Stacheldraht am Zaun | Bildquelle: dpa

US-Grenzmauer zu Mexiko "Es sieht so aus, als seien wir getrennt"

Stand: 27.10.2020 14:48 Uhr

Vor vier Jahren war der Bau einer Grenzmauer zu Mexiko Trumps zentrales Wahlkampfthema. Was hat sich verändert? Eine Spurensuche in Nogales, wo die Grenze mitten durch die Stadt verläuft.

Von Torsten Teichmann, ARD-Studio Washington

Der Güterzug ist überall in Nogales zu hören. Er schiebt sich mitten durch die Kleinstadt an der Grenze im US-Bundesstaat Arizona und bringt Waren von Mexiko zu weit entfernten Orten in den USA und umgekehrt.

Jedes Mal öffnet sich dann das hohe, rostbraune Tor über den Gleisen am Grenzübergang. Die Schienen seien eine Lebensader, die von Politikern meist unterschlagen werde, findet der Produzent einer lokalen Punkband, Ivan Rzeslawski: "Was sie nicht sagen, ist, dass die Tomaten für den Big Mac hier durchkommen. Euer Salat kommt hier durch. Euer fancy-schmancy gesundes Essen kommt hier her", sagt er. "Wir brauchen also einander. Die sagen aber nur, hier kämen Mörder und Vergewaltiger durch. Nein, es ist Euer Salat!"

Politiker in Washington hätten noch nie in ihrem Leben einen echten Taco gegessen. Rzeslawski will damit sagen: Die haben keine Ahnung von der Situation.

Eine Stadt, zwei Hälften

Eine Beobachtung, die die Lehrerin Mayra Zuniga teilt: "Wir sind in Nogales geboren und aufgewachsen. Die Stadt besteht aus zwei Hälften: Es gibt ein Nogales in den USA und ein Nogales in Mexiko. Und wir denken, die Menschen wissen gar nicht, wie sicher unsere Stadt ist, wie einladend, wie schön und in sich verschieden sie ist."

US-Präsident Trump hatte die Grenze zu Mexiko vor vier Jahren zum zentralen Wahlkampfthema gemacht und dabei Einwanderer verunglimpft und mit Schmähungen überzogen. Wie beeinflusst der Streit die Wahlentscheidung der US-Amerikaner dieses Mal?

Ein US-Grenzschutzpolizist steht am Grenzzaun, der die USA von Mexiko trennt (Nogales, Arizona) | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER
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In Nogales verläuft die Grenze zwischen den USA und Mexiko mitten durch die Stadt.

Stacheldraht auf dem Zaun - "ein Schandfleck"

Großartige Arbeit habe der Grenzschutz geleistet, lobte Trump vor kurzem in Yuma, einem weiteren Grenzort in Arizona. 340 Kilometer Sperrwall seien errichtet worden, und bis Ende des Jahres könnten es 800 Kilometer sein.

Die Mauer in Nogales ist dagegen viel älter als die Trump-Administration: Es ist ein Zaun links und rechts vom Grenzübergang aus etwa fünf Meter hohen Metallstreben, der die Stadt teilt. Die Familien der Stadt leben auf beiden Seiten des Zauns.

Vor ein paar Monaten seien die Spiralen aus Stacheldraht am oberen Ende des Zauns angebracht worden, erzählt Zuniga. "Für mich wirkt der Stacheldraht wirklich wie ein Schandfleck. Das ergibt ein ganz falsches Bild", meint sie. "Es sieht so aus, als seien wir getrennt, aber das stimmt nicht."

Zunigas Mann Daniel vermutet, der Anblick solle abschrecken, die Grenze überhaupt noch zu passieren. Tatsächlich steigt die Zahl der Menschen, die versuchen, ohne gültige Papiere in die USA zu kommen, aber seit April wieder an. Die Zahl der aufgegriffenen Einwanderer ist wieder vergleichbar mit der Zeit der Obama-Administration.

Grenzaun auf dem Hügel | Bildquelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com
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Die Spiralen aus Stacheldraht sind erst vor ein paar Monaten am Grenzzaun angebracht worden.

Biden für Einbürgerung von Einwanderern

Ähnlich regelmäßig wie der Bahnübergang und der Zug läuten am Wochenende die Kirchenglocken in Nogales. In der katholischen Messe geht es um die Bibelstelle, in der Jesus gefragt wird, welches die wichtigsten Gebote sind: Liebe Deinen Nachbarn wie Dich selbst.

"Es gibt so viel Trennendes. Und immer heißt es, wenn Du Dich mir nicht anschließt, bist Du gegen mich. Das widerspricht allem, was wir in der Kirche hören", sagt Zuniga dazu.

Aber was heißt das für die Präsidentschaftswahl? Daniel Zuniga sagt, ihm habe gefallen, was der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, Joe Biden, bisher zum Thema Immigration gesagt hat. Biden hatte im letzten Fernsehduell versprochen, sich für die Einbürgerung von elf Millionen Einwanderern ohne Papiere einzusetzen.

Die dunkle Seite der Einwanderung: Menschenhandel

Anders als Mayra und Daniel Zuniga unterstützen viele Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln aber auch den Kurs der Trump-Regierung. Isabel, die ihren Nachnamen nicht nennt, sagt zum Beispiel, jeder, der Kritik übe, müsse sich einmal mit einem Grenzbeamten unterhalten: "Das größte Problem ist der Menschenhandel. Als Frau will ich mir gar nicht vorstellen, was die Frauen durchmachen müssen, um hierher zu kommen", sagt sie. "Die Coyoten - wie wir die Menschenhändler nennen - nehmen all ihr Geld und lassen sie in der Mitte der Wüste hängen, wenn Probleme auftauchen."

Die junge Frau, die mittlerweile in New York lebt, erzählt: 15 Mal sei ins Haus ihrer Großeltern nahe der Grenze eingebrochen worden. Und den Vorwurf, die USA würden Einwanderer schlecht behandeln, hält sie für ungerecht: "Die Unterbringung, die wir in den Vereinigten Staaten Menschen geben, die an der Grenze aufgegriffen werden … Zeig mir ein Land, das so viel bietet. Die Leute beschweren sich über die Situation in den Unterkünften, aber zeig mir ein Land, das so was hat."

 "Werden alle bald Bürger dritter Klasse sein"

Erst vor kurzem war berichtet worden, dass mehr als 500 Kinder, die von Grenzbeamten von ihren Eltern getrennt worden waren, immer noch in den USA sind. Die Eltern hatte die Einwanderungsbehörde längst abgeschoben.

Rzeslawski hält das für falsch. Die Vorfahren der meisten Menschen aus Nogales seien doch selbst aus Mexiko gekommen und hätten versucht, dazuzugehören. "Ich kann sehen, wie sie kämpfen, um Zugang zu bekommen. Sie tun ihr Bestes", sagt er. "Aber wenn sie einmal durch sind, sind sie die ersten, die die Tür hinter sich zuschlagen wollen. Ich habe das nie verstanden, denn so, wie es läuft, werden wir alle bald Bürger dritter Klasse sein." 

Rzeslawski, dessen Großvater aus Polen in die USA eingewandert ist, sagt: Die Mauer zu Mexiko sei nicht stark, sondern eigentlich sehr schwach. Der Musikproduzent in Nogales hofft auf einen Wechsel im Weißen Haus.

Trump, die Mauer und die Stimmung an der Grenze
Torsten Teichmann, ARD Washington
27.10.2020 13:08 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Juli 2020 um 14:02 Uhr.

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