Das Weiße Haus in Washington | Bildquelle: REUTERS

Electoral College wählt Präsidenten "Es ist aufregend"

Stand: 14.12.2020 10:31 Uhr

Lange hat es gedauert, bis der Sieger der US-Präsidentenwahl feststand, heute wird er gewählt. In den Hauptstädten der Bundesstaaten geben die Wahlleute ihre Stimme ab. Julia Kastein hat mit einer Wahlfrau aus Pennsylvania gesprochen.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Janet Díaz aus der Kleinstadt Lancaster im US-Bundesstaat Pennsylvania wird heute eine besondere und umstrittene Ehre zu Teil: Die demokratische Stadträtin ist eine von 20 Wahlleuten aus Pennsylvania, die mit ihrer Stimmabgabe das wochenlange Gezerre um den Ausgang dieser Präsidentschaftswahl beenden werden. "Es ist aufregend. Und ich fühle mich demütig und geehrt, dass sie mich ausgesucht haben, um bei dieser Wahl dabei zu sein", sagt Díaz.

Warum sie von ihrer Partei ausgesucht wurde - da ist sich die kleine Frau mit der schwarzen Mähne, die als Verwaltungskraft im Krankhaus arbeitet, auch nicht sicher: "Das habe ich meinen Mann auch gefragt: Von Millionen Menschen in Pennsylvania haben sie mich ausgesucht."

Wahrscheinlich habe eine Rolle gespielt, dass sie engagiertes Parteimitglied ist, sagt Díaz. Und als erste Latina im November für den Senat von Pennsylvania kandidierte - wenn auch ohne Erfolg.

 Polizeischutz für Wahlleute in einigen Bundesstaaten

Normalerweise nehmen die meisten US-Amerikaner wenig Notiz vom Wahltermin des Electoral College. Aber 2020 ist alles anders: Trotz aller Niederlagen vor Gericht weigert sich US-Präsident Donald Trump seine Abwahl anzuerkennen. Und die Mehrheit seiner Anhänger ist überzeugt, dass ihm der Sieg gestohlen wurde.

Die Stimmung ist so aufgeheizt, dass die Wahlleute in einigen Bundesstaaten wie Michigan extra Polizeischutz bekommen, wenn sie heute zusammenkommen. In Pennsylvania, sagt Diáz, wird das hoffentlich nicht nötig sein: "Ich bin nicht bedroht worden. Vielleicht wird es ein paar Demonstranten geben. Aber ich hoffe, dass wir unsere Stimmen ohne irgendwelche Katastrophen abgeben können."

Die 54-Jährige, deren Familie aus Puerto Rico stammt, will sich den Termin jedenfalls nicht verderben lassen. Schließlich wird mit Kamala Harris zum ersten Mal eine schwarze Frau zur Vizepräsidentin gewählt. Dafür hätten Frauen in den USA lange genug gekämpft, findet Diáz.

Pennsylvania gehört zu den Bundesstaaten, in denen die Wahlleute theoretisch frei entscheiden dürfen. Aber weil sie von jenen Präsidentschaftskandidaten nominiert werden, die die meisten Stimmen bekommen haben, rechnet Díaz nicht mit Überraschungen. "Ich bezweifele sehr, dass irgendein Demokrat für Trump stimmt. Bei den Republikanern: Wer weiß? Sie behaupten zwar, dass sie nicht für Biden und Harris stimmen werden. Aber es ist ja schon mal vorgekommen, dass gegen die Parteilinie gestimmt wurde."

Das Electoral College: Wer stimmt wie ab?

Das "Electoral College", die Wahlleuteversammlung, ist ein Relikt aus den Anfängen der Vereinigten Staaten, als die Demokratie noch jung und die Straßen schlecht waren. Und als die Gründerväter glaubten, das Land sei noch nicht reif für eine Direktwahl.

Alle vier Jahre - und zwar laut Gesetz immer am Montag nach dem zweiten Mittwoch im Dezember - treffen sich die 538 Wahlleute in ihren jeweiligen Landeshauptstädten, um ihre Stimme für Präsidenten und Vize abzugeben. Wie viele Wahlleute ein Bundesstaat hat, hängt von Größe und Bevölkerungszahl ab.

Ausgesucht werden die Wahlleute von den Parteien: In Bundesstaaten, in denen die meisten Wähler für den demokratischen Kandidaten gestimmt haben, sind es also linientreue Demokraten und in Staaten mit republikanischer Mehrheit linientreue Republikaner. Überraschungen sind damit so gut wie ausgeschlossen.

Bis zum 23. Dezember müssen die Stimmzettel der Wahlleute in Washington angekommen sein. Ausgezählt werden sie am 6. Januar vom Kongress.

Maske und Handschuhe zum Schutz vor Corona

Am liebsten würde sich die Hobbyhistorikerin verkleiden, um dem antiquierten Wahlritual aus den Anfängen der Vereinigten Staaten gerecht zu werden. Sie habe nachgefragt, ob man sich verkleiden dürfe, "wie Benjamin Franklin oder so. Aber sie haben Nein gesagt", erzählt Díaz.

Stattdessen werden sie und die anderen Wahlleute wegen Corona Maske und Handschuhe tragen und Abstand halten - und hoffen, dass ihre Stimmen dann am 6. Januar in Washington ausgezählt und die Wahl von Biden und Harris vom Kongress beglaubigt wird. "2020 war so verrückt, im Positiven wie im Negativen", sagt Díaz. Sie wage nicht anzunehmen, dass alles glatt geht. "Alles ist denkbar. Aber ich bete, dass das nicht passiert."

"Große Ehre": Wie eine Wahlfrau in Pennsylvania ihre Rolle sieht
Julia Kastein, ARD Washington
14.12.2020 09:20 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. Dezember 2020 um 09:00 Uhr.

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