Carlo Maria Vigano (Archivbild von 2015) | Bildquelle: picture alliance/AP Photo

Schreiben mehrerer Kirchenmänner Wer steckt hinter dem Corona-Aufruf?

Stand: 25.05.2020 10:28 Uhr

Vor zwei Wochen verbreiteten mehrere katholische Bischöfe und Kardinäle eine mit Verschwörungsmythen gespickte Kritik an den Corona-Maßnahmen. Aber wer genau steckt hinter dem Schreiben?

München, Ende Januar: In Reih und Glied stehen sie vor der Feldherrenhalle auf dem Odeonsplatz und bekennen lauthals ihren katholischen Glauben - ultrakonservative Katholiken aus aller Welt, die ein Zeichen gegen den Reformweg der katholischen Kirche in Deutschland setzen wollen.

Bei dieser Demonstration taucht zum ersten Mal seit Jahren wieder Carlo Maria Viganò in der Öffentlichkeit auf: Erzbischof, ehemaliger Vatikan-Botschafter in Washington und Autor des Aufrufs, der in der Corona-Pandemie vor allem dunkle Mächte am Werk sieht und einen "beunruhigenden Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung".

Papst-Gegner Viganò

"Gedanklich scheint mir das jemand zu sein, der wirklich leider sehr, sehr tief in diese Verschwörungswelt hinein abgeglitten ist", sagt die Publizistin Liane Bednarz über Viganò.

Der Erzbischof ist einer der schärfsten Kritiker von Papst Franziskus. Der 79-Jährige wirft dem Jesuiten vor, einen seit Jahrzehnten von seinem Orden betriebenen Plan in die Tat umzusetzen: Die katholische Kirche soll in eine Art soziale NGO verwandelt werden. Dass vielerorts während der Corona-Krise keine Messen gefeiert werden konnten, passt in dieses Weltbild, das stark von Verschwörungsmythen geprägt ist.

"Er hat diesen Aufruf im Nachhinein verteidigt und nannte in diesem Zusammenhang auch die Rolle der Freimaurer", erklärt Bednarz. "Und das ist sehr typisch für diese Verschwörungstheorie, zu glauben, dass da irgendwelche Freimaurer am Werke sind. Das Weltbild ist da schon ziemlich geschlossen."

Vorstellungen der rechts-evangelikalen Kreise

Carlo Maria Vigano (Archivbild von 2015) | Bildquelle: picture alliance/AP Photo
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Carlo Maria Viganò (Archivbild von 2015)

Bednarz hat in ihrem Buch "Die Angstprediger" untersucht, wie attraktiv rechtes Gedankengut für bestimmte christliche Milieus sein kann. Das in dem Aufruf von Viganò verbreitete Feindbild von einer Weltregierung, von einer menschen- und religionsfeindlichen Tyrannei, ist nicht neu.

"Es greift die Vorstellung auf, dass so etwas wie eine Welteinheitszivilisation angestrebt wird, die letztlich entchristlicht ist." Diese Vorstellung gäbe es seit Anfang der Neunziger, besonders in rechts-evangelikalen Kreisen sei sie verbreitet - weniger dagegen in katholischen.

Offenbar mehr als 40.000 Unterzeichner

Der Aufruf wurde - nach Angaben Viganòs - innerhalb einer Woche von 40.000 Menschen unterschrieben. In der ersten Reihe der Unterstützer stehen die kirchlichen Würdenträge: Kardinäle, Bischöfe, Weihbischöfe. "Es sind Leute, die zwar formell zum Teil ranghohe Titel haben, aber eigentlich in der Weltkirche inzwischen keine signifikante Rolle mehr spielen", sagt Bednarz. "Und insofern scheint mir das eine Melange zu sein von Leuten, die für diese Ideenwelten ohnehin anfällig sind, jetzt eben aber auch in Opposition zu Papst Franziskus gehen wollen."

Zum Beispiel Athanasius Schneider, Weihbischof in Astana in Kasachstan. Er ist ein rechts-katholischer Wanderprediger mit einer treuen Anhängerschar in Deutschland und den USA. Die Corona-Krise deutet er im Interview mit einem US-amerikanischen Portal als göttlichen Fingerzeig auf seine allzu weltliche Kirche: "Es ist eine göttliche Mahnung an die Priester, die Bischöfe und den Papst, um Buße zu tun und um Vergebung zu bitten für all die Sünden, die in den letzten Jahrzehnten in der Kirche begangen wurden."

Umstrittener Kardinal Müller

Oder Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Seit Franziskus ihn als Präfekten der Glaubenskongregation abgesetzt hat, fällt er als notorischer Papst-Kritiker auf und scheut dabei nicht einmal mehr die Nähe zu erklärten Gegnern des Papstes wie Viganò. Müller steht nach wie vor zu seiner Unterschrift unter dem verschwörungstheoretischen Schreiben.

Im katholischen Sender EWTN sagte er: "Wir müssen Position beziehen gegen die Instrumentalisierung dieses Virus und dieser globalen Krise durch einige Diktaturen oder durch ideologische Gruppen, die nun die Gelegenheit nutzen, die Kirche zu unterdrücken und das sakramentale Leben der Kirche zu unterbinden."

Kardinal Gerhard Ludwig Müller im Mainzer Dom | Bildquelle: picture alliance / Andreas Arnol
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Auch der deutsche Kardinal Müller gehört zu den Unterzeichnern von Viganòs Aufruf

Für Bednarz ist Müllers Verteidigung seiner Unterschrift eine Trotzreaktion. "Er verlangt Nachweise von denjenigen, die diesen Aufruf als das bezeichnen, was er nun einmal ist - Verschwörungstheorie. Dann versucht er auch gleich das Thema zu wechseln." Somit entziehe er sich der Diskussion.

Gefahr durch implantierte Chips?

Zwei weitere Kardinäle denken ähnlich wie Müller, haben den Aufruf allerdings nicht unterzeichnet. Kurienkardinal Robert Sarah, Leiter der vatikanischen Gottesdienstkongregation, verkündete via Twitter, er teile einige der Bedenken in dem Aufruf. US-Kardinal Raymond Leo Burke hat einen eigenen Aufruf verfasst und unter anderem vor der Gefahr gewarnt, dass jedem Menschen ein Mikrochip implantiert werde, um besser kontrollierbar zu sein.

Kardinal Robert Sarah (Archivbild 2015) | Bildquelle: AP
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Kardinal Robert Sarah

Cardinal Raymond Burke (Archivbild von 2018) | Bildquelle: picture alliance/AP Photo
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Kardinal Raymond Burke

Müller, Sarah, Burke - alle drei Kardinäle sind unter 80 Jahre alt und dürften bei einem Konklave den nächsten Papst wählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Mai 2020 um 16:00 Uhr.

Korrespondent

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