Ein Sarg wird getragen und neben weitere in eine Kirche in Seriate gestellt. | Bildquelle: dpa

Behauptungen zu Corona Rechnungen mit zu vielen Unbekannten

Stand: 27.03.2020 13:03 Uhr

Die Sterberate der Corona-Infizierten unterscheidet sich in Italien und Deutschland stark. Im Netz kursieren dazu krude Theorien, die auf simplen Erklärungen und Rechnungen mit vielen Unbekannten basieren.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Immer wieder gibt es Hinweise und Fragen zu Videos und Behauptungen, die im Netz und über Messenger verbreitet werden. Darin heißt es oft, die Warnungen vor der Pandemie seien vollkommen maßlos, die "Corona-Medien" schürten gezielt Hysterie.

So spricht der Urheber eines YouTube-Videos mit Hunderttausenden Abrufen beispielsweise davon, Italien habe eine 30-fach so hohe Sterblichkeitsrate als Deutschland. Darüber würde "niemand so wirklich berichten".

Immer wieder analysiert

Diese Behauptung ist falsch: Tatsächlich haben diverse Medien die hohen Todeszahlen in Italien immer wieder analysiert. Der ARD-faktenfinder thematisierte die Differenzen beispielsweise am 20. März, drei Tage vor dem Erscheinen des YouTube-Videos, und erklärt darin, warum die Zahlen aus Italien und Deutschland nicht einfach verglichen werden können. Dies liegt unter anderem an der Zahl der Getesteten insgesamt und der Zählweise bei den Verstorbenen.

Paradoxe Behauptungen

In dem erwähnten YouTube-Video zeigt der Urheber neben Werbung für seine Nahrungsergänzungsmittel übrigens sogar einen Ausschnitt aus der tagesschau, in dem erklärt wird, dass Italien Menschen als Corona-Todesopfer zählt, wenn sie infiziert waren. Ob sie daran ursächlich gestorben sind, werde nicht ausgewiesen. 

Diese Information wird also keineswegs von Medien verschwiegen, sondern immer wieder dargestellt. Paradoxerweise werden in solchen YouTube-Videos sogar Ausschnitte aus Medien benutzt, um vermeintlich zu belegen, dass diese Sachverhalte nicht berichtet würden.

Vorsicht bei einfachen Erklärungen

In dem erwähnten YouTube-Video wird zudem behauptet, die Ursache für die hohe Todesrate in Norditalien sei die schlechte Luft. Diese Behauptung steht allerdings im Widerspruch zu der vorherigen These, derzufolge es gar keine besonders hohe Sterblichkeitsrate in Italien gebe. 

Es erscheint plausibel, dass schlechte Luft ein Risikofaktor bei einer Lungenkrankheit sein kann. Es gibt aber keine monokausale Erklärung dafür, wo sich ein Virus warum besonders stark ausbreitet und besonders tödlich wirkt. Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, unter anderem:


  • Altersstruktur der Bevölkerung
  • Effektivität von Schutzmaßnahmen
  • Zeitpunkt der eingeleiteten Gegenmaßnahmen
  • Altersgruppen, die sich zuerst infiziert haben
  • medizinische Versorgungslage
  • Umwelteinflüsse
  • Bevölkerungsdichte

In Norditalien kommen verschiedene ungünstige Faktoren zusammen: eine relativ alte Bevölkerung, hohe Bevölkerungsdichte, spätes Erkennen der Gefahr, Einsparungen im Gesundheitswesen, Vorbelastung von älteren Menschen durch Luftverschmutzung.

Verschwiegene Studie?

In dem YouTube-Video behauptet der Urheber weiterhin, er sei bei seiner Recherche auf eine italienische Studie gestoßen, aus der hervorgehe, dass die meisten Todesopfer in Italien mindestens eine Vorerkrankung gehabt hätten. “Wieso wird das nicht in den Medien gezeigt?”, fragt er seine Zuschauer - und impliziert damit, solche Informationen würden verheimlicht.

Hier hilft eine einfache Google-Suche, die zeigt: Diverse Medien hatten genau über diese ISS-Studie berichtet, und zwar bevor das Video erschienen ist, so unter anderem “Die Welt” und die “FAZ”. Zudem bestätigt die Untersuchung genau das, was Forschende immer wieder betonen: Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen sind besonders gefährdet, was einen schweren Verlauf von Covid19 betrifft.

Lediglich fünf Prozent gefährdet?

In einem Interview des Radiosenders RS2, das derzeit ebenfalls massenhaft im Netz geteilt wird, behauptet der Immunologe Stefan Hockertz, lediglich fünf Prozent der Bevölkerung seien überhaupt gefährdet, die Krankheit Covid19 "auszubilden". Zu dieser gefährdeten Gruppe zählt er "Alte, Kranke, vorgeschädigte Menschen, Raucher". 

In Deutschland rauchen rund ein Viertel aller Erwachsenen. Mehr als 20 Millionen Menschen sind älter als 60 Jahre alt. Und es gibt eine Reihe von Risikofaktoren bei Millionen Menschen durch Vorerkrankungen. Auch wenn es Schnittmengen gibt, entspricht dies deutlich mehr als fünf Prozent der Bevölkerung. Die meisten Experten sprechen zudem nicht von einer Risikogruppe von lediglich fünf Prozent, sondern befürchten, dass bei 20 Prozent der Infizierten Covid19 schwer verlaufe. Dies könne aber auch jüngere Menschen treffen, die gesund sind.

Zeit der Ungewissheit

Viele Experten betonen immer wieder, dass die Welt noch am Anfang der Pandemie steht. Wie sich die Zahl der Infizierten, der schwer erkrankten Menschen sowie der Todesopfer entwickelt, kann niemand genau vorhersagen. Es sind Rechnungen mit vielen Faktoren und Unbekannten; daher kommen Forscher zu sehr unterschiedlichen Prognosen, was den weiteren Verlauf betrifft.

Dementsprechend ist größte Skepsis geboten, wenn einzelne Stimmen behaupten, die meisten Forschenden und Medien würden die Pandemie einfach pauschal übertreiben, Informationen würden unterdrückt und es gebe einfache Erklärungen für einen komplex Vorgang wie die Ausbreitung einer Pandemie.

 

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Patrick Gensing, tagesschau.de

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