Menschen holen in Caracas Wasser vom Fluss Guaire | Bildquelle: AFP

Anhaltender Stromausfall Die Verzweiflung in Venezuela wächst

Stand: 12.03.2019 05:38 Uhr

Teile Venezuelas sind inzwischen seit fünf Tagen ohne Strom. Dies verschärft die Probleme vieler Menschen - die Wasserversorgung ist zusammengebrochen. Das Parlament rief nun den Alarmzustand aus.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Am fünften Tag ohne Strom wächst die Verzweiflung: In Caracas holen Menschen Wasser aus einem verdreckten Fluss. Leitungswasser gibt es kaum noch. Seit dem Stromausfall, der in einigen Stadtteilen und Bundesstaaten seit Donnerstag andauert, ist die Wasserversorgung zusammengebrochen.

Große Probleme für die Bevölkerung

Die gegenseitigen Schuldzuweisungen von Regierung und Opposition interessieren die betroffenen Venezolaner kaum noch. Sie wollen, dass der Strom endlich zurückkommt. "In den ersten drei Tagen dachte ich, ich werde verrückt: Kein Strom, kein Wasser! Oh Gott, bis wann müssen wir das noch aushalten?", fragt eine Frau. "Wem nützt das? Dieben und Plünderern. Und wir? Stell dir ein Leben ohne Wasser vor. Wir können Infektionen bekommen, weil alles so dreckig ist."

Unbeleuchtete Häuser in einem Stadtviertel in Caracas | Bildquelle: RAYNER PENA/EPA-EFE/REX
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Teile des Landes wie hier ein Stadtviertel in Caracas sind seit Tagen ohne Strom.

Eine andere Frau hat Angst davor, dass alles zusammenbricht und vielleicht sogar das Gas zum Kochen wegbleibt. "Stell dir vor, wie das Leben ohne Strom für uns ist, die wir seit Jahren in der schweren Wirtschaftskrise leben", sagt sie. "Wir sind mit nichts anderem beschäftigt, als Lebensmittel aufzutreiben. Und jetzt? Ich bin alleinerziehend mit zwei Kindern."

Dort, wo am Montagmorgen das Licht wieder anging, luden die Menschen schnell ihre Batterien auf und suchten nach Benzin und Lebensmitteln. Allerdings blieben die Geschäfte geschlossen. Wieder hatte die sozialistische Regierung einen arbeits- und schulfreien Tag angeordnet. So blieb das Chaos überschaubar.

Nahverkehr steht weitgehend still

In Caracas fährt die Metro nach wie vor nicht. Viele Busse stehen still, weil sie kein Benzin bekommen. Fehlender Treibstoff verschärft die dramatische Lage. Lange Schlangen bilden sich vor den wenigen Tankstellen, die ihre Benzinpumpen per Stromgenerator betreiben können. Aber was, wenn auch die Generatoren ausfallen?

Viele Krankenhäuser des Landes melden defekte Generatoren. Mehrere Patienten sind deshalb nach Angaben der Ärzteorganisation "Medicos por la salud" bereits ums Leben gekommen. Oppositionsführer Juan Guaidó spricht von mindestens 17 Opfern.
Appell an das Ausland

Im Parlament, das ihn im Januar zum Chef gewählt und dadurch zum Übergangspräsidenten gemacht hatte, rief er den nationalen Alarmzustand aus. Verändern dürfte das wenig, weil die Regierungsgewalt weiterhin in den Händen der Sozialisten liegt.

Autos stehen an einer Tankstelle in Caracas | Bildquelle: AFP
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An den wenigen betriebsbereiten Tankstellen herrscht großer Andrang.

Guaidós Appell wirkte eher, als richte er sich an das Ausland. "Es gilt: keine Erdöllieferungen mehr an Kuba. Damit finanziert Venezuela indirekt die Einmischung Kubas in unsere Angelegenheiten", sagte er. "Vor allem unsere Soldaten wissen das: Überall sind Kubaner und unterwerfen unsere Streitkräfte. Außerdem bitten wir das Ausland zu helfen, diese Öllieferungen an Kuba zu verhindern. Das venezolanische Volk braucht sein Öl, um dem Alarm- und Notstand zu begegnen."

Seit der ölreiche Staat sozialistisch regiert wird, hilft er seinem Verbündeten Kuba, das im Gegenzug Ärzte nach Venezuela schickt. Doch die Ölproduktion liegt wegen Misswirtschaft und Korruption brach. US-Sanktionen gegen die staatliche Erdölförderung verschlechtern den Zustand.

Wenn Guaidó Kuba droht, dürfte das im Sinne der US-Regierung sein, die erst vorige Woche angekündigt hatte, die Bestimmungen des jahrzehntealten Embargos gegen die Insel zu verschärfen. Im Land hat Guaidó wenig Handlungsspielraum. Ihm bleibt nur der Druck der Straße. Für heute hat er zu neuen Protesten aufgerufen.

Die USA ziehen unterdessen ihre letzten Diplomaten aus Venezuela ab. Das gab US-Außenminister Mike Pompeo in der Nacht bekannt. Die Regierung in Washington hatte im Januar beschlossen, angesichts der sich zuspitzenden Krise alle nicht dringend benötigten US-Diplomaten aus dem südamerikanischen Land abzuziehen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. März 2019 um 09:00 Uhr.

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