Proteste Portland | Bildquelle: via REUTERS

Black Lives Matter Wie Portland zur Protesthochburg wurde

Stand: 19.10.2020 11:59 Uhr

Hipster, Liberale, weiße Mittelschicht - das ist Portland, Oregon - die weißeste Großstadt der USA. Trotzdem wurde die alternative Metropole zur Hochburg der Black-Lives-Matter-Bewegung.

Von Katharina Wilhelm, ARD-Studio Los Angeles

Der Wettergott meint es nicht gut mit dem Demonstrierenden auf dem Pioneer Square in Portland, der auch das Wohnzimmer der Stadt genannt wird. Es regnet sich gerade richtig ein. Wie jeden Freitagvormittag kommen trotzdem die "Nurses for Black Lives Matter" - also die Krankenschwestern für die "Black Lives Matter"-Bewegung - hierhin, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren.

Julia in ihrer camouflage-grünen Jacke, deren Kapuze ihr tief ins Gesicht ragt, gehört dazu: "Das weiße Portland rechnet gerade ernsthaft mit seiner Haltung ab, so unglaublich liberal zu sein, keine Hautfarben zu sehen und dem ganzen Quatsch. Ich denke, viele weiße Menschen öffnen sich jetzt, und das ist toll!", sagt sie.

Julia und die anderen Protestierenden sind alle weiß. So wie die Mehrheit der rund 650.000-Einwohner-Stadt Portland. Sie wird oft als die weißeste Großstadt der USA bezeichnet. Rund 77 Prozent der Bevölkerung sind Weiße, während nur etwa 6,5 Prozent der Bevölkerung schwarz sind. Zum Vergleich: Der Anteil Schwarzer an der US-Gesamtbevölkerung beträgt etwa zwölfeinhalb Prozent.

Krankenschwestern demonstrieren in Portland für die Black Lives Matter Bewegung | Bildquelle: REUTERS
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Seit Monaten demonstrieren Krankenschwestern in Portland für die "Black Lives Matter"-Bewegung.

Hipsterbart und glutenfreier Kuchen

Portland hat in den USA den Ruf auch die Hipster-Hauptstadt zu sein. Ein Ort, an dem sich weiße, linksintellektuelle, umweltbewusste Menschen wohlfühlen - Hipsterbart, selbstgebrautes Bier, glutenfreier Kuchen und Einrad inklusive. Dass Portland so gesehen wird, hat auch mit der knapp zehn Jahre alten TV-Show "Portlandia" zu tun, die das Klischee der Öko-Links-Hochburg stark beförderte.

"Portland ist eine Stadt, in der junge Menschen in Rente gehen", ist ein Satz, der die Stadt und ihre Bewohner beschreibt. Hier seien die 1990er-Jahre noch am Leben, sang Comedian Fred Armisen in der Sendung.

Proteste und Tränengas

Mit dieser lustig-ironischen TV-Show ist Portland dieser Tage kaum noch vergleichbar. Plötzlich ist Portland im Blickfeld der US-Regierung, wird von US-Präsident Donald Trump als ein "Desaster" bezeichnet, in dem der linke Mob wüte.

"Die heldenhaften Bundesbeamten haben das Bundesgericht gerettet -  vor gesetzlosen Aufständischen, Aufrührer, Anarchisten", so Trump. "Der Bürgermeister der Stadt, Ted Wheeler, konnte nichts ausrichten. Er unterliegt der Gnade des Mobs. Die linksgerichtete Gewalt ist eine Gefahr für unser Land. Und wir haben sie gestoppt."

Seit Ende Mai wird in Portland protestiert - und das heftig. Tränengas kommt regelmäßig zum Einsatz. Während tagsüber meist friedlich demonstriert wird, ziehen am Abend radikalere Gruppen durch die Stadt. Das Justizgebäude in der Innenstadt Portlands ist zur Kampfzone der Proteste der Black-Lives-Matter-Bewegung und der Gegendemonstrationen geworden. 

Sicherheitskräfte setzen Tränengas gegen Demonstranten in Portland ein | Bildquelle: AP
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Tränengas kommt bei den Protesten in Portland regelmäßig zum Einsatz.

Bürgermeister gegen Bundesbeamte

Sperrholzplatten verriegeln Fenster und Türen. Um das Gebäude zu schützen, schickte die Trump-Regierung Bundesbeamte nach Portland. Ihnen wurde vorgeworfen, nicht nur wie angeordnet das Gebäude zu schützen, sondern auch Demonstrierende festzunehmen, in ungekennzeichnete Autos zu sperren und sich aufzuführen wie Milizen.

Dagegen wehrten sich nicht nur die Protestierenden, sondern auch Bürgermeister Wheeler: "Ihre Anwesenheit hier führt tatsächlich zu mehr Gewalt und mehr Vandalismus", sagte er damals zu den Bundesbeamten. "Wir haben nie um sie gebeten, wir wollen, dass sie gehen."

In Portland wuchs die Wut auf die Bundesbeamten, die Polizei und auch gegen die amerikanische Regierung weiter an. Die Proteste bekamen Unterstützung - unter anderem von "Müttergruppen", die sich in gelben T-Shirts vor die Demonstranten stellten. Auch die "Portland  Dads" sind ein Phänomen: Männer, die mit Laubbläsern die Tränengaswolken wegpusten, Luft zum Atmen schaffen wollen.

"Es macht mich traurig"

Die Bundesbeamten verließen zwar die Stadt: Portland bleibt aber im Fokus Trumps - ein Symbol für linksradikalen Terror. Viele konservative bis moderate Amerikaner gehen da mit. Sie haben Probleme mit den Forderungen der Black-Lives-Matter-Bewegung, vor allem, weil diese zum Teil fordert, die Polizei anders und vor allem geringer zu finanzieren. Während Trump für "Recht und Ordnung" plädiert, wollen die Aktivisten, dass Polizeibeamte anders ausgebildet werden, weniger aggressiv vorgehen und zum Teil durch Sozialarbeiter ersetzt werden.

"Das hier war mal der Eingang des Justizzentrums, aber sie haben alles verriegelt als die Proteste anfingen", erklärt Teela Foxworth. Die junge Frau mit einer knallgelben Bluse ist Professorin für Sozialwissenschaften und versteht wie kaum jemand sonst die Komplexität des Konfliktes.

"Ich bin hier praktisch aufgewachsen", sagt sie. "Mein Vater hat hier als Undercover-Polizist angefangen, mein Onkel war beim FBI, mein Bruder ist bei der Polizei. Ich habe also eine familiäre Verbindung dazu, mein erster Job war hier. Ich lebe zwischen diesen beiden Welten. Denn ich bin auch eine schwarze Frau in einer der weißesten Städte der USA. Ich habe also die Erfahrungen aus meinem Alltag. Dazu unterrichte ich unter anderem Kurse zum Thema Ethnien und Rassismus, habe also diesen wissenschaftlichen Hintergrund. Und es macht mich traurig, dass es keine Gespräche zwischen den verschiedenen Gruppen gibt. Ich weiß nicht, ob es einen Fortschritt geben kann, wenn man nicht miteinander redet."

Bundesbeamte im Einsatz bei Protesten in Portland | Bildquelle: AFP
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Die Trump-Regierung entsandte Bundesbeamte nach Portland.

"Vielleicht fünf Blocks"

Die Polizei abschaffen, wie es manche Demonstranten fordern - keine Option für Foxworth. Doch die Demonstrierenden als Terroristen zu bezeichnen, sei ebenfalls falsch. Verständnis für alle Seiten sei ihr wichtig. Als Mitglied einer Familie, in der viele in der Strafverfolgung arbeiten, führe sie viele emotionale Gespräche derzeit: "Ich habe meinem Bruder gesagt, ich sehe die Menschen im Klassenzimmer an ihren guten Tagen, an denen sie ihr Leben verbessern wollen. Er sieht sie an ihren schlechten Tagen, bei Festnahmen", so Foxworth.

Sie führt mich zum Apple-Laden in der Innenstadt, einem Hotspot der Proteste. Von dem Laden ist wenig zu sehen, er ist mit Holzplatten verkleidet und mit bunten Graffitis und Streetart übersät. Das Porträt von George Floyd, der in diesem Jahr von Polizisten getötet wurde, ist zu sehen. Es herrscht eine gespenstische Ruhe in der sonst belebten Innenstadt. Wie erlebt die Sozialwissenschaftlerin die Proteste, die Gewalt - ist Portland eine Stadt der Autonomen Szene geworden, wie Präsident Trump es beschreibt?

"Es sind vielleicht fünf Blocks, die so aussehen - aber der Rest von Portland eben nicht", sagt Foxworth. "Wenn der Präsident wirklich denkt, dass diese Stadt brennt, warum schickt er dann Bundesbeamte rein und kommt nicht persönlich vorbei, so wie bei Naturkatastrophen auch? Portland brennt nicht."

Der Apple-Laden in Portland ist mit Holzplatten verkleidet und mit bunten Graffitis und Streetart übersät. | Bildquelle: dpa
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Der Apple-Laden in Portland ist mit Holzplatten verkleidet und mit bunten Graffitis und Streetart übersät.

"Recht und Gesetz"

Vor dem Justizgebäude haben sich am Nachmittag Demonstranten aufgestellt. Sie schwenken blau-schwarz-weiße US-Flaggen - ein Zeichen der Solidarität mit der Polizei. 

"Es gibt eine Notwendigkeit für Recht und Gesetz. Als die Homeland Security hier war, war es besser. Denn ohne Recht und Gesetz überlässt man die Gesellschaft den Wölfen", sagt Steve. Er trägt eine schwarze Gesichtsmaske und ein schwarzes Trump-T-Shirt. Er ärgert sich über die Gewalt der Demonstrierenden, die hier die Gebäude zerstörten und, so wie er sagt, den Steuerzahler Geld kosteten.

Der Grund, warum überhaupt so wütend demonstriert wird, verstehe er trotzdem: "Wir glauben hundert Prozent, dass Schwarze Leben wichtig sind. Wir werden weiße Nationalisten genannt, aber nein, wir unterstützen nur die Polizisten. Aber ehrlich: Echte Amerikaner sehen die Hautfarbe nicht, die sehen die Persönlichkeit. Die meisten von uns sind christlich und wollen nur tun, was richtig ist", so Steve.

"Was bringt das für Schwarze?"

Teela Foxworth wundert es manchmal, dass ausgerechnet das super-weiße Portland zu einem Epizentrum der Black-Lives-Matter-Proteste geworden ist: "Ich dachte nach der Ermordung von George Floyd, dass die Menschen in Minneapolis länger auf der Straße gehen, als wir hier", sagt sie. "Ich finde es schon gut, dass so viele dabei sind. Meine Oma sagte mir am Telefon - ich hätte nie gedacht, dass ich das in meinem Leben noch sehen würde. Geht raus, seid genauso sauer wie wir. Dieses Land wurde auf einer Verfassung aufgebaut als Schwarze noch Sklaven waren. Die Gesetze von damals sollten nie auf Menschen angewendet werden, die aussehen wie ich."

Doch sie und andere Aktivisten haben auch einen kritischen Blick auf die weißen Demonstrierenden. Zum Beispiel, als ein Bild einer weißen Frau durch die Presse ging, die sich bei den Demos in Portland komplett nackt auf die Straße legte und sich fotografieren ließ.

“Was bringt das für Schwarze? Erstmal zeigt sie damit ihr Privileg als weiße Frau, eine Straftat zu begehen vor Polizeibeamten und nicht verhaftet zu werden. Schwarze Körper würden so etwas nie erleben", sagt Foxworth. Sie glaubt, dies habe auch viel mit den sozialen Medien zu tun und dem Wunsch nach Aufmerksamkeit.

Oregons rassistische Vergangenheit

"Ich denke, unsere Stadt ist noch immer sehr rassistisch und dass wir Leute haben, die ihr Engagement gern zeigen, aber nicht so ernst meinen", sagt Foxworth. "Ich habe schon ein Problem damit, wenn die Leute demonstrieren gehen und dann nach Nord-Ost-Portland gehen in ihre sehr gentrifizierten Nachbarschaften, aus denen Schwarze lange systematisch herausgehalten wurden. Manche Leute kennen die Geschichte unseres Staates nicht und warum es hier so aussieht, wie es eben aussieht."

Oregon hat eine besonders heftige rassistische Vergangenheit. Nicht ohne Grund leben in Portland und auch im Umland vor allem Weiße: "Das gleiche Gesetz, das die Sklaverei in der Verfassung Oregons verbot, verbannte Schwarze aus dem Bundesstaat, sie durften hier nicht leben. Darin stand auch, dass ihnen die Bestrafung mit der Peitsche droht, bis sie den Staat verlassen. Diese Sprache hielt sich in unserer Verfassung bis 2001!", erklärt Aktivistin und Autorin Walidah Imarisha im Nachrichtensender CBS. In Oregon und speziell in Portland siedelte sich der rassistische Ku-Klux-Klan an. Noch in den 1920er-Jahren war es kein Geheimnis, dass beispielsweise Polizeichef und Bezirksstaatsanwälte Mitglieder dieser Vereinigung waren. 

Nationalistische "Proud Boys" in Portland | Bildquelle: AFP
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Sei 2016 sind die nationalistischen "Proud Boys" immer wieder in der Stadt.

Zusammenstöße radikaler Gruppen

Genau diese rassistische Vergangenheit habe die Stadt zum Guten verändert, meint John Kent Harrison. Der Regisseur ist bekennender Demokrat, er kommt eigentlich aus Kanada und schätzt die seiner Ansicht nach offene Stimmung der Stadt: "Es war wirklich ein rassistischer Ort. Fast ironischerweise ist Portand ein liberaler Ort geworden mit einer tollen Literaturszene, Kunst, Kultur, Theater", sagt er. "Interessant ist, dass das die Leute außerhalb der Stadt nicht mögen. Sie hassen Portland, die meisten von ihnen sind Trump-Befürworter."

Dass in Portland linke auf rechte Gruppen treffen, ist nicht neu. Sei 2016 beispielsweise sind die nationalistischen "Proud Boys" immer wieder in der Stadt. Der Soziologe Randy Blazak studiert seit Jahren die radikalen Gruppen in Portland. Im Interview mit den Lokalnachrichten sagt er, dass das progressive Portland diese rechten Vereinigungen regelrecht anziehe: "Da Portland eine ziemlich starke Anti-Rassismus-Community hat, wurde den Rechten schnell klar: Wenn sie kämpfen wollen, müssen sie nach Portland, Oregon."

Blaue Punkte

In Oregon scheinen die Extreme der USA besonders hervorzutreten, die Konflikte wirken fast exemplarisch für das Land. Eine mehrheitlich weiße Gesellschaft, die Städte, das urbane Leben sind beherrscht von Demokraten und einem liberalen Weltbild. "Blaue Punkte" nennt man diese Städte - blau steht für die Demokraten. Draußen auf dem Land wird rot gewählt, republikanisch.

Diese Beobachtung macht auch Kirsten Seyferth. Die Deutsche lebt nur wenige Kilometer außerhalb von Portland. "Sobald du aufs Land kommst, siehst du die Trump-Flaggen", sagt sie. "Was ich so mitkriege, zeigt, dass die Bereitschaft zur Gewalt stärker, die Bereitschaft, die Waffen, die sich so angesammelt haben, auch zu verwenden, größer ist."

Seyferths Leben ist eigentlich sehr idyllisch - Haus, Hof umgeben von drei Pferden, zwei Hunden und Hühnern. Doch die Idylle habe einen Knacks bekommen, mit Sorge betrachte sie, wie die Schlangen vor dem örtlichen Waffenladen anwachsen. Und über Politik unterhalte sie sich nur selten: "Ich vermeide es, darüber mit den Nachbarn ins Gespräch zu kommen", sagt sie.

Portland kommt nicht zur Ruhe

In Portland eskalierte die Gewalt Anfang September als ein Mann am Rande von Demonstrationen erschossen wird, offenbar ein Mitglied der rechte Gruppierung "Patriot Prayer". Der mutmaßliche Schütze, ein Linker, wurde bei der versuchten Festnahme kurz darauf von Polizeibeamten erschossen. 

Portland kommt nicht zur Ruhe. Gut finden das die Aktivisten der Black-Lives-Matter-Bewegung. Tim, eine der Pflegekräfte, die mitten im Regen demonstrieren gehen, sagt mir, er glaube, das Land ändere sich dieses Mal wirklich: "Die Menschen wachen auf, vor allem die Weißen, die so lange am längeren Hebel saßen. Wir werden jedenfalls nicht aufhören."

ProtestsSoWhite? Wie Portland zur Protesthochburg wurde
Katharina Wilhelm, ARD Los Angeles
19.10.2020 10:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Oktober 2020 um 18:30 Uhr.

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