Eine Krankenpflegerin im Gespräch mit einer HIV-Patientin im südafrikanischen Ngodwana. | Bildquelle: AP

Weltaidstag Hoffnung auf die Spritze gegen HIV

Stand: 01.12.2020 04:20 Uhr

Zwei Drittel der weltweiten HIV-Neuinfektionen werden im Süden Afrikas registriert - vor allem junge Frauen sind betroffen. Ein neues Medikament, das wie eine Impfdosis verabreicht werden soll, gibt Hoffnung.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg

Meilenstein, Wendepunkt, Durchbruch: die bisherigen Details der Untersuchung seien richtiggehend umjubelt, sagt Sinead Delany-Moretlwe von der Universität Witwatersrand in Johannesburg. Sie leitet die Studie über den neuartigen Wirkstoff Cabetegravir, der zur HIV-Prävention eingesetzt werden soll.

"Das ist ein Fortschritt für Frauen, besonders in dieser Region der Welt. Bei den Infektionen tragen Frauen eine unverhältnismäßig hohe Last", erklärt Delany-Moretlwe. "Und ja, wir haben Tabletten, die HIV verhindern. Aber die Erkenntnis, dass die injizierbare Prophylaxe so viel besser ist als die orale, bedeutet doch, dass wir eine zusätzliche Option haben; eine, die in das Leben von Frauen passt und uns helfen wird, die HIV-Welle abzuschwächen."

Cabetegravir hat zwei entscheidende Vorteile zur bisherigen Vorbeugung: Zum einen ist es eine Art Impfdosis, die nur alle zwei Monate per Spritze verabreicht wird. Zum anderen hat sich Cabetegravir auch als wirksamer erwiesen als das bisherige Mittel Truvada, eine Tablette, die täglich genommen werden muss.

 "Wenn Nadeln dich nicht stören, eine einfache Lösung"

Linda-Gail Bekker ist die Präsidentin der Internationalen AIDS-Gesellschaft IAS und arbeitet am HIV-Zentrum an der Universität Kapstadt. Sechs Spritzen im Jahr überzeugen auch die Expertin, aber: "Es ist eine ziemlich große Menge, die da in den Po gespritzt wird, das schmerzt etwas, und Sitzen kann für eine Weile unangenehm sein", gibt sie zu bedenken. "Doch wenn Nadeln dich nicht stören, dann ist das eine einfache Lösung." Für alle, die Angst vor Nadeln haben, bleibe ja weiterhin die Tabletteneinnahme als Option.

Das Risiko von Frauen, sich zu infizieren, ist in Südafrika statistisch gesehen doppelt so hoch wie das von Männern. In Malawi, Simbabwe, Botswana und Eswatini sieht es ähnlich aus - unter anderem diese Länder sind an der Studie beteiligt.

"Es war wirklich ein Privileg, an dieser Studie teilzunehmen, wenn man bedenkt, welche HIV-Rate wir in diesem Land haben", sagt Lizzy Nkosi, die Gesundheitsministerin von Eswatini, dem früheren Swasiland.

"Sie ist bahnbrechend für unsere Frauen, besonders für junge Frauen. Denn auch jetzt noch haben wir in Eswatini die meisten Neuinfektionen bei Frauen unter 24 Jahren. Das ist also ein echter Meilenstein."

Bisherige Präventionsmittel sind verschreibungspflichtig

Mit Cabetegravir müsste allerdings einiges anders laufen als mit der Tablette Truvada: Sie ist nicht frei erhältlich, junge Frauen können nicht einfach in die Apotheke gehen und sich die Monatspackung kaufen.

Ein Arzt muss Truvada verschreiben - dafür müssen Patienten begründen, warum sie besonders gefährdet sind. Prostituierte oder homosexuelle Männer haben die besten Argumente, Schülerinnen beispielsweise aber tun sich schwer damit - und das in Ländern, in denen es viele Sexualstraftaten gibt.

Auch den Preis, umgerechnet gut 30 Euro, zahlt nicht jede Krankenkasse. Nicht zuletzt deshalb sagt auch Winnie Byanyima ihre Unterstützung zu. Sie ist Chefin von UNAIDS, dem HIV-Programm der Vereinten Nationen. "Wir setzen uns dafür ein, dass es so bald wie möglich erhältlich sein wird", sichert sie zu.

Noch zwei bis drei Jahre Forschungszeit 

Wie alles mit Cabetegravir laufen wird, ist noch gar nicht klar. Helen Rees, die an der Witwatersrand-Universität forscht und auch die Impf-Beratergruppe für Afrika bei der Weltgesundheitsorganisation leitet, ist vorsichtig, was den Zeitrahmen für die neue Prophylaxe angeht.

"Wir müssen noch viel mehr wissenschaftliche und klinische Fragen beantworten. Es wird also nicht so bald erhältlich sein. In einem Land wie Südafrika, wo sich jedes Jahr so viele junge Frauen mit HIV infizieren, könnte es entscheidend sein, aber wir brauchen noch etwas Geduld", sagt sie.

Es gebe "offene Fragen" und Cabetegravir müsse erst noch lizensiert, zugelassen, produziert und verteilt werden - bis es jungen Frauen verabreicht werden kann, schätzen die Forscher, werden noch zwei bis drei Jahre vergehen.

Dass Frauen dann aber besser und einfacher vor einer HIV-Infektion geschützt werden können, das bezweifelt niemand im südlichen Afrika.

Meilenstein im Kampf gegen AIDS - eine Spritze alle 8 Wochen verhindert HIV
Jana Genth, ARD Johannesburg
30.11.2020 15:50 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Bayern5 am 01. Dezember 2020 um 08:06 Uhr.

Darstellung: