Jeremy Corbyn und Boris Johnson bei einem Fernsehduell am 19. November.  | Bildquelle: AP

Großbritannien vor der Wahl "Charmeure" im Wahlkampf

Stand: 10.12.2019 18:15 Uhr

Mit Popkultur und Augenzwinkern. Auf den letzten Metern des britischen Wahlkampfes versuchen Boris Johnson und Jeremy Corbyn mit selbstironischen Videoclips zu punkten.

Von Stephan Laack, ARD-Studio London

Die beiden können also auch anders. Nachdem sich Boris Johnson und sein Herausforderer Jeremy Corbyn in TV-Duellen teils heftige Schlagabtausche geliefert hatten, versuchen sie es kurz vor der Wahl mit einer Charme-Offensive. Fast zeitgleich veröffentlichten die beiden Spitzenkandidaten Videoclips über Social-Media-Kanäle, in denen sie eine gehörige Portion Selbstironie aufblitzen lassen: Das vorweihnachtliche Setting tut sein Übriges - mit einem Mal wirken Johnson und Corbyn fast sympathisch.

Corbyn bei Kerzenschein

Der oft als etwas dröge empfundene Corbyn von der Labour-Partei präsentiert sich bei Kerzenlicht und Kaminfeuer in einem großen Sessel und liest genüsslich kritische Tweets zu seinem Wahlkampf, die er auch gleich beantwortet. So zum Beispiel die Frage eines Wählers, wie er denn seine Wahlkampfversprechen zu finanzieren gedenke?


Einer von Corbyns Kritiker schreibt, dass sich ein kostenloses Studium für alle zwar sehr verlockend anhören würde, jedoch unbezahlbar sei. Jeremy Corbyn denke wohl, es gebe irgendwo einen magischen "Money tree". Nach einer kurzen Pause antwortet Corbyn mit einem Verweis auf das Paradies für Steuerflüchtlinge, dass es besagten Wunderbaum sehr wohl gebe: auf den Cayman Islands. Die sarkastische Frage, wer überhaupt Corbyn sei, kontert dieser mit: "Unser nächster Premierminister."

Johnson - mit Ghettoblaster und Popkultur

Der nächste Premierminister? Da hat Amtsinhaber Boris Johnson von den Konservativen ein Wörtchen mitzureden. In seinem Clip sitzt ein Paar auf einem Sofa, im Fernsehen laufen Wahlwerbespots. Die Frau sagt: "Ich kann das alles nicht mehr hören, sie sollen den Brexit endlich über die Bühne bringen", als es plötzlich an der Tür klingelt. Und da steht Boris Johnson: in der einen Hand einen Ghettoblaster, in der anderen große beschriftete Schilder. Eine Anspielung auf die britische Komödie "Love actually" - "Tatsächlich... Liebe", in der unter anderem Hugh Grant den Premierminister spielt.


Zu den Klängen von "Stille Nacht, heilige Nacht" beweist Johnson mit blondem Struwwelkopf und großen Augen sein schauspielerisches Talent. Wortlos präsentiert er die beschrifteten Schilder, und da ist zu lesen: "Auf deine Stimme kommt es an - der andere könnte gewinnen." Oder: "Wie lange sollen wir noch über den Brexit streiten - bis ich etwa so aussehe?" Hier zeigt Johnson das Foto eines Bobtails mit wildem Haarschopf. Das Ganze endet mit den Worten: "Deine Stimme macht den Unterschied - Frohe Weihnachten."

Als Johnson die Wählerin zum Lachen gebracht und scheinbar überzeugt hat, wiederholt er die zentrale Message: "Genug, lassen Sie es uns anpacken."

Charmantes Original

Aber zurück zum Original-Film "Tatsächlich... Liebe", der Vorlage für diesen Spot. Hauptdarsteller Hugh Grant, ein erklärter Gegner von Johnson, entgegnete auf die Frage, wie ihm der Clip gefalle: Er sei sehr aufwendig gemacht, aber eines sei ihm dann doch aufgefallen: "Ich habe es zuerst gar nicht bemerkt, aber Johnson hat eine Karte aus dem Originalfilm nicht gezeigt, die Andrew Lincoln hochhält. Und da steht geschrieben: An Weihnachten sollst du die Wahrheit sagen." Vielleicht hätten sich die Spindoktoren bei den Tories gedacht, dass diese Karte sich in den Händen von Boris Johnson nicht besonders gut mache, so Grant.

Wer ist charmanter? Selbstironische Videos von Boris Johnson und Jeremy Corbyn
Stephan Laack, ARD London
10.12.2019 16:16 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Dezember 2019 um 18:34 Uhr.

Darstellung: