Ein Bergsee in der Schweiz | Bildquelle: Reinhard Baumgarten

Urlaub in Corona-Zeiten Wenn Wildcamper die Natur zerstören

Stand: 16.08.2020 04:23 Uhr

Abstand halten - auch im Urlaub, ist das Motto in Corona-Zeiten. Viele zieht es in abgelegene Gebiete, Camping boomt. Doch das sorgt für neue Probleme - etwa in Naturschutzgebieten in der Schweiz.

Von Henning Winter, ARD-Studio Genf

Eigentlich mögen Schweizer keinen öffentlichen Streit. Doch Fritz Immer wusste sich nicht mehr anders zu helfen. Wildcamper versetzten den Naturschützer so in Rage, dass er mit Anzeigen drohte.

Das Hotel des 75-jährigen Pro-Natura-Mitglieds liegt direkt neben dem Engstlensee im Berner Oberland. Ein Naturidyll sondergleichen. Seit Corona musste Fritz Immer nun erleben, wie mehr und mehr Menschen mit dem Auto hier hoch auf 2000 Meter Höhe kamen.

Besucher machen ein Lagerfeuer | Bildquelle: Reinhard Baumgarten
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Lagerfeuer im Naturschutzgebiet sind verboten.

Das wäre nicht so schlimm, wenn sie sich an geltende Regeln halten würden. Doch viele von ihnen bauten ihre Zelte direkt am See auf, machten Lagerfeuer, hörten laute Musik, mit Schlauchbooten ging es auf den See hinaus. Alles streng verboten im Naturschutzgebiet.

Über Instagram wurden noch mehr Menschen hier hoch gelockt. Die Folge waren Müll, Fäkalien und ein angekohlter Baum. Erst als staatliche Wildhüter saftige Strafen verteilten, hörte der Spuk auf.

Fäkalien im Naturidyll

Nicht nur das Berner Oberland kämpft mit dem Problem. Auch im Wallis, Engadin oder im Säntisgebiet geraten Naturschützer in Konflikt mit Wildcampern. Die Behörden versuchen, mit Appellen, Schildern und Rangern entgegenzuwirken. Einer von ihnen ist Stefan Steuri. Er betreut das Naturschutzgebiet Sense. Er bringt uns zu einer Anhöhe und der Anblick ist ergreifend. Ein naturbelassener Fluss in einer Schlucht.

Kiesbänke, glasklares Wasser - das Flüsschen Sense bei Bern sei eines der letzten Naturwunder der Schweiz, meint Steuri: "Die Sense ist der letzte nördliche Fluss der Alpen, der wirklich noch natürlich ist. Er hat kein Kraftwerk, ist wirklich Natur pur, ist 35 Kilometer lang und 15 Kilometer in einem Canyon, also wirklich noch ein Naturwunder."

Wohnmobil steht hinter Bäumen | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Die Nachfrage nach Urlaub im Wohnmobil ist durch die Corona-Krise enorm gestiegen.

Idylle in Gefahr

Doch diese Idylle ist in Gefahr. Seit Corona tummeln sich immer mehr Menschen hier am Wasser der Sense. Vor allem in Ferienzeiten. Deshalb wurde Ranger Steuri nun mit dem Schutz des naturbelassenen Flusses beauftragt. Er will die Menschen nicht aus diesem kleinen Paradies vertreiben. Baden im Fluss, Picknicken und Feuermachen außerhalb des Waldes sind erlaubt. Hier zu übernachten allerdings seit kurzem nicht mehr. Weder im Zelt noch im Camper. Und das aus gutem Grund.

Also klappert Stefan Steuri Zelte, Campingbusse und Wohnmobile ab und erklärt, warum. Es gehe um den Schutz der Tiere, die durch laute Musik und nächtlichen Lagerfeuern massiv gestört würden. "Die Menschenmassen durch den Tag sind die Tiere gewohnt, das ist nicht so das Problem. Aber in der Nacht sind sie gewohnt, dass sie ihre Ruhe haben. Die gehen auch mehrheitlich in der Nacht ihre Nahrung holen, weil es ruhiger ist."

Stefan Steuri | Bildquelle: Reinhard Baumgarten
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Ranger Steuri betreut das Naturschutzgebiet Sense und klärt dort Besucher auf.

Jeder will in die Natur - am liebsten, wo sonst niemand ist

Der Druck auf die Natur wächst. Die Campingplätze sind voll, seitdem wegen Corona alle zu Hause Urlaub machen sollen. Die Nachfrage nach Wohnmobilen hat enorm zugenommen. So haben sich die Buchungsanfragen bei Wohnmobilvermietern im Mai und Juni gegenüber dem Vorjahreszeitraum fast verdreifacht. Naturnahe Ferien liegen eben im Trend.

Zerstören wir, was wir lieben? Das Problem seien nicht so sehr die Massen, sagt Steuri, sondern jene wenigen, die Schäden anrichten. Besucherlenkung sei deshalb enorm wichtig. Er setzt auf Verständnis anstatt auf Strafen.

Uneinsichtige werden angezeigt

Die Leute müssten sensibilisiert werden. Wenn jemand nicht gehen möchte, komme er eben immer wieder. Abends, nachts, früh am Morgen. Das nerve irgendwann, sagt er, und dann gehen sie. Erst wenn jemand absolut uneinsichtig sei, gebe es eine Anzeige. "Es gibt natürlich Diskussionen, das ist verständlich. Vielleicht ist es hier auch speziell, weil man es bis anhin geduldet hat", so Steuri. "Verboten war es immer, aber man hat es geduldet. Und dann sind sie manchmal überrascht, dass man jetzt plötzlich reagiert und sie weg müssen."

Doris und Martin zum Beispiel. Gerade noch haben sie erzählt, wie schön es hier war in der vergangenen Nacht. Nein, Campingstühle hätten sie nicht vor ihrem Wohnmobil aufgebaut und auch kein Feuer gemacht. Nur im Wagen übernachtet. Doch genau das geht jetzt leider nicht mehr, muss ihnen Steuri erklären. Aber wohin mitten in der Nacht, wenn alles überlaufen ist? Der Urlaub im Paradies - für Doris und Martin ist er nun leider vorbei. Es geht nach Hause.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 16. August 2020 um 12:45 Uhr im "Europamagazin".

Korrespondent

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Henning Winter, SWR

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