Ein vermummter Demonstrant, der die venezolanische Regierung von Maduro unterstützt, steht an der Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela. | Bildquelle: picture alliance/dpa

Warten auf Hilfstransporte Durchhalten an Venezuelas Grenze

Stand: 02.03.2019 10:28 Uhr

Sie wollten die Hilfstransporte nach Venezuela begleiten. Nun sitzen 100 Jugendliche an der kolumbianschen Seite der Grenze fest und liefern sich Scharmützel mit Grenzposten.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires, zzt. Cúcuta

"Freiheit", rufen sie, "Freiheit für Venezuela" - und dann marschieren sie wieder los zur einspurigen Brücke, die Kolumbien mit ihrem Heimatland verbindet. Dort stehen noch zwei ausgebrannte Lkw. Sie waren Teil des Konvois, der vor einer Woche Hilfsgüter über die Grenze bringen sollte. Die Aktion endete mit Chaos und Verletzten.

Nun dienen die Lkw-Wracks rund 100 Jugendlichen als Schutzwall. Sie werfen Steine und Molotow-Cocktails in Richtung der venezolanischen Grenzposten. Die dort stationierte Nationalgarde schießt mit Tränengaskartuschen und Gummigeschossen. Seit einer Woche geht das so. "La Resistencia" nennt sich die Gruppe, das heißt Widerstand. "Wir kämpfen hier weiter, wir gehen bis zum Äußersten, um unser Volk zu befreien und die Hilfsgüter ins Land zu bringen", erzählt Enrique.

"Widerstand für unsere Familien"

"Wir leisten Widerstand für unsere Familien. Jeden Tag sterben Menschen, weil Medikamente fehlen, weil sie nichts zu essen haben. Wir greifen nur an, wenn sie uns attackieren, aber wie es jetzt weitergeht, wissen wir nicht, die Grenzen sind dicht und von unserem Präsidenten Juan Guaidó gibt es auch keine Ansage, was wir jetzt tun sollen. Ich denke, das Beste wäre, wenn es eine Intervention gibt", ergänzt einer, der sich Roger Rabbit nennt.

So denken an der Grenze nicht nur Enrique und Roger Rabbit. Sie haben sich nicht nur falsche Namen gegeben, auch ihre Gesichter haben sie verschleiert. Der eine trägt eine Gasmaske, der andere hat das T-Shirt wie ein Ninja um den Kopf gewickelt. Es sind Schüler, Studenten, Arbeiter. Vor einer Woche saßen sie voller Hoffnung auf den Trucks mit den Hilfsgütern, jetzt sitzen sie in Kolumbien fest und haben Angst vor den Häschern des sozialistischen Staatschefs Nicolás Maduro - wie den Colectivos, einer paramilitärischen, regierungstreuen Truppe.

"Es gibt viele, deren Gesichter auf den Kamerabildern aufgetaucht sind, und die erkannt wurden. Das gefährdet jetzt auch unsere Familien, die drüben geblieben sind. Es heißt, sie kommen zu den Häuser und bedrohen sie, der Geheimdienst, die Colectivos, alle diese Leute", sagt Enrique.

Videos von bewaffneten Kommandos

Es kursieren Videos der bewaffneten Kommandos und Berichte von markierten Häusern. Derweil funktioniert die Handykommunikation ins nur wenige Meter entfernte Venezuela nur sporadisch. So harren sie hier aus - und basteln Molotow-Cocktails. Direkt vor den Augen der kolumbianischen Grenzpolizei, die sich daran in keiner Weise stört. Jhon Jairo Jacomo Ramirez beobachtet die Situation für die lokale Zeitung "La Opinión" und ist besorgt:

"Ich versuche mir vorzustellen, wie das alles weitergeht und mir fällt einfach kein gutes Ende ein. Die Situation scheint völlig festgefahren und jetzt, wo die Kameras weg sind, steht Cúcuta wieder alleine da, ich glaube Kolumbien hat sich da, recht naiv, auf was eingelassen, dessen Folgen gar nicht abzusehen sind."

Drei Millionen haben Heimatland verlassen

Und dann steht da noch Giovanni Pérez, ein Kolumbianer Anfang 50, und hat Tränen in den Augen: Als Kind sei er immer sonntags über diese Brücke gelaufen, um seine Mutter zu besuchen, die in Venezuela als Hausangestellte arbeitete: "Venezuela war wie ein Palast für mich. Dort gab es alles, was wir hier nicht hatten. Cúcuta lebte von Venezuela, denn Kolumbien war ein sehr armes Land, hier herrschte Bürgerkrieg und Gewalt. Jetzt zu sehen, was mit Venezuela passiert, macht mich so traurig."

Deswegen hilft Giovanni, wenn er in seinem Job als Taxifahrer eine freie Minute hat. Er fährt die Straße ab, die von der Grenze raus aus Cúcuta führt und auf der Hunderte Venezolaner unterwegs sind. Es sind Familien mit Kindern, beladen mit Taschen, Koffern, Matratzen. An den Füßen haben sie oft nicht mehr als Flip Flops.

Giovanni bringt frisches Wasser oder nimmt manche ein Stück mit. Drei Millionen Venezolaner haben ihrem Heimatland in den vergangenen Jahren den Rücken gekehrt. Und der Exodus geht weiter: Weil die offiziellen Grenzübergänge seit dem Wochenende dicht sind, läuft in Cúcuta alles nur noch über die Trochas, die Schleichwege, auf denen kriminelle Banden und korrupte Staatsdiener das Sagen haben, hier wie dort.

Ein Flugzeug mit Hilfsgütern für Venezuela wird in Tegucigalpa, Honduras, beladen. | Bildquelle: REUTERS
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Ein Flugzeug mit Hilfsgütern für Venezuela wird in Tegucigalpa, Honduras, beladen. Unklar ist, wann die Sachen die Bevölkerung erreichen.

"In Venezuela kann man nicht mehr leben"

Maria Valero erzählt: "120.000 Pesos mussten wir an Weggeld zahlen. Das war alles, was wir hatten. Wir dachten nie, dass das so teuer ist. Aber wir sind ganz schnell los, wer weiß, ob jetzt ein Krieg ausbricht? In Venezuela kann man nicht mehr leben, so schmerzhaft das ist, aber wir können die Kleinen ja nicht vor Hunger sterben lassen."

Sie und ihr Mann Juan sind mit fünf Kindern, zwei Jacken und drei Leinentüchern unterwegs nach Manizales in die kolumbianische Kaffeezone. Dort lebt ein Onkel. Mindestens zehn Tagesmärsche haben sie vor sich. Maria beißt sich auf die Lippen, Juan schultert die Kleinste. Chavez nennen sie immer noch ihren Comandante, aber den Glauben an Maduro haben auch sie längst verloren.

"In diesem ganzen Machtkampf geht es nicht um uns. Ich traue auch der Opposition nicht. Hier geht es nur um den Reichtum von Venezuela und wer ihn kriegt. Das ist der Konflikt. Und wir müssen einen Schlag nach dem nächsten einstecken. Irgendwann kann man nicht mehr und geht in die Knie", meint Juan.

Enrique und Roger Rabbit sind inzwischen in das Lager zurückgekehrt, das die "Resistencia" nahe der Grenze aufgeschlagen hat. Etwa 400 Menschen sind dort untergekommen. Sie schlafen auf Kartons oder in Hängematten, der benachbarte Sportverein öffnet ihnen einmal am Tag die Duschen, Anwohner bringen Decken, das Komitee der Exilvenezolaner kocht deftigen Sancocho, Eintopf mit Fleisch, Yucca und Kochbanen. Die Solidarität ist groß.

Doch wie lange wollen sie hier noch ausharren? "Wir erwarten, dass Guaido uns hier unterstützt - mit Logistik und mit Verhandlungen, damit wir bald wieder zurückkommen. Das wäre fair, wir sind ja in derselben Situation wie er", antwortet Roger Rabbit.

Kolumbien - Durchhalten an der venezolanischen Grenze
Anne Herrberg, ARD Buenos Aires
02.03.2019 08:23 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 02. März 2019 um 08:36 Uhr.

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Anne Herrberg, BR

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