Mehrere Flüchtlinge aus verschiedenen afrikanischen Ländern sitzen vor der Küste von Libyen an Bord eines überfüllten Holzbootes | Bildquelle: dpa

Vorwürfe von Helfern Weichen Handelsschiffe Flüchtlingsbooten aus?

Stand: 20.08.2019 12:55 Uhr

Der Vorwurf wiegt schwer: Handelsschiffe sollen auf dem Mittelmeer bewusst ihren Kurs ändern, um Flüchtlingsbooten auszuweichen. Belastbare Beweise gibt es dafür jedoch nicht - aber Indizien.

Von Franziska Wülle, WDR und Karin Bensch, ARD-Studio Brüssel

Das zentrale Mittelmeer: ein großes, bewegtes Wasser zwischen Europa und Afrika. Dort sind massenhaft haushohe Containerschiffe und riesige Öltanker unterwegs. Zwischen Malta und Sizilien befindet sich eine Hauptroute der Handelsschifffahrt. Von Libyen aus starten hochseeuntaugliche Boote mit Flüchtlingen an Bord, meist völlig überladen, Richtung Malta, Lampedusa und Sizilien.

Kapitäne wählen Kurs selbst

Ändern Handelsschiffe tatsächlich ihren Kurs, um solchen Flüchtlingsbooten auszuweichen? "Wir hören diesen Vorwurf immer mal wieder", sagt Christian Denso vom Verband Deutscher Reeder, "aber wir können die Sache mit den angeblichen Kursänderungen, ehrlich gesagt, nicht ganz nachvollziehen".

Weder zwischen Sizilien und Malta noch vor der libyschen Küste gibt es festgelegte Routen, die Schiffskapitäne einhalten müssen. Sie können ihren Kurs selbst bestimmen. Die meisten wählen die kürzeste Strecke.

Handelsschiffe fahren meist außerhalb der Flüchtlingsrouten

Darüber hinaus liegt die Hauptroute der Handelsschifffahrt, von Gibraltar zum Suezkanal, in einem Gebiet, in dem kaum Flüchtlinge unterwegs sind. Denn diese Hauptroute verläuft nördlich von Malta und Lampedusa. Für Kursänderungen gibt es also keine Notwendigkeit, erklärt Denso: "Denn dort oben sind, zumindest bei dem Transitverkehr, einfach auch wenige Flüchtlingsschiffe unterwegs."

Schiffsrouten laut MarineTraffic | Bildquelle: marinetraffic.com
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Die Website MarineTraffic hat die wichtigsten Schiffsrouten im Mittelmeer ausgewertet.

Seawatch: Gebiet vor Libyen wird gemieden

Vor der libyschen Küste sieht die Situation anders aus, berichten private Seenotretter. Mittlerweile seien dort deutlich weniger Handelsschiffe unterwegs. Und: Viele fahren nicht mehr auf direktem Weg zum Beispiel von Tunesien über Libyen nach Ägypten, sagt Ruben Neugebauer von Seawatch. "Allerdings stellen wir eben fest, dass sie so entsprechenden Bogen um die Seegebiete vor Libyen machen", sagt er.

Damit wollten Handelsschiffe Flüchtlingsbooten, die von Libyen aus Richtung Europa losfahren, aus dem Weg gehen. Flüchtlinge, die wir aus einem Holzboot auf dem Mittelmeer gerettet haben, erzählten uns, dass ihnen zuvor niemand geholfen habe, sagt Jana Ciernioch von "SOS Méditerranée": "Dass eben mehrere Schiffe an ihnen vorbei gefahren sind, die Hilfe aktiv verweigert haben. Darunter wohl auch Handelsschiffe."

Nicht unbedingt Vorsatz

Vorbeifahren kann ignorieren bedeuten. Es ist aber auch möglich, dass ein großes Frachtschiff ein kleines Flüchtlingsboot - je nach Entfernung - nicht sieht. Auf acht bis zehn Kilometer muss ein Handelsschiff ein Flüchtlingsboot auf seinem Radar erkennen können, erklärt Nautik-Professor Sander Limant von der Hochschule Flensburg, "aber rein vom Sehen her liegt kein Seenotfall vor, wenn Sie auf ein kleines Schiff treffen."

Im Seenotfall, wenn Menschen in Lebensgefahr sind, müssen Schiffe helfen, die sich in der Nähe befinden. Kein Schiff darf abdrehen oder einen Mayday-Funkspruch ignorieren.

Handelsschiffe nicht für Rettungsmissionen ausgerüstet

In der Vergangenheit hatten einige Handelsschiffe versucht Flüchtlinge aufzunehmen. Doch dafür sind sie nicht gebaut: Einige Flüchtlinge hatten keine Kraft mehr, die rund 25 Meter hohen Schiffswände hochzuklettern. Seeleute mussten zusehen, wie vollbeladene Boote kenterten, Flüchtlinge ins Wasser fielen, nicht schwimmen konnten und vor ihren Augen ertranken. Darüber hinaus haben Handelsschiffen keine Ärzte und Psychologen an Bord - anders als Rettungsschiffe.

Für den Vorwurf, dass Handelsschiffe ihre Kurse ändern, um Flüchtlingsbooten auszuweichen, gibt es keine Beweise, meint Limant. Vermuten könnte man es für das Seegebiet vor der libyschen Küste. Verboten wäre das nicht, weil Schiffskapitäne in den meisten Gebieten des zentralen Mittelmeers ihren Kurs selbst bestimmen dürfen. Moralisch allerdings wäre es zweifelhaft.

Handelsschiffe und Flüchtlingsboote im Mittelmeer
Karin Bensch, WDR
20.08.2019 11:53 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 20. August 2019 um 13:52 Uhr.

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