Kinder in einer Schule in Malawi | Bildquelle: AFP

Weltbevölkerungsbericht Experten warnen vor Armut durch Kinderreichtum

Stand: 17.10.2018 18:04 Uhr

Die Weltbevölkerung wird laut aktuellem Bericht bis 2050 auf zehn Milliarden Menschen wachsen. Die meisten Geburten gibt es südlich der Sahara in Afrika. Experten warnen vor Armut durch Kinderreichtum.

Von Isabel Reifenrath, ARD-Hauptstadtstudio

Jeden Tag wächst die Weltbevölkerung. "Auch heute", sagt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller. "Bis 10 Uhr wurden 176.752 Babys geboren, und das geht jede Sekunde weiter", so der CSU-Politiker. "Natürlich sterben auch Menschen. Aber wir haben jeden Tag eine Zunahme von 250.000 Menschen weltweit im Durchschnitt." Das geht aus dem nun veröffentlichten Weltbevölkerungsbericht der Vereinten Nationen hervor.

Weltweit gesehen bekommen die Frauen im Durchschnitt 2,5 Kinder. Das ist zwar nur noch halb so viel wie Mitte der 1960er-Jahre, aber trotzdem werden nach den Berechnungen der Vereinten Nationen im Jahr 2050 rund zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben, jetzt sind es knapp 7,6 Milliarden.

Eine Geburt im Südsudan | Bildquelle: AFP
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Eine Geburt im Südsudan. Besonders stark wird die Bevölkerung demnach in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara wachsen.

20 Millionen ungewollte Schwangerschaften pro Jahr

Besonders stark wird die Bevölkerung demnach in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara wachsen. Renate Bähr von der Deutschen Stiftung für Weltbevölkerung glaubt nicht, dass das Weltbevölkerungswachstum zu stoppen ist. Sie legt den Schwerpunkt woanders. "Es geht mehr darum, wie wir es ermöglichen können, dass Kinder geboren werden, die gewünscht sind, die gesund sind und eine Perspektive im Leben haben", sagt sie.

Laut dem UN-Bericht sind fast 20 Millionen Schwangerschaften pro Jahr in Afrika ungewollt. Viele Frauen haben, so der Bericht, keinen Zugang zu Verhütungsmitteln, sind unzureichend aufgeklärt oder bekommen schon mit 13 Jahren ihr zweites Kind, weil sie früh zwangsverheiratet werden.

7,5 Kinder pro Frau in Niger

Müller sagte, Deutschland investiere deshalb mehr Geld. Es gehe um eine "Stärkung der Frau mit Zugang zu Bildung und Gesundheitsstrukturen". In Niger bekomme eine Frau im Durchschnitt 7,5 Kinder. In Tunesien kämen zwei Kinder auf eine Frau. Diesen Wert solle man auch in Niger anstreben. "Deshalb stärken wir genau diese Bereiche: Familienplanung, Bildung und Gesundheit", sagt der Minister.

Müller kritisierte die EU. Sie stehe nicht zu ihrer globalen Verantwortung. Er erhält aber auch selber Kritik. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit gibt jährlich 100 Millionen Euro in die "Initiative Selbstbestimmte Familienplanung". Die Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung, Renate Bähr, forderte Müller auf, diese Mittel zu verdoppeln. In der Praxis sei es nötig, dafür zu sorgen, dass die Hilfe die Betroffenen auch wirklich erreicht.

"Jeder spricht davon, wer verantwortlich ist", sagt Bähr. "Das sind Sachen, die elementar sind. Wir haben inzwischen Jugendclubs an Gesundheitszentren, weil die Gesundheitsmitarbeiter nicht genau wissen, wie sie mit den Jugendlichen umgehen können und welche Bedürfnisse sie haben." Umgekehrt trauten sich die Jugendlichen nicht, in ein Gesundheitszentrum zu gehen. Sie wüssten nicht, dass die Mitarbeiter eine Art Schaltstelle sind.

Menschen stehen im Flüchtlingslager in Bunia in der Essensschlange. | Bildquelle: REUTERS
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Menschen stehen im Flüchtlingslager in Bunia in der Demokratischen Republik Kongo in der Essensschlange. Foto vom April dieses Jahres.

Probleme in Krisenländern Jemen, Afghanistan und Irak

Problematisch sei auch, dass das bisherige größte Geberland - die USA - kein Geld mehr für die Familienplanung gebe. Dabei sei es wichtig, dass Frauen ihre Schwangerschaft planen könnten, um zunächst zur Schule gehen und arbeiten zu können.

Besonders auffällig ist auch, dass die Geburten in den Krisenländern Jemen, Afghanistan und Irak steigen. Viele Frauen werden vergewaltigt und so ungewollt schwanger oder schon früh in eine Kinderehe gezwungen. Wachse die Bevölkerung so weiter wie jetzt, werde es unmöglich, ausreichend Nahrung, Energie und Jobs für alle zu ermöglichen, so Müller. "Wir leben in diesem globalen Dorf, dass es so eng geworden ist, dass alles zusammenhängt. Und deshalb tragen wir eine weit über unser Sein und Leben und Politik hinausgehende Verantwortung", sagt der Minister.

Weltbevölkerungsbericht 2018 und Müller warnt vor Wachstum
I. Reifenrath, ARD Berlin
17.10.2018 15:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info im Echo des tages am 17. Oktober 2018 um 18:30 Uhr.

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