Zwei Studentinnen der Belmont University im Bundesstaat Tennessee vor einer Wahlkampfveranstaltung. | Bildquelle: AFP

US-Wahlkampf So viele Jungwähler wie nie

Stand: 29.10.2020 02:31 Uhr

Millennials sind in den USA eine riesige Wählergruppe - sie können bei der Wahl die Weichen für die Zukunft stellen. Ausgerechnet der älteste Kandidat steht bei ihnen hoch im Kurs.

Von Jule Käppel, ARD-Studio Washington

Sie haben Masken auf, sie halten Abstand, sie haben Spaß: Auf einem Verkehrskreisel mit Wiese, Bäumen und angestrahltem Marmor-Springbrunnen in der Mitte tanzen etwa 50 junge Leute in Washington, D.C. durch die letzte milde Nacht des Jahres.

Sie gehören zu der Generation, die bei dieser Präsidentschaftswahl die Weichen stellen kann. Mit rund 88 Millionen sind sie mehr als die Baby-Boomer - eine riesige Wählergruppe.

Vivian ist gerade 26 Jahre alt geworden und sie will mit ihrer Stimme unbedingt etwas bewegen. "Wir müssen wählen, als würde unser Leben davon abhängen", sagt die junge Frau aus Brooklyn, New York. Sie ist überzeugt: Auch wenn es dich vielleicht nicht direkt betrifft, musst du für jemanden wählen, der es braucht.

Mehr Jungwähler denn je zuvor

In Umfragen kündigt sich an, dass mehr junge US-Amerikaner wählen werden als je zuvor. Dem Harvard-Projekt für öffentliche Meinung sagten 63 Prozent der 18- bis 29-Jährigen, sie würden "definitiv wählen". Vor vier Jahren hatte sich das weniger als die Hälfte vorgenommen.

Die Erst- und Jungwähler tendieren stärker zu Biden als zu Trump. Vivian ist aber auch der demokratische Kandidat noch viel zu konservativ. "Jetzt ist nicht die Zeit, um zu protestieren", sagt sie. Bei dieser Wahl gehe es ihr darum, die Stimme zu nutzen, zu handeln und jemanden ins Oval Office zu bekommen, der "dieses Land nicht noch schlimmer macht".

Euphorie klingt anders, aber vier Jahre Trump machen auch eine Idealistin wie Vivian kompromissfähig. Hillary Clinton konnte vor vier Jahren nicht genügend Millennials mobilisieren.

Studierende der Universität Michigan, von denen einer ein Demokraten-Wahlplakat mitgebracht hat, warten auf eine Ansprache von Bernie Sanders. | Bildquelle: AP
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Studierende der Universität Michigan, von denen einer ein Demokraten-Wahlplakat mitgebracht hat, warten auf eine Ansprache von Bernie Sanders. Nachdem dieser früh aus dem Rennen schied, rief er zur Wahl von Joe Biden auf.

Biden überrascht die Beobachter

Joe Biden gelingt es - und das hätten ihm selbst Partei-Anhänger nicht zugetraut. Der Demokrat profitiere von einem wachsenden politischen Bewusstsein der Jungen, sagt Politik-Professor Michael Hanmer: "Die jungen Leute realisieren, dass ihre Stimme zählt."

Die Corona-Krise trage dazu bei, denn die Pandemie habe mehr Aufmerksamkeit auf die Politik gelenkt - auch unter Erstwählern, sagt der Professor der Universität Maryland.

Und: Die Corona-Krise ändere deren Prioritäten. Gesundheitsvorsorge und Bildungspolitik waren ihnen bisher besonders wichtig, doch in den vergangenen Wochen hat sich ein Thema für sie nach vorn geschoben: die Wirtschaft. Die jungen Erwachsenen haben Angst, keinen Job zu finden oder arbeitslos zu werden.

 "Besseres Gefühl als vor vier Jahren"

Das Land mache schwere Zeiten durch, aber mit den richtigen Leuten sei es zu schaffen, sagt der 19-jährige Germile, der in einer Schlange zum Wahllokal wartet.

Für ihn wäre es das Schlimmste, seinen Job als Kassierer in einer chemischen Reinigung zu verlieren. Germile hat für seine erste Präsidentschaftswahl ein Käppi mit amerikanischem Flaggen-Print aufgesetzt. Auf dem Aufnäher an seiner Hose steht "Patriot".

Er habe ein besseres Gefühl als vor vier Jahren, sei aber nervös, ob es sein Präsident noch mal schafft, meint er.

Sechs Millionen junge Menschen haben sich im sogenannten Early Voting bereits für oder gegen Trump entschieden. Besonders stark ist ihr Zulauf in Texas und den hart umkämpften Staaten Florida und North Carolina.

Amerikas Jugend und die Wahl
Jule Käppel, ARD Washington
29.10.2020 05:57 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 29. Oktober 2020 um 14:19 Uhr.

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