Golf Carts | Bildquelle: Verena Bünten

Beobachtungen aus Florida Wahlkampf im Disneyland für Rentner

Stand: 21.10.2020 14:22 Uhr

Die größte Rentnersiedlung der USA mit 130.000 Senioren war bislang verlässlich republikanisch. Nun wachsen zwischen Golfplätzen und Residenzen die politischen Spannungen.

Von Verena Bünten, ARD-Studio Washington

Ed McGinty | Bildquelle: Verena Bünten
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Ed McGinty hofft auf den Sieg Bidens.

Jeden Nachmittag bei Wind und Wetter setzt sich Ed McGinty in sein Golfcart, um für zwei Stunden unter Floridas Palmen die konservative Rentner-Gemeinde aufzumischen. Sein ganzes Leben war der 71-Jährige unpolitisch. Seit drei Jahren aber präsentiert der freundliche ältere Herr an gut sichtbaren Stellen eine Auswahl wechselnder Anti-Trump-Schilder: "Donald Trump soll in der Hölle brennen" steht da etwa.

McGinty bekam Drohungen, wurde mit Leserbriefen in der Rentnerzeitung gemobbt und sogar schon geschlagen. Auf den letzten Metern des Wahlkampfs zeigt er sich aber nicht verunsichert, höchstens altersmilde: Statt auf Trump-Schilder setze er jetzt auf positive Botschaften zur Wahl Joe Bidens.

Erbost über Trump und sein Corona-Krisenmanagement

"The Villages" gelten als das weiße "Disneyland für Rentner": In den beigen Reißbrett-Rentnersiedlungen lebte es sich prächtig, solange man konservativ oder als Demokrat diskret war. Vor dieser Präsidentschaftswahl aber trauen sich die Demokraten aus der Deckung.

Charlie Stepnowski holt sich bei den "Village Democrats" ein Biden-Schild für die Terasse. "Das hänge ich zum Golfplatz hin auf. Wetten, dass sie mir Golfbälle an den Kopf werfen?", sagt er.

Meinungsmache per Golfcart

Ausgetragen wird der Meinungskrieg mit dem Hauptfortbewegungsmittel - dem Golfcart. Da im beigen Rentnerparadies keine politischen Schilder die Neutralität der gepflegten Vorgärten stören dürfen, veranstaltet jedes politische Lager regelmäßig Demonstrationen in geschmückten Golfcarts.

Die Gegenseite hupt, ignoriert oder beschimpft dann den Umzug: Dreimal kurz hupen steht für Biden, ein langer Hupton für Trump. Das neue demokratische Selbstbewusstsein zeigt sich auch beim Parken: Genüsslich und besonders lange wird das eigene Golfcart mit dem "Biden: Wahrheit über Lügen"-Slogan gut sichtbar vor die Zentrale der Republikaner gestellt. Das ist eine platzierte Provokation im Rentneridyll.

Golf Cart mit Wahlwerbung für Biden und Harris | Bildquelle: Verena Bünten
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Dieses Golfcart macht Wahlwerbung für die Demokraten ...

Golf Carts | Bildquelle: Verena Bünten
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... und dieses für Trump

Republikanische Rentner fürchten den Sozialismus

Bei den Village Republicans haben sich Nancy und Gary Garrit gerade mit Trump-Schildern versorgt. Der ehemalige Fluglehrer und die Geschäftsfrau sind beide über 80 und  Anhänger des Präsidenten, weil sie weiterhin "das alte Amerika wollen, und nicht Sozialismus". Krankenversicherung für alle, Universität ohne Studiengebühren - viele republikanische Rentner finden solche Forderungen des linken demokratischen Flügels als bedrohlich. Mit Trumps Corona-Krisenmanagement haben sie keine Probleme: "Der Präsident hat getan, was er konnte, er bemüht sich Tag und Nacht um einen Impfstoff. China ist schuld an dem Virus."

JR Guadalupe Aponte | Bildquelle: Verena Bünten
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JR Guadalupe Aponte will, dass Trump wiedergewählt wird.

Als Republikaner fühlen sie sich nach wie vor in der Mehrheit in "The Villages". Einfacher werde es aber nicht. "Die Demokraten sind vulgär, rufen uns Beschimpfungen nach", beklagt sich Nancy Garrit. Andere sind trotz hohen Alters bereit, auszuteilen: "Ich war schon dreimal kurz vor dem Gefängnis. Wer meinen Präsidenten beschimpft, bekommt Prügel", sagt JR Guadalupe Aponte. Dem Bauarbeiter in Rente sieht man seine Begeisterung für den Präsidenten von weitem an: Sein Pickup-Truck ist mit zahlreichen Trump-Flaggen geschmückt.

Rentner als wichtige Wählergruppe im Swing State Florida

2016 gewann Trump ganz Florida nur knapp, bei Floridas Senioren allerdings mit komfortablen 17 Prozent vor Hillary Clinton. Jeder vierte Wähler im wichtigen Swing State ist im Rentenalter.

Doch die verlässliche Rentner-Unterstützung bröckelt für Trump - vor allem wegen seines Corona-Krisenmanagements: Mehr als 80 Prozent der Corona-Toten in den USA sind über 65 Jahre alt. Deswegen werden Floridas Rentner heftig umworben: Biden schaltete schon zwei Wahlwerbespots mit "The Villages"-Rentnern. Und Trump besucht Florida besonders häufig im Wahlkampf-Endspurt.

Die TV-Reportage von Verena Bünten sehen Sie heute um 22.15 Uhr in den tagesthemen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 21. Oktober 2020 um 22:15 Uhr.

Korrespondentin

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