Kommentar

Nach Sieg bei US-Wahl Die große Last des Joe Biden

Stand: 07.11.2020 20:54 Uhr

Joe Biden tritt ein schweres Erbe an. Er muss eine Pandemie bekämpfen und das Land wieder zusammenführen. Und die vielen Stimmen für Trump zeigen: Der abgewählte Präsident war kein Irrtum der Geschichte.

Ein Kommentar von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

Die Vereinigten Staaten von Amerika bekommen einen neuen Präsidenten, die Wähler haben entschieden. In nie gesehener Zahl haben sie sich an dieser Wahl beteiligt, jeder und jede auf die Weise, die am besten zu ihrem und seinem Leben passt - per Brief oder persönlich, vorgezogen oder am Wahltag. Ein stolzer Moment: Es war die größte Mobilisierung in der Geschichte der USA, könnte Donald Trump sagen, der doch sonst so verliebt in Superlative ist.

70 Millionen glauben an Trump

Ja, dieser Rekord ist auch seiner. Fast 70 Millionen Amerikaner haben ihm ihre Stimme gegeben, weil sie an ihn und das Land glauben, das er ihnen ausgemalt hat. Und weil sie glauben, dass es ohne ihn vor die Hunde geht.

Sie glauben an seine alternativen Wahrheiten, sie verehren ihn für seine Hemmungslosigkeit, und selbst wenn sie sich vor Scham krümmen angesichts seiner Unflätigkeiten, so nehmen sie es doch hin, weil er sein Versprechen erfüllt, die USA zu einen Land zu machen, das sich nicht verändern muss. Indem die Mehrheit zur Minderheit sagen darf: Stell dich nicht so an.

Trumps Ziel: die Demokratie zu beschädigen

70 Millionen Menschen, das sind auch sehr viele Menschen, die mit den Mitteln der Demokratie die Demokratie beschädigen wollten. Denn das war und ist das Ziel des 45. Präsidenten.

Wer noch eine Bestätigung dafür brauchte, muss sich nur sein vorerst letztes Presse-Statement ansehen. Haltlose Klagen über großflächigen Wahlbetrug, aus dem Nichts auftauchende Briefwahlstimmzettel und vermeintlich absichtlich gefälschte, irreführende Meinungsumfragen. Dazu die Behauptung, er hätte längst gewonnen, wenn allein die, wie er meint, legalen Stimmen gezählt würden. Dieser Auftritt war so unwürdig, dass selbst die Journalisten bei Fox News ihn nicht weiter kommentieren mochten und nur murmelten, er müsse jetzt aber endlich mal Beweise liefern.

Der Vorsprung war vielerorts knapp

Nein, Trump wird, Stand jetzt, keine Beweise dafür liefern können, dass Biden auf unrechtmäßigem Weg ins Amt gekommen ist. 74 Millionen Amerikaner haben ihn gewählt. In vielen anderen Ländern würde allein das ihn zum Präsidenten qualifizieren, in den USA musste es der knappe Vorsprung in mehreren einzelnen Staaten sein.

Auch das ist weder betrügerisch noch neu: Genauso hat Trump vor vier Jahren gewonnen - mit weniger als 80.000 Stimmen Vorsprung in drei Staaten. Hillary Clinton hat damals ihre Niederlage eingeräumt und gratuliert. Trump hingegen, wenn er schon nicht gewonnen hat, will das ganze System zerstören.

Viel Ballast

Was für ein schweres Erbe für Biden. Er muss den Hass überwinden, eine Pandemie in den Griff bekommen, die Verwüstungen durch die Pandemie heilen, er muss seine eigene Partei zusammenhalten und die USA zurück in die Welt führen. Und das ohne die nötige politische Hausmacht, denn im Senat werden die Republikaner womöglich ihre Mehrheit behalten.

Donald Trump wird das Weiße Haus verlassen müssen, auf demokratischem Weg. Das ist sehr gut für die USA. Aber er war kein Irrtum der Geschichte, und das wird die große Last des Joe Biden sein.

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Dieser Beitrag lief am 07. November 2020 um 18:35 Uhr auf MDR Aktuell.

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