Alexander Lukaschenko, Präsident von Belarus. | Bildquelle: dpa

Lukaschenko-Rede in Belarus "Was man liebt, gibt man nicht her!"

Stand: 04.08.2020 19:05 Uhr

Kurz vor der Präsidentenwahl in Belarus steht dessen langjähriger Machthaber Lukaschenko unter Druck. Die Opposition bringt tausende Menschen auf die Straße. Doch der Präsident denkt nicht daran, seine Macht abzugeben.

Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

"Die Welt ist aus den Fugen. Schlimmer noch - wo man hinschaut: existenzbedrohende Krisen und Konflikte. Dem gegenüber steht Belarus. Ein friedliches, ruhiges Land - ein Verbündeter, um den sich alle reißen."

So begann die mehr als eineinhalbstündige Rede an die Nation des belarussischen Präsidenten, Alexander Lukaschenko. Und weiter: "Russland hat Angst uns zu verlieren, denn außer uns hat es keine nahen Verbündeten mehr. Der Westen zeigt immer mehr Interesse. Und auch China hofft auf die Stabilität seines Freundes."

Und es steht außer Frage, wem das belarussische Volk diese Stabilität zu verdanken habe: ihm. Ihrem Präsidenten.

Auch mit Blick auf die weltweite Corona-Pandemie sagte Lukaschenko: "Das wichtigste Fazit: Wir haben diese Prüfung gemeistert und haben dieses Elend besiegt. Auf jeder Etappe des Kampfes gegen diese Krankheit haben wir angemessene Maßnahmen getroffen - was jetzt bezeichnet wird als der 'besondere Weg von Belarus'."

Eine Aussage, die in Belarus selbst wohl nur wenige unterschreiben würden. Im Gegenteil: Der laxe Umgang des Präsidenten mit der Pandemie, sein Abtun der Gefahren als "Psychose" - es war für viele der Wendepunkt endgültig zu sagen: So geht es nicht weiter!

"Gezielte Gehirnwäsche"

Dass sich aber wenige Tage vor der Präsidentenwahl so viele Menschen deutlich gegen ihn und für die Opposition aussprechen, sieht Lukaschenko nicht als Konsequenz seiner Politik, sondern als Ergebnis gezielter Gehirnwäsche - vor allem durch soziale Medien:

"Eine ganze Armee von Internet-Trollen, von Info-Provokateuren arbeitet Tag und Nacht, um die Lage im Land zu destabilisieren. Und was macht Ihr? Ihr habt diese armen drei Mädels gefunden, die verstehen doch gar nicht, was sie da vorlesen!"

Gemeint ist das Frauen-Team um Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja. Als eine der wenigen politischen Herausforderer wurde sie überhaupt zur Wahl am Sonntag zugelassen - und bringt bei ihren Kundgebungen Zehntausende auf die Straße.

Mit dem Rücken zur Wand

Lukaschenko hingegen war zuletzt nur selten mit Bürgern zu sehen. Stattdessen traf er sich medienwirksam mit Einsatzkräften und seinem Sicherheitsapparat. Und auch in seiner Rede stützte er sich mehrfach auf sie, bemerkt der belarussische Politologe Valerij Karbalewitsch:

"Er hat zwar Zuversicht demonstriert, dass die Sicherheitsbehörden und der Staatsapparat ihn unterstützen. Aber die Tatsache, dass er darüber sprach, dass er sie quasi aufrief, ihn zu unterstützen, spricht dafür, dass es hier bestimmte Probleme gibt. Und dass er sich nicht absolut sicher fühlt."

Lukaschenko stehe kurz vor der Wahl nicht nur unter Druck, sondern mit dem Rücken zur Wand. Die Staatsmacht wolle er dennoch nicht hergeben - auch das machte er in seiner Rede einmal mehr klar: "Das Land werden wir euch nicht übergeben. Wir lieben es. Und was man liebt, gibt man nicht her!"

Schon jetzt sind die meisten Wahllokale in Belarus geöffnet. Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja rief ihre Anhänger jedoch dazu auf, ausschließlich am eigentlichen Wahltag, den 9. August abzustimmen - um potentiellen Fälschungen schon im Vorfeld so gut wie möglich vorzubeugen.

Lukaschenkos Rede an die Nation vor der Wahl
Martha Wilczynski, ARD Moskau
04.08.2020 18:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 05. August 2020 um 22:24 Uhr.

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