US-Präsident Donald Trump und seine Beraterin Hope Hicks nehmen an einem Gottesdienst in Las Vegas teil. | Bildquelle: AP

Christliche Wählergruppen Das Trump-Paradox der Evangelikalen

Stand: 26.10.2020 13:19 Uhr

US-Präsident Trump inszeniert sich als Bewahrer der weißen Kleinfamilie, die sonntags zur Kirche geht. Das bringt ihm bei den Evangelikalen hohe Zustimmungsraten, obwohl sein Lebenswandel ganz anders aussieht.

Von Sebastian Hesse, ARD-Studio Washington

"Ich finde, Religion ist etwas Wundervolles", sagt US-Präsident Donald Trump, "meine Religion ist wundervoll". Trump ist Presbyterianer, also Anhänger einer der protestantischen "Mainline Churches".

Bevor er in die Politik einstieg, war von dem Reality-TV-Star und Immobilien-Mogul wenig zum Thema Glauben zu hören. Im Wahlkampf 2016 inszenierte er sich dann überraschend - und erfolgreich - als gottesfürchtiger Garant christlicher Religionsfreiheit.

Die ist dem Empfinden vieler frommer Amerikaner nach in existenzieller Gefahr. 81 Prozent der Evangelikalen - der meist weißen, konservativen Protestanten - votierten daraufhin für Trump: Eine Rekordzustimmungsrate in dieser gesellschaftlichen Gruppe.

Was aber das demonstrative Bekenntnis zu Glaube und Religiosität für sein politisches und persönliches Handeln bedeuten, dazu äußert sich der Präsident selten. Es sei großartig, dass man um Vergebung bitten könne, wenn man Fehler macht, sagt Trump. Er selber mache aber selten Fehler: "Warum sollte ich Buße tun, wenn ich nie Fehler mache?"

Für den Geistlichen Jeffress ist Trump eine Lichtgestalt

Hier ist es wieder: Das Trump-Paradox. Solange er im Sinne seiner Unterstützer liefert, stellen die ihm eine Art moralischen Freifahrtschein aus.

Gerade für das evangelikale Milieu mit seinen unverhandelbaren Wertvorstellungen ist Trump der unmöglichste aller Vorkämpfer: Ein Mann, der mit seinem herablassenden Umgang mit Frauen prahlt, zweifach geschieden ist, Spielkasinos betreibt, wenig Mitgefühl an den Tag legt.

Doch für Pastor Robert Jeffress etwa, einen der prominentesten evangelikalen Geistlichen des Landes, ist Trump eine Lichtgestalt: "Er hat konservative Richter an die Bundesgerichte bestellt, er kämpft für Religionsfreiheit und gegen Abtreibung, er unterstützt Israel vorbehaltlos", schwärmt der Pfarrer der "First Baptist Church" in Dallas, Texas.

Für die religiöse Rechte war Trump 2016 nach Jahrzehnten der verhassten Liberalisierung endlich eine Chance, das Abtreibungsrecht zu kippen, indem er konservative Bundesrichter bestellte. Trump gelang es zum Entzücken der Evangelikalen, den neunköpfigen Obersten Gerichtshof mit sechs zu drei nach rechts auszutarieren: Amy Coney Barrett ist bereits seine dritte Supreme Court-Nominierung.

Hohe Zustimmung bei Evangelikalen

"Solange dieser Präsident weiterhin die Wahrheit spricht über die Unverletztlichkeit des menschlichen Lebens, solange werden ihn die Linken hassen", glaubt der Südstaaten-Prediger Jeffress. Trumps aggressiver politischer Stil stört den Geistlichen nicht: Dieser Präsident ist der skrupellose Vorkämpfer, den die Evangelikalen nie hatten - und der ihnen den Erhalt ihrer bedrohten Lebenswelt zusichert.

Die weiße, traditionelle Kleinfamilie, die sonntags zur Kirche geht, ist längst nicht mehr das gesellschaftliche Ideal Amerikas. Sie sieht in Trump ihren Bewahrer: "Ich habe dem Präsidenten dieser Tage gesagt, dass ihn in diesem Jahr noch mehr Evangelikale unterstützen werden", sagt Jeffress, der zum spirituellen Berater-Stab des Präsidenten gehört.

Demoskopen geben dem Prediger recht: Eine Erhebung des PEW Research Centers legt nahe, dass 82 Prozent der Evangelikalen Trump wiederwählen werden.

Über dieses Thema berichtete hr-iNFO Aktuell am 05. Juni 2020 um 06:00 Uhr.

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