Neue Proteste in Venezuela. | Bildquelle: AP

Machtkampf in Venezuela Neue Proteste, aber keine Rebellion

Stand: 02.05.2019 09:02 Uhr

Auch am 1. Mai gab es in Venezuela wieder Proteste gegen die Maduro-Regierung. Wieder gab es Verletzte. Oppositionsführer Guaidó genießt weiterhin viel Unterstützung, hat aber keine Macht.

Von Anne-Katrin Mellman, ARD-Studio Mexiko-Stadt

In Massen strömten die Gegner der sozialistischen Regierung zum Maiprotest, zu dem Oppositionsführer Juan Guaidó aufgerufen hatte. Ihre weißen T-Shirts, ihr Erkennungsmerkmal, ließen die Straßen von Caracas und anderer Städte zunächst hell und friedlich leuchten. Nach der Niederlage vom Dienstag - der von Guaidó ausgerufenen Rebellion, zu der es aber nicht kam - war die starke Mobilisierung ein Erfolg für den 35-jährigen. Er präsentierte sich ungebrochen siegesgewiss.

"Trotz der Einschüchterung durch die Regierung sind wir nie zurückgewichen. Im Gegenteil: Dieser Prozess ist unumkehrbar. Als wir gesagt haben, dass die Streitkräfte auf unserer Seite stehen, wollte man uns nicht glauben. Immer noch sind viele Soldaten von ihrer Angst gekidnappt, aber es werden immer weniger. Seht Euch den Rückhalt an, den wir von der Internationalen Gemeinschaft erhalten! In Venezuela gibt es nur eine Art des Putsches: Wenn sie mich verhaften!"

Guaidó hat die Unterstützung, aber keine Macht

Mehr als 50 Staaten erkennen Guaidó als Interimspräsidenten an. Er genießt die Unterstützung der Bevölkerung, aber er hat keine Macht. Die liegt in den Händen von Nicolás Maduro. Die gescheiterte Rebellion manifestiert deutlich, wie fest der Chef der sozialistischen Regierung nach wie vor im Sattel sitzt. Er weiß die Armeegeneräle hinter sich. Dafür gibt er ihnen Macht und Geld. Guaidó konnte bislang fast nur einfache Soldaten zum Seitenwechsel bewegen. Demoteilnehmer wie Roselina Silva jubeln Guaidó trotzdem zu:

"Wir können ihn nicht allein lassen. Ich glaube, wir stehen schon kurz vor dem Ziel, nachdem wir uns so sehr sehnen.  Manchmal verlieren wir den Glauben an eine Verbesserung, aber wir stehen immer wieder auf."

Auch die Psychologin Oenia Toledo, deren Kinder Venezuela längst verlassen haben, marschiert mit, wenn Guaidó dazu aufruft. Er sei nicht Schuld an der gescheiterten Rebellion, meint sie.

"Leider ist der Plan durchgesickert. Deshalb war die Regierung vorbereitet. Es lief nicht so, wie wir dachten. Wir können uns deshalb nicht geschlagen geben. Das ist schließlich kein Kampf, den wir von einem auf den anderen Tag gewinnen. Wir können nicht auf den Retter warten, der uns erlöst. Wir haben keine Wahl: Wir müssen für Venezuela kämpfen."

Mit dem Coup nichts gewonnen

Der charismatische Guaidó bleibt der Hoffnungsträger der Menschen, für die nur ein Politikwechsel die Lösung der schweren, seit Jahren andauernden Krise ist. Sie verzeihen ihm den chaotischen Dienstag vor dem 1. Mai, an dem er im Morgengrauen per Videobotschaft den Eindruck erweckte, eine Rebellion der Armee zu seinen Gunsten stehe bevor.

Am Ende des Tages hatte er mit seinem Coup nichts gewonnen und sein Mitstreiter, der Oppositionspolitiker Leopoldo López, den er aus dem Hausarrest befreien ließ, kämpfte nicht mehr an seiner Seite, sondern floh in die spanische Botschaft. Viele Guaidó-Anhänger, die seinem Ruf auf die Straße gefolgt waren, wurden verletzt.

Auch der 1. Mai-Protest verlief am Ende nicht friedlich. Das friedliche Weiß verschwand, stattdessen lag Tränengas über den Straßen. Die Nationalgarde, die sich bei den letzten großen Antiregierungsprotesten nicht gezeigt hatte, ging - wie am Dienstag - mit Tränengas und Gummigeschossen gegen Demonstranten vor. Wieder wurden Dutzende verletzt. Mindestens 168 Verhaftungen gab es nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Foro Penal im ganzen Land.

Auch bei den Protesten zum 1. Mai gab es in Venezuela wieder zahlreiche Verletzte. | Bildquelle: AP
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Auch bei den Protesten zum 1. Mai gab es in Venezuela wieder zahlreiche Verletzte.

Offenbar zwei Tote bei Protesten

Laut Guaidó wurden bei den Protesten in den vergangenen Tagen zwei Menschen getötet. Er bezog sich auf Angaben der Beobachtungsstelle für soziale Konflikte. Am Dienstag sei ein 24-Jähriger im Bundesstaat Aragua getötet worden, zudem sei eine 27-Jährige in der Hauptstadt Caracas am 1. Mai ihren Verletzungen im Krankenhaus erlegen. Laut OVCS wurde sie bei einer Demonstration am 1. Mai von Kugeln im Kopf getroffen.

Nach den letzten beiden Tagen scheint die Situation auswegloser denn je. Guaidó ruft in dem wirtschaftlich paralysierten Land jetzt zum Streik der Staatsbediensteten auf. Aber die sozialistische Regierung dürfte auch das nicht in Bedrängnis bringen.

Über dieses Thema berichtete am 02. Mai 2019 das ARD-Morgenmagazin um 05:37 Uhr und B5 aktuell um 06:05 Uhr.

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