Ein Mann mit Mundschutz schiebt ein Auto in Caracas in Richtung Tankstelle. | Bildquelle: REUTERS

Coronakrise in Venezuela Dem Ölstaat geht der Sprit aus

Stand: 02.05.2020 07:07 Uhr

In der Coronakrise fehlt es Venezuela an Benzin: Krankenwagen bleiben liegen, die Ernte vergammelt auf den Feldern - und der niedrige Ölpreis macht Lebensmittelimporte unerschwinglich.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko

Rinder käuen delikate Salatblätter wieder - ein Festmahl. Bauern müssen die Ernte an ihre Tiere verfüttern. Der Verkauf ist für viele in Venezuela unmöglich geworden, weil es für den Transport kein Benzin mehr gibt. Spinat, Kürbisse, Ananas: die Ernte vergammelt auf den Feldern.

Fischer können nicht mehr aufs Meer fahren, und am Maracaibo-See, an dem die Menschen vom Fischfang leben, weiß eine Mutter nicht, was sie ihren Kindern geben soll. "Wir fischen hier seit über 45 Jahren. Wir haben Hunger, sehr viel Hunger. Seit anderthalb Monaten haben wir keine staatlichen Lebensmittelzuteilungen bekommen", klagt sie. "Wir sagen Ihnen, Präsident: wenn sie das Problem nicht bald lösen, sind wir bereit, von Maracaibo nach Caracas zu marschieren und unsere Rechte einzufordern."

Kühe tun sich an den Salatköpfen gütlich, die sonst von den Bauern zur Lebensmittelversorgung verkauft werden. | Bildquelle: REUTERS
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Kühe tun sich an den Salatköpfen gütlich, die sonst von den Bauern zur Lebensmittelversorgung verkauft werden.

Der Ölstaat kann kaum noch Benzin produzieren, weil seine Raffinerien marode sind. Benzin wurde jahrzehntelang praktisch verschenkt, auch deshalb gab es kein Geld für die Instandhaltung des Staatskonzerns PDVSA. Das Problem bestehe schon lange, werde jetzt aber durch US-Sanktionen verschärft, erklärt der Ökonom Víctor Álvarez: "Seit die USA die Sanktionen ausgeweitet haben, sind die Auswirkungen auf PDVSA noch zerstörerischer. Das hat die Geschäfte beendet", sagt er.

Das Unternehmen habe jetzt keine Zulieferer mehr, weil für die Benzinherstellung nötige Grundstoffe nicht mehr ins Land kämen. "Die Verschärfung der Sanktionen durch die USA führt dazu, dass PDVSA direkt in die Arme Russlands getrieben wird", meint Álvarez.

Maduro bleibt bei Durchhalteparolen

Der russische Konzern Rosneft hat sich zwar aus Venezuela zurückgezogen, seine Aktiva jedoch an den russischen Staat übertragen. Die Ernennung des wegen Drogenhandels mit Sanktionen belegten früheren Vizewirtschaftsministers Tareck al Aissaimi zum Ölminister sei in dieser Situation kontraproduktiv, meint Álvarez.

Erschwerend hinzu kommt der gefallene Ölpreis. Deshalb hat der Staat jetzt noch weniger Geld für Investitionen. Auch Lebensmittelimporte, um die notleidende Bevölkerung zu versorgen, werden schwieriger. Präsident Nicolás Maduro, der durch die Sanktionen zum Rücktritt gezwungen werden soll, gibt sich jedoch siegessicher:

"Venezolanisches Öl ist nur noch 10 Dollar pro Barrel wert. Aber wir sind vorbereitet und trainiert. Venezuela wird kein Ölpreis von 10 Dollar aufhalten und auch kein noch niedrigerer Preis. Venezuela wird durchhalten und seinen Weg aufmerksam, mit Stärke und Arbeit weiterbeschreiten."

"Sei kein Sklave des Dollar", steht auf einem Wandgraffiti in Caracas, an dem eine Frau mit Mundschutz vorbeiläuft. | Bildquelle: AFP
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"Sei kein Sklave des Dollar", steht auf einem Wandgraffiti in Caracas, an dem eine Frau mit Mundschutz vorbeiläuft.

Aus Benzinmangel liegengebliebene Krankenwagen

Tatsächlich könne die Regierung kurzfristig vom gefallenen Ölpreis profitieren, meint Ökonom Álvarez. Und zwar, weil außerhalb Venezuelas auch Benzin weniger kostet: "Die Ankunft mehrerer Tanker wurde schon angekündigt. Bei der Verteilung des Benzins gibt es Prioritäten: Der Transport von Lebensmitteln soll damit sichergestellt werden. Kurzfristig will die Regierung den Preisverfall ausnutzen und den nationalen Markt versorgen."

Tote bei Gefängnisaufstand in Guanare

Bei einem Häftlingsaufstand im Gefängnis Los Llanos in der venezolanischen Stadt Guanare sind am Freitag mindestens 40 Menschen getötet und 50 weitere verletzt worden. Nach Angaben der Streitkräfte kam es zu einer "Störung der öffentlichen Ordnung". Demnach zerstörten Gefangene bei einem "massiven Fluchtversuch" Sicherheitszäune und verwundeten unter anderem den Gefängnisdirektor.
Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation OVP, die sich für die Rechte von Gefangenen einsetzt, ist das Gefängnis Los Llanos völlig überfüllt. Es sei für 750 Insassen gebaut worden, derzeit seien jedoch 2500 Menschen dort inhaftiert. Die Häftlinge seien wütend, weil sie wegen der seit dem 16. März geltenden Anti-Corona-Maßnahmen keinen Besuch bekommen dürften und weder Wasser noch Essen hätten. Die große Mehrheit der Gefangenen sei mangelernährt und habe Tuberkulose. Nach Angaben der venezolanischen Behörden wurde bislang keine Coronavirus-Infektion in Gefängnissen registriert.

Aber der Mangel sei eine Zeitbombe, die weiterticke. Unruhen und Proteste nehmen zu. Wenn eine Tankstelle Benzin hat, bilden sich davor kilometerlange Schlangen und Sprechchöre. Wegen der Corona-Quarantäne gibt es kaum noch Verkehr, aber einige sind darauf angewiesen. In den Netzwerken kursieren Videos von liegengebliebenen Krankenwagen, weil ihre Tanks leer sind, von Eseln, die Lebensmittel schleppen und von Särgen auf Rädern.

Auf dem Schwarzmarkt kostet ein Liter Benzin bis zu 2 US-Dollar. Bei einem neuen Monatsmindestlohn von knapp 5 Dollar kann sich das kaum ein Venezolaner leisten.

Kein Benzin mehr im Ölstaat Venezuela
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko Stadt
02.05.2020 06:38 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Mai 2020 um 08:20 Uhr.

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