Hinweisschild für Ladestation für Elektroautos | Bildquelle: dpa

Angeblicher Durchbruch Gibt es die Superbatterie?

Stand: 13.12.2019 08:53 Uhr

Glaubt man Medienberichten, sind die entscheidenden Probleme der E-Autos gelöst - im Alleingang von einem britischen Ingenieur. Wenn man etwas genauer dahinter schaut, gibt es Zweifel.

Von Wulf Rohwedder, tagesschau.de

Elektroautos setzen sich nur schwer durch. Eines der Hauptprobleme ist die Energiespeicherung: Akkus sind teuer, bestehen aus seltenen oder problematisch abzubauenden Materialien und sind schwer recyclebar, ihre Speicherkapazität ist begrenzt.

Screenshot youtube | Bildquelle: Screenshot youtube
galerie

Die BBC widmete dem Erfinder einen Beitrag - hinterfragte die Technik jedoch nicht.

Ein britischer Ingenieur will nun all diese Probleme auf einen Schlag gelöst haben: Die Batterie des ehemaligen Marineoffiziers Trevor Jackson besteht aus billigen, ungefährlichen Materialien und soll bei einem Bruchteil des Gewichts und Volumens bisheriger Akkus ein vielfaches an Energie speichern können, schreibt das britische Boulevardblatt "Daily Mail".

Eine Technik für alles

Mit den Batterien solle es sogar möglich sein, Busse, Schwertransporter sowie Flugzeuge elektrisch zu betreiben. Laut der Website Métalectrique, auf der Jacksons Technology vermarktet wird, sollen Benzin- oder Dieselwagen für rund 3500 Pfund (4130 Euro) zu einem Gefährt umgebaut werden können, das mit Jacksons System angetrieben wird.

Screenshot dailymail | Bildquelle: Screenshot dailymail.co.uk
galerie

Die von Jackson auf dem Foto präsentierte Batterie sollte eigentlich bereits 2017 auf den Markt kommen. Erhältlich ist sie bis heute nicht.

Das Thema wurde von Medien weltweit aufgegriffen, auch die BBC berichtet wohlwollend darüber. Es scheint fast zu gut, um wahr zu sein. Doch die Technik der Metall-Luft-Batterien, die Jackson nutzt, ist wissenschaftlich gut erforscht und wird auch in der Praxis erfolgreich angewandt, wenn auch auf sehr geringem Niveau, zum Beispiel in Zink-Luft-Batterien für Hörgeräte.

Geheimtechnik mit Tücken

Das Problem: Metall-Luft-Batterien benötigen extrem reine Metallelektroden sowie eine ätzende und giftige Flüssigkeit als Elektrolyt. Sie entladen sich zudem sehr schnell selbst. Jackson will nun eine Technologie entwickelt haben, die all diese Probleme löst. Sein Elektrolyt soll auch mit unreinem Aluminium funktionieren und dabei so ungefährlich sein, dass man es trinken kann.

Das Verfahren und die Zusammensetzung seien streng geheim - die Ergebnisse habe aber den Autobauer Austin Electric überzeugt, Tausende der Batterien zu bestellen, um sie in seinen neuen E-Autos zu verbauen, berichtet die "Daily Mail".

Andere scheiterten bisher

Schon mehrfach haben Forscher vermeldet, ihnen sei es gelungen, Aluminium-Luft-Batterien ohne gefährliche Elektrolyte herzustellen. Zur Marktreife hat es allerdings noch keins dieser Produkte geschafft. Auch die von Jackson für 2017 angekündigte Produktion einer Batterie für Militärzwecke hat offenbar noch nicht begonnen.

Screenshot dailymail | Bildquelle: Screenshot dailymail.co.uk
galerie

2400 Kilometer mit einer Batterie - so schreibt die "Daily Mail". Überprüft werden konnte das bisher nicht.

Laut Jackson ist es ihm aber gelungen, mit einem Auto, das mit seiner Technologie angetrieben wird, 1500 Meilen (2400 km) gefahren zu sein, ohne die Batterie wechseln zu müssen. Mit einer Aluminium-Luft-Batterie, die die Größe eines im einem Tesla verbauten Lithium-Ionen-Akkus habe, seien sogar 2700 Meilen (4350 km) Reichweite möglich, sagte er der "Daily Mail".

Einfacher Austausch?

Der Akku, der in einem Tesla S verbaut ist, wiegt 600 Kilogramm. Eine Aluminium-Luft-Batterie, mit der man, wie in der angegebenen Testfahrt, 1500 Meilen (2400 km) fahren könnte, müsste demnach gut 330 Kilogramm wiegen. Wie man ein solches Modul so in einem Fahrzeug einbauen kann, dass es sicher hält und problemlos ausgetauscht werden kann, verrät Jackson nicht.

Laut Métalectrique soll es dafür Servicestationen geben, an denen "Kassetten" automatisch ausgetauscht werden - innerhalb von 90 Sekunden. Man sei mit zwei Supermarktketten in fortgeschrittenen Gesprächen, die entsprechende Servicestationen aufbauen wollen.

Viele offene Fragen

Allerdings: Aluminium-Luft-Systeme sind Batterien, also keine Akkumulatoren. Sie können nicht wieder aufgeladen werden, sondern müssen recycelt werden. Die Rückgewinnung des Aluminiums aus dem Aluminiumhydroxid ist extrem energieaufwändig, zudem müsste die Batterie jedes Mal komplett neu aufgebaut werden.  

Screenshot Metalectrique.com | Bildquelle: Screenshot metalectrique.com
galerie

Details zu der revolutionären Technik verrät die Website von Métalectrique nicht.

Was passiert mit den Abfallstoffen?

Bei dem elektrochemischen Prozess, durch den in der Aluminium-Luft-Batterie Strom erzeugt wird, werden Abwärme sowie explosiver Wasserstoff frei. Das bei der Reaktion erzeugte Aluminiumhydroxid ist zudem deutlich schwerer und voluminöser als das ursprüngliche Aluminium. Eine neue Batterie würde am Ende ihres Lebens viel mehr Raum einnehmen und mehr wiegen als im Neuzustand.

Auf Anfragen von tagesschau.de erklärte Jackson, dass man diese Probleme der Wasserstoffproduktion und der Gewichtszunahme gelöst habe, aus Geheimhaltungsgründen aber keine Einzelheiten nennen könne.

Autokonzern im Gewerbehof

Trotzdem sollen bei Austin schon bald die ersten Fahrzeuge vom Band rollen. Wo sie hergestellt werden, ist dabei ein Rätsel. Austin Electric, nach eigenen Angaben aktueller Inhaber der traditionellen "Austin"-Automarke, wurde laut dem britischen Handelsregister erst am 21. September 2019 gegründet.

Der Autobauer residiert als GmbH auf einem ehemaligen Bauernhof nordöstlich von London. Dort sind diverse weitere Kleingewerbe angesiedelt, darunter auch die Austin Motor Company Ltd, nach eigenen Angaben eine Autoreparaturwerkstatt.

Google-Streetview-Ansicht des Gewerbehofs | Bildquelle: Google Streetview
galerie

Auf diesem Gewerbehof ist die "Austin Electric Ltd" ansässig, die ab 2020 die revolutionären Elektrofahrzeuge in Serie produzieren will.

Diese ist tatsächlich Inhaber der Marke "Austin of England", die jedoch, abgesehen vom Namen, mit der traditionellen Automarke nichts zu tun hat und erst im Dezember 2018 neu eingetragen worden war. Die historischen "Austin"-Markenrechte gehören laut der britischen Markenrechts-Registratur dem chinesischen SAIC-Konzern, der sie aus der British-Leyland-Gruppe übernommen hatte.

Gesellschaft mit sehr beschränkter Haftung

Inhaber der Austin Motor Company Ltd ist neben Jacksons Geschäftspartner Daniel Cocoran auch John Hesse Stubs, der auch einer der beiden Geschäftsführer und Mitinhaber von Austin Electric Ltd ist. Beide haben je zur Hälfte das Stammkapital des "Autokonzerns" eingebracht: je ein Pfund (1,19 Euro).

Sollte Jacksons Konzept für eine Aluminium-Luft-Batterie einer unabhängigen Überprüfung standhalten, könnte es einen wichtigen Beitrag zur effizienten Elektromobilität leisten. Diese steht jedoch noch aus. Dass es in absehbarer Zeit marktreife Fahrzeuge mit diesem Antrieb geben wird, kann guten Gewissens bezweifelt werden.

Darstellung: