Menschen stehen mit gepackten Koffern vor einem Gebäude | Bildquelle: AP

Venezolaner flüchten nach Spanien "Die Verzweiflung ist riesig"

Stand: 31.08.2018 07:50 Uhr

Mehr als zwei Millionen Menschen haben das kriselnde Venezuela schon verlassen - und viele flüchten auch nach Spanien. Inzwischen kommen doppelt so viele Menschen aus Venezuela wie aus Afrika ins Land.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Eigentlich wollte Veronica mit ihrer Cousine und ihrer Tante nur Urlaub in Spanien machen. Ein paar Tage raus aus dem Chaos in ihrer Heimat Venezuela, Verwandte in Madrid besuchen. Jetzt möchte sie nicht mehr zurück.

Ihre Pläne hätten sich geändert, sagt sie. "Die Lebensqualität hier ist deutlich besser, ich will bleiben. Aber es ist hart, meine Familie zurückzulassen, meine Mutter und meinen Vater."

Offiziell darf die 18-Jährige mit ihrem Urlauber-Visum nur noch bis Mitte September in Spanien bleiben. Veronica würde gerne in Spanien Medizin studieren. Aber: Ein Studentenvisum müsse sie von Venezuela aus beantragen, sagt sie - und das traue sie sich nicht. "Allein schon am Flughafen Caracas anzukommen, ist gefährlich. Die Leute denken, dass man reich ist, wenn man in einem Flugzeug aus Spanien sitzt. Selbst ein Euro ist dort ja schon viel Geld. Die Gefahr ist groß, ausgeraubt zu werden."

Passagiere gehen durch eine Halle des Flughafens in Caracas | Bildquelle: picture alliance / dpa
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"Allein schon am Flughafen Caracas anzukommen, ist gefährlich. Die Leute denken, dass man reich ist, wenn man in einem Flugzeug aus Spanien sitzt. Selbst ein Euro ist dort ja schon viel Geld. Die Gefahr ist groß, ausgeraubt zu werden", so Veronica.

43.000 Venezolaner kamen in diesem Jahr

Tatsächlich flüchten eher die wohlhabenden Venezolaner nach Spanien, solche, die sich ein Flugticket dorthin leisten können. Für viele ist es ein Jahresgehalt. Rund 43.000 Menschen konnten das Geld in diesem Jahr schon aufbringen ‑ so viele Venezolaner kamen nach Angaben des staatlichen Statistikinstituts seit Januar in Spanien an.

Superreiche aus dem Land haben es auf spanische Luxusimmobilien abgesehen, im Madrider Nobelviertel Salamanca sollen sie schon 7000 Wohnungen gekauft haben. "Madrid ist für Caracas das, was Miami für Havanna ist", schrieb vor kurzem die spanische Zeitung "El Mundo".

Oft kommen politisch Verfolgte

Für Maria Vega vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen in Madrid ist klar: Die Venezolaner kommen vor allem wegen der historischen Wurzeln nach Spanien. "Viele Venezolaner haben familiäre Verbindungen nach Spanien, außerdem gibt es kulturelle und wirtschaftliche. Dazu kommt natürlich die Sprache Spanisch. Aus diesem Grund kamen vor ein paar Jahren auch so viele Menschen aus Kuba, Ecuador, Kolumbien und anderen lateinamerikanischen Ländern nach Spanien."

Etliche Venezolaner haben einen spanischen Pass, was ihre Einreise unkompliziert macht. Andere sind Fachkräfte, die von spanischen Firmen engagiert werden ‑ auch sie kommen problemlos ins Land. Rund 13.000 Menschen aus Venezuela haben in diesem Jahr in Spanien Asyl beantragt. Oft sind es politisch Verfolgte: Politiker der Opposition, Professoren, kritische Journalisten.

"Bisher erkennen die spanischen Behörden nur sehr wenige Asylanträge aus Venezuela an", sagt Vega. "Das besorgt uns als UN-Flüchtlingshilfswerk. Denn es gibt viele Venezolaner, die den Schutz durch Asyl dringend benötigen."

"Wir befinden uns in einer kritischen Situation"

Die größte Gruppe der Venezolaner, die nach Spanien flüchtet, besitzt jedoch keine Papiere mit Aussicht auf Bleiberecht, sagt Yuruaní Meza von der Hilfsorganisation "Casa de los Pueblos", die Venezolaner in Spanien unterstützt. "Die Menschen sind so verzweifelt, dass sie alles versuchen, um in Spanien Fuß zu fassen und zu bleiben. Die Verzweiflung ist riesig, wir befinden uns in einer sehr kritischen Situation."

Auch Veronicas Status in Spanien bleibt unklar. Sie hofft, als Flüchtling anerkannt zu werden ‑ wegen der dramatischen humanitären Lage in ihrer Heimat. Und dass es mit dem Medizin-Studium klappt. Danach würde sie gerne wieder zurück. "Ich verliere die Hoffnung nicht, dass sich Venezuela erholt. Ich will meine Ausbildung machen, um meinem Land zu helfen, in dem ich geboren und aufgewachsen bin."

Die Migration von Venezolanern nach Spanien verläuft eher lautlos. Doch die offiziellen Zahlen belegen, dass zurzeit deutlich mehr Menschen aus Venezuela nach Spanien kommen als aus Afrika ‑ in diesem Jahr waren es bereits fast doppelt so viele.

Immer mehr Venezolaner flüchten nach Spanien
Oliver Neuroth, ARD Madrid
31.08.2018 07:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. August 2018 um 06:23 Uhr.

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