Blick in ein Quarantänelager in Venezuela | Bildquelle: NGO Fundaredes

Zurückgekehrte Venezolaner Gefangen in Quarantänelagern

Stand: 02.06.2020 15:02 Uhr

In der Corona-Krise kehren viele venezolanische Migranten in ihre Heimat zurück. Doch in den Quarantänelagern dort erwartet sie ein noch größeres Elend - und die Regierung diffamiert sie als Virusträger.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Es sind die Ärmsten der Armen, die freiwillig ins Elend zurückkehren. Viele Flüchtlinge haben sich in Venezuelas Nachbarländern auf der Straße durchgeschlagen, haben Flaschen gesammelt und Autoscheiben geputzt. Die Pandemie hat auch das beendet. Etwa 50.000 von ihnen sind deshalb in den vergangenen Wochen zurückgekehrt, um zumindest bei ihren Familien zu sein. Zum Empfang werden sie nach dem Grenzübertritt in Quarantänelager gesperrt, Kontakt nach draußen ist verboten. Trotzdem gelangen Fotos und Videos an die Öffentlichkeit.

"Wir sind hier tausend Leute, zusammengepfercht", erzählt ein junger Mann in einem Handyvideo. Die Regierung behaupte, ihnen zu helfen, aber sie benutze die Flüchtlinge nur für politische Zwecke. "Sie sagen, Kolumbien habe uns schlecht behandelt, aber das stimmt nicht", erzählt er. "Dort haben sie uns geholfen, hier nicht." Es gebe im Quarantänelager weder Wasser noch etwas zu essen.

Blick in ein Quarantänelager in Venezuela | Bildquelle: NGO Fundaredes
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Blick in ein Quarantänelager in Venezuela.

Quarantänelager "inhuman und grausam"

Leitungswasser, Strom, Benzin: Inzwischen ist alles Mangelware. Covid-19 trifft auf einen Krisenstaat mit desolatem Gesundheitssystem. Funktionäre der sozialistischen Regierung behaupten, die verfeindeten Nachbarländer schickten Migranten wie Biowaffen zurück. Das sei eine Methode Kolumbiens, meint Vizepräsidentin Delcy Rodríguez. "Unsere Landsleute werden benutzt für perverse geopolitische Ziele - um Venezuela anzugreifen", sagt sie. "Hier kümmern wir uns um sie, lassen sie nicht auf den Straßen wie in Kolumbien, Chile oder Brasilien, wo ihnen das Recht auf Leben und Gesundheit verweigert wird."

Bei der Wiederaufnahme von Venezolanern herrschten jedoch Anarchie und Improvisation, sagt Javier Tarazona von der Nichtregierungsorganisation Fundaredes. Sie kümmert sich um Migranten, so gut es geht. Tarazona selbst hat nur noch drei Stunden am Tag Strom. In den Quarantänelagern ist die Lage ihm zufolge aber viel schlimmer: Die Zentren erfüllten nicht die Mindeststandards. "Sie sind inhuman und grausam", sagt er. "Hunderte, unter ihnen viele Kinder, werden in Räumen ohne Toiletten zusammengepfercht, ohne Trinkwasser, Strom und Essen." Sie hätten keine Matten zum Schlafen und würden auch nicht auf das Coronavirus getestet.

Ein Mann kocht notdürftig mit Holz in einem Quarantänelager in Venezuela | Bildquelle: NGO Fundaredes
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Essen ist in den Quarantäne-Lagern Mangelware - das zeigen auch Handybilder wie dieses, die immer wieder an die Öffentlichkeit gelangen.

Die Vergessenen der Krise

Der Rückkehrer José Ortíz, der es aus Wut und Trauer wagte, mit einer Zeitung zu sprechen, berichtet vom Schicksal seiner Familie. Sie und die anderen Eingesperrten hätten verdorbenes Essen erhalten, sein eineinhalbjähriger Sohn habe vor Hunger alles verschlungen. "In der Nacht begannen Durchfall und Erbrechen. Allen ging es schlecht", erzählt er. Morgens habe er aus dem Fenster um Hilfe gerufen - stundenlang vergeblich. Erst am Nachmittag wurde sein bereits bewusstloses Kleinkind per Taxi in eine Klinik gebracht. Doch die Hilfe kam zu spät: Das Kind starb.

Die Rückkehrer gehören zu den Vergessenen der Krise. In den Ländern, in die sie geflohen sind, können sie wegen Corona nicht überleben. Zu Hause dienen sie der Politik als Spielball und werden als Virusträger diffamiert.

Venezuela – Zurück ins Elend
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko City
02.06.2020 13:47 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL im Hörfunk am 02. Juni 2020 um 14:22 Uhr.

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