Eine Frau arbeitet in einer Fabrik in Vietnam | Bildquelle: REUTERS

Vietnam Der lachende Dritte im Handelsstreit

Stand: 26.08.2019 12:16 Uhr

Vietnams Wirtschaft profitiert vom US-Handelsstreit mit China enorm. Ohne Risiko ist das nicht: Das Land könnte zwischen die Fronten geraten - oder Opfer seines eigenen Erfolgs werden.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Südasien

Wenn zwei sich streiten, wandern die Unternehmen zum lachenden Dritten ab. So scheint es im Fall von China, den USA und - Vietnam. Dort siedeln sich viele Firmen an, die aus China weggehen, da sie die erhöhten Zölle für chinesische Produkte auf dem US-amerikanischen Markt fürchten.

Die erste Wahl fällt allein schon durch die geographische Nähe auf Vietnam. Auch die Löhne sind niedrig, die Infrastruktur entwickelt sich schnell und das Land hat zahlreiche Freihandelsabkommen mit anderen Nationen. Daher ist es zu einer regelrechten Überschwemmung von Neuansiedlungen in Vietnams Industriegebieten gekommen.

Aber ob das auf lange Sicht etwas Gutes für das südostasiatische Land bedeutet? Das bezweifelt Le Hong Hiep vom Institut für Südostasienstudien in Singapur. "Vietnam kann ja nicht über Nacht einen neuen Hafen oder einen neuen Industriepark bauen", meint er. "Auch was die Arbeitskräfte angeht, ist es problematisch: So schnell können nicht genug Arbeiter und Techniker ausgebildet werden."

Eine Arbeiterin in einer Fabrik im vietnamesischen Hung Yen fertigt Weihnachtskarten. | Bildquelle: AFP
galerie

Eine Arbeiterin in einer Fabrik im vietnamesischen Hung Yen fertigt Weihnachtskarten. Den Status als Konsumgüter-Produktionsstandort gibt Vietnam zunehmend an andere Länder Südostasiens wie Malaysia und Indonesien ab.

Die Infrastruktur wächst nicht schnell genug mit

Das Entwicklungstempo ist also viel zu hoch für das Land. Investoren könnten ihm bald enttäuscht den Rücken kehren. Einige Firmen berichten schon von Engpässen in den Häfen - sie sind noch zu klein, um den wachsenden Ansturm an Containerschiffen zu bewältigen. Der Verkehr nimmt zu schnell zu für die schmalen Straßen; Stau, Baustellen und Verkehrschaos kosten viel Zeit. Das sind die Firmen aus Südchinas riesigen Industrieregionen mit ihren Hochgeschwindigkeitszügen und vielspurigen Straßen anders gewöhnt.

Aber das ist noch nicht alles, meint Le: "Wenn die Firmen sich erfolgreich ansiedeln, wird das Vietnams Exporte in die USA steigern. Und das wird zum Risiko für Vietnam" - denn dies könne zu einem Handelsdefizit führen, das der US-Regierung nicht gefällt. US-Präsident Donald Trump und seine Regierung hätten Vietnam schon gewarnt, dass die Abgaben auf vietnamesische Produkte erhöht werden könnten.

Das will die vietnamesische Regierung des Landes unbedingt vermeiden. Sie ist darum gewillt, den USA entgegenzukommen und betont beispielsweise, dass sie ihre Währung nicht manipuliert. Und - das ist den USA ebenfalls sehr wichtig: "Vietnam versucht zu verhindern, dass chinesische Unternehmen ihre Produkte durch Vietnam exportieren, um Strafzölle zu vermeiden. Und es gab Fälle, in denen die Regierung gegen dieses illegale Handeln vorgegangen ist."

Pragmatismus im Umgang mit den USA und China

Vietnams Regierung weiß, wie wichtig der Zuzug ausländischer Firmen ist. Ausländische Investments haben im ersten Quartal dieses Jahres um 86 Prozent zugenommen, Vietnams Wirtschaft ist im vergangenen Jahr um 7,1 Prozent gewachsen. Das Land lässt personalaufwändige Industriezweige wie Kleidungs- oder Schuhproduktion gerne weiterziehen in andere südostasiatische Länder wie Malaysia oder Indonesien. Dort wächst die Industrieansiedlung besonders auf der Insel Batam stark, denn sie ist nahe am internationalen Hafen Singapur gelegen.

Vietnam selbst wirbt besonders um die High-Tech-Unternehmen - und Samsung, Intel oder LG sind dem Ruf schon gefolgt. Politisch bewegt sich das Land dabei auf einem Feld zwischen seinem ehemaligen Kriegsgegner USA und dem einschüchternden großen Nachbarn China. "Vietnam ist sehr pragmatisch in seinem Umgang mit beiden, den USA und China", sagt Le. "Ich denke, Vietnam sieht China als sehr wichtigen Partner. Aber die beiden Länder liegen im Konflikt, was das Südchinesische Meer angeht."

Im Streit um das Südchinesische Meer lässt China mehr und mehr seine Muskeln spielen. Das könnte Vietnam nach der Einschätzung von Experte Le letztlich dazu bringen, seine Wirtschaftsbeziehungen zur Volksrepublik einzuschränken. Umso wichtiger sei die Orientierung zu Partnern wie den USA, Japan, Indien oder der EU. Irgendwann müsse man sich entscheiden, meint Le: "Wenn die Rivalitäten zwischen den USA und China weiter zunehmen, werden die Staaten sehr vorsichtig sein, welche Seite sie wählen."

Wie Vietnam vom Handelskrieg zwischen den USA und China profitiert
Lena Bodewein, ARD Singapur
26.08.2019 11:28 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 26. August 2019 um 12:20 Uhr.

Darstellung: