegen das System und gibt ihnen das Gefühl, dass da jemand auf ihrer Seite ist.

NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz und Washington-Post-Analyst Steven Ginsberg
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Trump sei vor allem für weiße Amerikaner attraktiv, sagt Washington-Post-Analyst Steven Ginsberg im Gespräch mit NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz.

Können Sie erklären, wie Trump nominiert werden konnte und nun sogar Präsident werden könnte?

Ginsberg: Das ist eine gute Frage. Das haben auch noch nicht viele Amerikaner richtig durchdrungen. Bei den Wahlen geht es viel um Identität, darum, was es heißt, ein Amerikaner zu sein. Er stellt etwas dar, was weiße Amerikaner anzieht. Dann gibt es in der Tat die schweigende Mehrheit der Menschen, die sich abgehängt fühlen. Und dann sind da auch noch diejenigen, die schlicht den Kandidaten der Republikaner unterstützen und Hillary Clinton überhaupt nicht mögen. Ein großer Teil des Landes mag die Clintons wirklich nicht.

Was sagt das über das politische System und die amerikanische Gesellschaft aus, wenn es gerade en vogue ist, politisch inkorrekt zu sein, Menschen in der Öffentlichkeit zu beschimpfen und ein Talkshow-Held zu sein?

Ginsberg: Das ist interessant und gleichzeitig zum Verzweifeln. Eine Sache bei Trump darf man nicht unterschätzen oder kleinreden: Er ist ein echter, nationaler Promi. Seine Show war jahrelang auf Platz 1 - und so, mit diesem Blick auf die Dinge, tritt er auch auf. Er ist ständig im Fernsehen, ständig in den Medien - und daher weiß er auch, wie er die Kameras auf sich richten kann und sie auch auf ihm bleiben. Manchmal sagt er schockierende Dinge, die die Menschen mögen, manchmal sagt er Dinge, die sie nicht mögen. Aber die Menschen sind gefesselt von jemandem, der es anders macht, der alle Regeln bricht. Das hat eine gewisse Faszination und man will sehen, wohin das führt.

Haben die Medien ihm bei seinem Aufstieg geholfen?

Ginsberg: "Die Medien", das ist ein großes Wort. Da gibt es den klassischen Printjournalismus, so wie wir ihn machen, und dann ist da das Fernsehen. Ich denke, das Fernsehen hat ihm definitiv geholfen - als riesiges Mikrofon. Wenn er auf einer Veranstaltung ist, wird das im Fernsehen gezeigt. So ist Donald Trump immer auf Deinem Bildschirm. Und er macht gute Veranstaltungen, manchmal witzige, er will die Zuschauer glücklich machen. Also macht er eine Art Show aus dem, was bei anderen Politikern ein normaler Termin ist.

Eine Umfrage unter Trump-Unterstützern hat ergeben, dass ungefähr 80 Prozent die Zukunft negativ sehen und unglücklich mit der Vergangenheit sind. Wenn man sich die Fakten anschaut, dann geht es Amerika ökonomisch gar nicht so schlecht. Wie passt das zusammen?

Ginsberg: Teilweise sind wir wohl ein Land von Klagenden…

Ach? Ich dachte, das seien wir Deutschen...

Ginsberg: Vielleicht ist das in allen Ländern so. Wenn man sich die Umfragen anschaut, dann lässt sich ablesen, dass alle Amerikaner unzufrieden sind - aber unter den Trump-Wählern ist der Grad der Unzufriedenheit höher. Er steuert genau dahin, wo die Leute sich abgehängt fühlen. Und ich denke, es gibt da auch noch Rest-Auswirkungen der Finanzkrise von 2008. Die Menschen haben zwar wieder Jobs, sie leben wieder ihr Leben - aber was die Job-Sicherheit betrifft, ist das nicht wie früher. Es gibt sehr viel Angst, dass so ein Crash wieder passieren kann oder dass sich die persönliche Situation nicht so gut entwickelt.

Ist dieses Gefühl der Angst neu für Amerikaner?

Ginsberg: Bei jeder Wahl seit Beginn der Republik hat der optimistische Kandidat gewonnen. Es ist sehr ungewöhnlich, dass da einer steht und sagt: "Dein Leben ist eine Hölle, und dieses Land geht durch die Hölle." Das ist seltsam, und dann reagiert der andere so darauf : "Richtig, und Du musst uns da rausholen." Aber die Frage bleibt, wie viele Menschen das so fühlen. Ich denke, das gilt auch für Deutschland: Wir sind in einer Phase großer Veränderungen. Manche finden das gut, andere fühlen sich abgehängt.

In den Vereinigten Staaten unterstützen die Zeitungen normalerweise einen der Kandidaten. Die "New York Times" hat sich kürzlich hinter Hillary Clinton gestellt. Wie ist die Position der "Washington Post?"

Ginsberg: Eins vorweg: Das gehört nicht in meinen Aufgabenbereich. Aber die "Washington Post" hat im Sommer bereits ihre Unterstützung für Hillary Clinton öffentlich gemacht. So früh wie noch nie. Der Grund war einfach: Wir werden niemals Donald Trump unterstützen. Aber viel interessanter sind die kleineren Zeitungen. Überall im Land gibt es Blätter, die nie jemand anderen als den republikanischen Kandidaten unterstützt haben - aber Donald Trump unterstützen sie jetzt nicht. Das passt ihm dann aber wiederum gut ins Konzept: Die Mächtigen sind gegen mich, gegen Dich. Wir sitzen im selben Boot!

Das Interview führte Andreas Cichowicz, NDR-Chefredakteur.
Übersetzung und Bearbeitung: Christiane Justus, NDR, und Caroline Hoffmann, WDR

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