Kinder in Schweden spielen auf einem Schulhof | Bildquelle: picture alliance / TT NEWS AGENC

Weltkindertag in Schweden Mehr Zeit für Kinder

Stand: 20.09.2020 03:55 Uhr

Schweden tut viel für den Schutz und die Förderung der Kinder. Elterngeld, Krankheitstage, Kita-Sätze, Schulförderung - all das soll Kinder und Familien im Land stärken. Aber das Klima in Schweden wird rauer.

Von Christian Stichler, ARD-Studio Stockholm

Generationen von schwedischen Kindern haben Astrid Lindgren viel zu verdanken. Nicht nur die vielen Geschichten von Lisa, Lasse, Bosse, Britta, Inga und Ole aus Bullerbü, sondern auch, dass sie weniger Prügel bekommen haben als andere Kinder in der Welt.

Denn die berühmte Kinderbuchautorin war es, die Ende der 1970er-Jahre eine Initiative startete, um die Gewalt in der Erziehung gesetzlich verbieten zu lassen. Vorausgegangen war Lindgrens Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahr 1978. Ein Jahr später trat das Verbot in Schweden in Kraft - dem ersten Land der Welt, das die Züchtigung von Kindern damit per Gesetz untersagt hat.

75 Jahre Pippi Langstrumpf - Astrid Lindgren mit Kindern | Bildquelle: picture-alliance / dpa
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Astrid Lindgren, hier im Jahr 1994, setzte ein wegweisendes Gesetz für Kinder durch.

Elternzeit schadet nicht der Karriere

Seinem zweieinhalbjährigen Sohn Alexander auch nur einen Klapps zu geben, auf diese Idee würde Christopher Blidberg nicht mal im Traum kommen. Der 39-Jährige findet, dass Schweden ein ausgezeichnetes Land für Kinder ist. Er arbeitet für einen großen schwedischen Elektrokonzern. Elf Monate hat er Elternzeit genommen und sagt heute: "Bei mir im Unternehmen haben alle positiv darauf reagiert. Meiner Karriere schaden wird das sicher nicht."

Wenn sein kleiner Sohn mal krank ist, hat Christopher kein Problem damit, zuhause zu bleiben oder einfach ein Meeting zu verlassen. Es sei heute völlig normal, dass sich auch Männer um kranke Kinder kümmern, meint der Familienvater. Auch mit dem Kita-Platz für Alexander sei es kein Problem gewesen. Sie hätten sogar unter drei Einrichtungen auswählen können. Denn in Schweden hat jedes Kind ein Anrecht auf einen Kita-Platz, sobald es 18 Monate alt ist. Da Alexander und seine Frau beide arbeiten, bezahlen sie für Alexander den schwedischen Kita-Höchstsatz. Der liegt umgerechnet bei etwa 150 Euro im Monat.

Konsequent fördern - auch in Zeiten der Pandemie

Der schwedische Staat lässt es sich viel kosten, damit Kinder zu ihrem Recht kommen. Das zeigte sich auch jüngst in der Corona-Krise. Schwedens Weg der offenen Schulen bis neunten Klasse trotz Pandemie wurde weltweit bestaunt, aber vor allem kritisiert. Doch der Gedanke dahinter war ganz einfach: Was passiert mit den Kindern vor allem aus sozial schwächeren Familien, wenn die Schule schließt? "Gerade in unserer Zeit brauchen Kinder ihren gewohnten Alltag", sagt der Stockholmer Schulleiter Mikael Kalmenstam. Er selbst ist an Covid-19 erkrankt, aber in seiner Schule waren die Kinder am Ende des Frühjahrs so gesund wie selten zuvor: "Wir hatten kaum Fehlzeiten."

Um Schulen zu schließen, dafür brauchte es sogar ein eigenes Gesetz. Denn in Schweden gibt es ein Recht auf Unterricht. Wenn nicht an der Schule, dann zumindest digital zuhause. Und noch eines ist vom Staat geregelt: Bildung darf die Familien nichts kosten. Und dazu zählen in Schweden sogar die Lehrmittel, Stifte, Hefte, Bücher, das Schulessen und ab Klasse 10 die Netzkarte für den öffentlichen Nahverkehr. Kein Kind soll durch seine soziale Herkunft in seinen Bildungschancen eingeschränkt werden.

Schweden sitzen im Freien  - | Bildquelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com
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Zusammenbleiben: Während der Corona-Pandemie Schlug Schweden in vielen Dingen einen anderen Weg ein als die meisten europäischen Staaten.

"Verbindung zu meinem kleinen Sohn aufbauen"

Die Jahrzehnte sozialdemokratischer Regierungspolitik haben aber für noch etwas gesorgt: Eltern haben trotz Berufstätigkeit mehr Zeit für ihre Kinder. 480 Tage lang gibt es pro Kind das sogenannte Elterngeld. Das sind 80 Prozent des Gehalts bis zu einer Grenze von umgerechnet knapp 3000 Euro. Aber viele Unternehmen stocken das Gehalt für sechs Monate sogar auf 100 Prozent auf.

So war es auch bei Christoph Blidberg. "Für mich war das keine Frage, ich wollte eine Verbindung zu meinem kleinen Sohn aufbauen", sagt der Vater. Und wenn das Kind krank ist, dann tritt eine Regelung in Kraft, derzufolge das Gehalt nicht vom Arbeitgeber, sondern von der Sozialversicherung kommt. 120 Tage im Jahr sind so pro Kind abgedeckt.

Diese Regelung gilt selbst dann, wenn nicht das Kind selbst erkrankt ist, sondern nur derjenige, der sich sonst um das Kind kümmert. Mit Organisationen wie BRIS und UMO bietet der schwedische Staat auch kostenlose Hilfe für Kinder in Not oder für Fragen rund um Gesundheit, Sex und Beziehungen an. Ist deshalb alles gut im Astrid-Lindgren-Land? Leider nein.

Sorge um wachsende Gewalt

"Bei uns auf Lidingö wurde erst vor kurzem ein Junge erschossen - nur 300 Meter von unserem Haus entfernt", erzählt Christoph. Er mache sich schon sorgen, wie es mit der wachsenden Bandenkriminalität in Schweden weitergeht. Im Sommer wurde ein 12-jähriges Mädchen im Süden Stockholms erschossen. Sie war offenbar in den Schusswechsel zweier verfeindeter Gangs gekommen. Ihr Mörder läuft nach wie vor frei herum.

Es sind diese Geschichten, die am Bullerbü-Image des Landes kratzen. Denn wie glücklich eine Kindheit wirklich wird, hängt heute wieder mehr davon ab, in welchem Stadtteil man lebt. Kinder in den Stockholmer Vororten Rinkebyund Botkyrka oder dem Viertel Rosengård in Malmö werden in einer Art Parallelwelt groß. Seit drei Jahren nehmen Drogen- und Gewaltdelikte bei Kindern unter 18 wieder zu.

"Irgendetwas verändert sich"

Darüber hat der schwedische Rundfunk in dieser Woche berichtet und beruft sich auf neue Zahlen von der Polizei. Tove Werner Pettersson ist Polizistin im Stockholmer Vorort Täby, der eher als ruhiges Pflaster gilt. Sie sagt im schwedischen Radio: "Wir haben solche Zahlen bisher noch nie gesehen. Irgendetwas verändert sich gerade."

Christoph Blidberg will sich trotz der schlechten Nachrichten nicht irritieren lassen. Schweden sei noch immer eines der besten Länder, um Kinder in die Welt zu setzen. Deshalb kann es auch gut möglich sein, dass der zweijährige Alexander schon bald ein Geschwisterchen bekommt.

Weltkindertag: Kinderrechte ins Grundgesetz
Anna-Teresa Kiefer, ARD Berlin
19.09.2020 05:00 Uhr

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