Menschen in einem Flüchtlingslager in Ain Issa, Syrien mit Kisten mit Nahrungsmittelhilfe des Welternährungsprogramms der UNO, Archivbild. | Bildquelle: REUTERS

Welternährungsprogramm in Syrien "Die Not zerreißt einem das Herz"

Stand: 09.10.2020 19:29 Uhr

In Syrien versorgt das Welternährungsprogramm rund fünf Millionen Menschen mit Nahrung und Hilfsgütern. Im Interview schildert die Vertreterin Fleischer die immer weiter wachsende Not, die Verzweiflung der Menschen und die Gefährdung ihrer Kollegen.

tagesschau.de: Wie haben sie erfahren, dass Ihre Organisation den Friedensnobelpreis bekommt?

Corinne Fleischer: Ich war zu Hause und plötzlich tauchten auf meinem Smartphone immer mehr Nachrichten und Glückwünsche auf. Es ist eine Welle der Begeisterung und der Dankbarkeit. Wir verstehen das als eine Bestätigung unserer harten Arbeit an der Hungerfront. Auch unsere syrischen Partner sehen das als eine Anerkennung ihrer Arbeit. Es ist eine Anerkennung all der Leute, die zum Beispiel nächtelang mit Hilfsgütern an Checkpoints ausharren und mit Bomben und mit Kidnapping rechnen müssen.

alt Corinne Fleischer | Bildquelle: Jessica Lawson

Zur Person

Corinne Fleischer ist seit Mai 2018 Landesdirektorin des Welternährungsprogramms WFP in Syrien.

tagesschau.de: Was genau macht das WFP in Syrien?

Fleischer: Jeden Monat helfen wir 4,8 Millionen Syrerinnen und Syrern mit einem Nahrungsmittelpaket. Darin enthalten sind unter anderem Weizenmehl, Öl, Zucker, Linsen, Salz. Schulkindern geben wir Pausen-Snacks. Bauern bekommen von uns Saatgut und wir helfen ihnen, Bewässerungskanäle wieder funktionstüchtig zu machen. Wir möchten, dass die Landwirtschaft hier wieder funktioniert und die Menschen sich möglichst wieder selbst versorgen können.

Ein Junge trägt einen Karton mit Nahrungsmittelhilfe des Welternährungsprogramms der UNO, Syrien/Archivbild. | Bildquelle: REUTERS
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Einmal pro Monat verteilt das WFP an gut 4,8 Millionen Familien Nahrungsmittelpakete. Corona hat die Lage noch einmal drastisch verschärft.

Die Zahl der Hilfsbedürftigen steigt weiter

tagesschau.de: Sie kommen viel in Syrien rum. Kürzlich waren sie in Aleppo. Wie ist dort die humanitäre Lage?

Fleischer: In Aleppo sind die Konflikte auf bestimmte Gebiete konzentriert. Viele hatten gehofft, dass in den Gebieten, die unter Regierungskontrolle sind, das Leben wieder beginnt. Aber durch die Wirtschaftskrise und die Corona-Pandemie ist die Situation für die Menschen schlimmer denn je.

Die Zahl der Bedürftigen, die auf Lebensmittelhilfe angewiesen sind, ist in den vergangenen acht Monaten um fast eineinhalb Millionen gestiegen. Insgesamt ist das rund die Hälfte der Bevölkerung. Das sind mehr Menschen als zu jenen Zeiten, als der Konflikt am schlimmsten gewütet hat. Die syrische Bevölkerung ist am Ende ihrer Kräfte. Lebensmittel haben sich binnen Jahresfrist um das 3,5-fache verteuert. Die Einkommen sind aber kaum oder gar nicht gestiegen.

"Lage wird immer bedrückender"

tagesschau.de: Viele Syrer hungern. Verhungern in Syrien auch Menschen?

Fleischer: Vor wenigen Tagen hat mir eine Frau in Aleppo gesagt, dass sie ohne die Hilfe vom WFP nicht überleben könnte. Im Nordosten, im kurdischen Hasaka, kommen jetzt Tausende von Menschen zu unseren Verteilstationen, die gar nicht auf unseren Listen stehen und bitten um Nahrungsmittel. Viele haben wegen Covid-19 ihre Jobs verloren und damit kein Einkommen mehr. Die Lage wird für mehr und mehr Menschen immer bedrückender.

tagesschau.de: Verhält sich die syrische Regierung kooperativ?

Fleischer: Wir arbeiten mit der Regierung zusammen, um an all die Orte gehen zu können, wo wir helfen müssen. Wir haben 1600 Verteilzentren im ganzen Land. Unsere Anfragen, von uns ausgewählte Gebiete zu besuchen und dort zu helfen, werden weitgehend akzeptiert.

tagesschau.de: Die Regierung in Damaskus hat immer wieder Hunger auch als Waffe eingesetzt. Haben sie das Gefühl, sie werden von den Herrschenden in Syrien instrumentalisiert?

Fleischer: In Syrien gibt es immer noch viele Gruppierungen und Parteien, die jeweils ihre eigenen Interessen haben. Unser Interesse gilt den Bedürftigen. Jedes Jahr formulieren wir unsere Ziele, wo wir helfen wollen und können. Wir bestimmen, wo unsere Hilfe hingeht.

Zerstörte Gebäude in der Provinz Idlib, Syrien | Bildquelle: REUTERS
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Wohngebiete, Straßen, Schulen, Krankenhäuer - immer wieder war die Infrastruktur Ziel vom Bombenangriffen durch syrische und russische Kampfjets.

"Wir brauchen 300 Millionen Dollar"

tagesschau.de: Da redet ihnen niemand rein? Sie können also frei bestimmen, wo Sie helfen möchten?

Fleischer: Jeder Tag hier ist anders. Aber wir haben unsere Prinzipien, die auf die Menschen ausgerichtet sind, die Hilfe brauchen. Wir tun alles, um ihnen zu helfen.

tagesschau.de: Hilfe lebt auch von der Hoffnung, dass es durchs Helfen besser wird. Glauben Sie daran?

Fleischer: Ich bin jetzt zweieinhalb Jahre hier und habe erlebt, dass viele Menschen die Hoffnung hatten, dass es besser wird. Aber es ist nicht besser geworden. Der Wirtschaft geht es schlechter und damit geht es auch den Menschen schlechter. Das zu sehen, ist sehr, sehr hart.

Viele unserer syrischen Mitarbeiter sagen mir, es war noch nie so schlimm wie jetzt. Ihnen geht es vergleichsweise gut, weil sie ein Einkommen von den UN haben. Aber vielen, vielen anderen geht es immer schlechter.

tagesschau.de: Sie helfen vielen, aber Sie können nicht allen helfen. Wie geht es ihnen damit persönlich?

Fleischer: Es zerreißt einem das Herz, von Menschen angefleht zu werden, die Hilfe erwarten, aber keine bekommen können, weil es viele andere gibt, denen geholfen werden muss, weil es ihnen noch schlechter geht.

Bis März kommenden Jahres brauchen wir 300 Millionen Dollar, um hier weiter sinnvoll und effektiv helfen zu können. Das ist in der gegenwärtigen Situation schwierig. Aber darauf hat das Nobelpreiskomitee hingewiesen - es ist auch ein Aufruf an die Geberländer, jetzt nicht mit der Hilfe aufzuhören.

Das Gespräch führte Reinhard Baumgarten, SWR

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