Reiche Seniorin am Strand von Naples (Florida, USA) | Bildquelle: imago stock&people

US-Präsidentenwahl in Florida Rüstig und empört

Stand: 30.10.2020 08:42 Uhr

Wer im US-Bundesstaat Florida die meisten Stimmen gewinnt, hat gute Chancen aufs Weiße Haus. Vor vier Jahren sicherten hier vor allem die Senioren Trumps Sieg. Doch viele von ihnen sind vom Präsidenten enttäuscht.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Maske vor dem Mund, Strohhut auf dem grauen Schopf und ein großes Biden-Schild vor der Brust: So steht Rentnerin Janet vor einem Wahllokal in Cape Coral, im Südwesten Floridas. Die pensionierte Krankenschwester will alles tun, damit das Team Joe Biden und Kamala Harris gewählt wird - auch stundenlang in der Hitze stehen. "Noch vier Jahre Trump, dann haben wir hier Bürgerunruhen. Na, eigentlich haben wir die ja schon", sagt sie.

Senioren sicherten Trumps Wahlsieg in Florida

In Lee County gehört die linksliberale Janet zur klaren Minderheit. Hier, am Golf von Mexiko, gibt es doppelt so viele Republikaner wie Demokraten. Und hier leben viele Senioren, in sogenannten Gated Communities, hinter Mauern und unter Palmen. Die Senioren sicherten Donald Trump vor vier Jahren seinen knappen Wahlsieg im Sunshine State. Jetzt liegt - laut Umfragen - sein Herausforderer Joe Biden bei den älteren Wählern vorn.

Im Wahlkampf-Endspurt kamen gestern gleich beide Kandidaten nach Florida, um ihre Anhängerschaft zu motivieren. Dabei haben über die Hälfte der Menschen in Florida ihre Wahl längst getroffen: Thea Rosenbaum beispielsweise. Die gebürtige Berlinerin lebt schon seit 14 Jahren in Cape Coral - und hat Biden gewählt. Vom amtierenden Präsidenten hat sie noch nie viel gehalten. Aber jetzt wegen seines Krisenmanagements in der Pandemie ist die 81-Jährige richtig empört.

Freunde sprechen nicht über Politik

"Die Meinung im Weißen Haus ist doch, die sperren wir am besten weg, die Senioren. Und dann brauchen wir uns keine Sorgen mehr zu machen um die", sagt Thea. "Das ist die Meinung von Herrn Trump, dass ich im Gefängnis leben muss. Und das sehe ich wirklich nicht ein. Ich hoffe, dass es sich auf die Wahlen auswirken wird, wie die Senioren wählen."

Laut sagen tut Thea das aber normalerweise nicht - jedenfalls nicht gegenüber ihren Nachbarn und Freunden. "Ich bin noch nie in meinem Leben so vorsichtig gewesen mit dem, was ich sage", stellt sie fest. Die meisten in ihrer gepflegten Wohnanlage mit Wasserspielen, Pool, und Theater seien Trump-Anhänger, glaubt sie. Doch genau weiß sie es nicht: "Unter Freunden reden wir nicht über Politik. Ich weiß nicht, was die denken, und die wissen nicht, was ich denke."

"Es gibt doch so etwas wie gesunden Menschenverstand"

Mit ihrer Freundin Jane könnte Thea Rosenbaum über Trump sprechen. Die 67-Jährige, die früher im Gesundheitswesen gearbeitet hat, gibt dem amtierenden Präsidenten wegen Corona schlechte Noten: "Eine Vier minus. Ich bin ehrlich gesagt entsetzt. Und ich bin eine Konservative", sagt Jane. "Aber es gibt doch so etwas wie gesunden Menschenverstand. Und davon war wenig zu sehen während der gesamten Pandemie."

Schon 2016 wählte Jane nur widerwillig Trump. Und trotzdem hat sie hat ihm auch diesmal ihre Briefwahl-Stimme gegeben. "Ich glaube dieses Land bewegt sich in eine sehr gefährliche Richtung. Und je weiter links es rutscht, umso problematischer ist es", sagt sie.

Schwere Vorwürfe gegen Trump

Wie viele Trump-Wähler unter den Senioren sich diesmal tatsächlich für Biden und die Demokraten entscheiden, ist eine der vielen Unbekannten bei dieser US-Wahl. Man muss sie jedenfalls lange suchen: Harry Nesteruk ist einer davon. Bei den letzten 14 Präsidentschaftswahlen hat der 77-Jährige immer republikanisch gewählt. Aber inzwischen sagt er, Trump sei nicht fähig, dieses Amt auszuführen.

Auch bei Harry, der früher Manager in der Rüstungsindustrie war, hat Trumps Pandemie-Politik den Ausschlag gegeben: "Weil er schon im Januar wusste, wie gefährlich das Virus ist, und es trotzdem heruntergespielt hat", sagt er. "Wenn die USA ein Unternehmen wären, und Trump der CEO, dann wäre er jetzt wegen fahrlässiger Tötung dran."

Thea jedenfalls hat in den vergangenen Wochen öfter mal drüber nachgedacht, was sie im Fall von Trumps Wiederwahl macht: Zurück nach Deutschland, nach all den Jahren? "Ich habe mich auch schon mal vorsichtig umgesehen, wo man eine Wohnung findet. Aber dann sage ich mir: 'Mein Gott, ich bin hier wirklich im Paradies.' Und das aufzugeben, ist natürlich nicht so leicht. Mir würde Cape Coral richtig fehlen."

Florida: Die Senioren und Trump
Julia Kastein, ARD Washington
30.10.2020 09:18 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 30. Oktober 2020 um 09:18 Uhr.

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