Eine medizinische Fachkraft kümmert sich in einem Krankenhaus in Teheran um einen Corona-Patienten. | Bildquelle: AP

Studie zur Corona-Pandemie Tödlich gefährliche Fake News

Stand: 11.08.2020 14:59 Uhr

In sozialen Netzwerken grassieren seit Monaten abstruse Gerüchte über angebliche Heilmittel gegen Covid-19. Das hat einer Studie zufolge viele erst krank gemacht - oder sogar das Leben gekostet.

Seit Beginn der Corona-Pandemie haben Fehlinformationen und Gerüchte in Verbindung mit dem Virus einer Untersuchung zufolge weltweit Hunderte Menschen das Leben gekostet. Tausende weitere mussten wegen der Folgen von Falschinformationen im Krankenhaus behandelt werden, ergab eine im "American Journal of Tropical Medicine and Hygiene" veröffentlichte Studie.

Neben der Pandemie gebe es auch eine "Infodemie", warnen die beteiligten Forschenden unter anderem aus Australien, Thailand und Japan. Auch WHO und UN haben bereits mehrmals vor der enormen Gefahr durch die Flut von Desinformation gewarnt.

Die Studie untersucht die Folgen von Corona-Verschwörungsmythen und Stigmatisierungen. Viele der überwiegend in sozialen Netzwerken verbreiteten falschen Behauptungen zur Bekämpfung des Coronavirus seien gefährlich und teilweise lebensbedrohlich, stellten die Forscher fest und warnten: "Gerüchte können sich als glaubwürdige Strategien zur Infektionsprävention und -kontrolle tarnen". Dabei könnten sie "potenziell schwerwiegende Auswirkungen auf den Einzelnen und die Gemeinschaft haben, wenn sie evidenzbasierten Richtlinien vorgezogen werden".

So kostete der Konsum von hochkonzentriertem Alkohol zur Desinfizierung des Körpers weltweit 800 Menschen das Leben. Mehr als 5800 landeten nach dem Verzehr von Methanol im Krankenhaus, 60 erblindeten. Das Trinken von Desinfektionsmitteln habe für zwei gesunde Männer in Katar lebensgefährliche Folgen gehabt. In Indien nahmen zwölf Menschen - darunter fünf Kinder - einen Drink aus hochgiftigen Stechäpfeln zu sich. Sie hatten in sozialen Netzwerken ein Video gesehen, in dem die Pflanzen zur Immunisierung gegen Sars-CoV-2 beworben wurden. Alle wurden krank.

Ebenfalls in Indien wurde das Gerücht verbreitet, der Konsum von Kuhdung oder -urin beuge einer Ansteckung vor. In Saudi-Arabien wurde Kamelurin mit Limone als Wunderwaffe gegen Covid-19 angepriesen.

Stigmatisierung und Ausgrenzung

Die Forscher untersuchten auch mögliche Folgen von Stigmatisierung. So habe sich ein Mann in Indien das Leben genommen, weil er glaubte, mit Corona infiziert zu sein. Seine Familie sagte, er habe Schuldgefühle gehabt, die mögliche Erkrankung als Schande empfunden und Angst vor der Reaktion seiner Mitmenschen gehabt.

Auch sei es seit Beginn der Pandemie vielerorts zu verbaler und physischer Gewalt gegen Menschen asiatischer Herkunft und Mitarbeiter des Gesundheitssystems gekommen, weil beide Gruppen für die Ausbreitung des Virus verantwortlich gemacht wurden.

Maßnahmen gefordert

Die Wissenschaftler forderten Regierungen und internationale Organisationen auf, Corona-Fehlinformationen im Internet besser zu überwachen, diese als falsch zu entlarven und "mit Social-Media-Unternehmen zusammenzuarbeiten, um korrekte Informationen zu verbreiten". Von mehr als 2300 untersuchten Berichten aus 87 Ländern hätten sich 82 Prozent als falsch herausgestellt, so die Studie. Die meisten davon grassierten in Indien, den USA, China und Spanien.

Es sei nicht das erste Mal, dass bei Epidemien und Gesundheitskrisen Fehlinformationen um sich greifen. Das sei bereits beim Ebola-Ausbruch 2019 im Kongo geschehen, "verbunden mit Gewalt, Misstrauen, sozialen Unruhen und gezielten Angriffen auf Gesundheitsmitarbeiter". Auch während des Sars-Ausbruchs in China 2002/2003 seien Menschen asiatischen Ursprungs stigmatisiert worden.

Der Begriff Infodemie werde in diesem Zusammenhang als "Überfluss an teils akkuraten und teils unrichtigen Informationen" definiert. Die Masse an Infos mache es den Menschen schwer, vertrauenswürdige Quellen und verlässliche Orientierungshilfe zu finden.

Für die Studie werteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehr als 2300 Berichte in verschiedenen Sprachen aus, die zwischen dem 31. Dezember 2019 und dem 5. April 2020 veröffentlicht wurden. Dazu gehörten zahlreiche Quellen, diverse Medien sowie spezielle Verifikations- und Faktencheckprojekte.

Der ARD-faktenfinder veröffentlichte seit dem Ausbruch der Pandemie mehr als 80 Beiträge zu Corona, in denen unter anderem fragwürdige Behauptungen geprüft, Gerüchte und Falschmeldungen widerlegt oder Gefahren durch Desinformation thematisiert werden.

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