Eine Person wird gegen Grippe geimpft. | Bildquelle: dpa

Corona-Infektionen Gefährliche Gerüchte über Grippe-Impfung

Stand: 22.10.2020 12:10 Uhr

Angesichts der hohen Zahl von Corona-Neuinfektionen kursieren vermehrt Spekulationen, die Ursache für den Anstieg seien Grippe-Impfungen. Doch dafür gibt es überhaupt keine Belege.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Im Netz haben Nutzerinnen und Nutzer einen Zusammenhang zwischen der Grippe-Impfung und der Corona-Infektion von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn konstruiert. Einige spekulieren, Spahns Immunsystem sei durch die Impfung geschwächt, daher habe er sich nun mit Corona infiziert; andere glauben, Corona-Tests fielen positiv aus, da diese auf Grippeviren reagierten. Daher gebe es auch so viele Corona-Neuinfektionen, so eine unbelegte Behauptung.

Experten weisen diese Spekulationen allerdings zurück. Bei Grippeviren und dem neuartigen Coronavirus handelt es sich schlicht um unterschiedliche Viren. Sars-CoV-2 kann sich deshalb so schnell ausbreiten, da es bislang keine oder nur eine sehr geringe Immunität in der Bevölkerung gibt. Auch liegen dem Robert Koch-Institut zufolge bislang keine Hinweise vor, dass Grippe-Impfungen das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, erhöhen. Es sei "auch kein physiologischer Mechanismus bekannt, der einen solchen Einfluss plausibel erklären könnte".

"Zwei verschiedene Krankheiten"

Das Science Media Center (SMC) teilte auf Anfrage mit, die beiden Krankheiten seien schlicht und ergreifend zwei verschiedene Dinge "und wenn man gegen die eine immunisiert ist, wird man nicht anfälliger für die andere". Das Immunsystem müsse "täglich mit vielen Erregern gleichzeitig klarkommen und meistens gelingt das auch". Richtig sei, dass man besser nicht geimpft werden solle, "wenn man richtig krank ist, weil dann der Aufbau einer Schutzwirkung womöglich verringert sein kann".

Volker Stollorz vom SMC erklärt: Trotz der Fakten geistere die Hypothese, dass eine Grippeimpfung das Risiko für andere Atemwegserkrankungen erhöhen könnte um die Welt - insbesondere bei Impfgegnern. Dieses Motiv sei auch in dieser Corona-Pandemie früh aufgetaucht. Es gebe eine Reihe guter Studien, die zeigen konnten, dass das Risiko von Atemwegserkrankungen, die nicht von Influenza-Viren bedingt sind, durch die Grippe-Impfung nicht erhöht wird.

Fachleute weisen immer wieder darauf hin, dass die Grippe-Impfung insbesondere Risikogruppen vor schweren Folgen einer Influenzainfektion schützen könne. Belastbare Evidenz, dass sie das Risiko von Atemwegserkrankungen erhöht, liegt hingegen nicht vor. SMC-Redaktionsleiter Stollorz meint: "Diese Erkenntnisse dürften auch für SARS-CoV-2 gelten, auch wenn wir noch mitten in der Pandemie stecken - und viele Erkenntnis erst erhoben werden."

"Natürlich auf Kreuzreaktion untersucht"

Zu der Frage, ob Corona-Tests auf Grippeviren reagierten, sagte Stollorz, es sei "ganz klar, dass ein PCR-Test auf Corona, wenn er korrekt durchgeführt wird, nicht auf eine Grippevirus-Infektion reagiert". Dazu seien die als Sonde verwendeten Virus-Sequenzen viel zu unterschiedlich. Die PCR könne sogar zwischen endemischen Coronaviren und SARS-CoV-2 unterscheiden, weil die PCR-Proben entsprechend ausgewählt werden sollten.

Klaus Überla vom Virologischen Institut des Universitätsklinikums Erlangen erklärte auf Anfrage, die Corona-PCR-Tests wurden "natürlich auf Kreuzreaktion mit Influenzaviren untersucht. Dabei wurde eine Kreuzreaktion ausgeschlossen. Schon vom Design der Corona-PCR-Tests kann man damit keine Influenzaviren nachweisen. Außerdem führen wir wie jedes Jahr auch die Influenzadiagnostik durch. In diesem Herbst wurden bundesweit bisher nur 36 Influenzafälle gemeldet. Wie sollen diese wenigen Influenzavirusinfektionen für die große Anzahl an Covid-19 Diagnosen verantwortlich sein?"

Kein Zusammenhang

Zusammengefasst: Weder gibt es Hinweise, dass Menschen durch eine Grippe-Impfung empfänglicher werden für eine Corona-Infektion, noch reagieren PCR-Tests bei korrekter Anwendung auf Influenzaviren. Die steigende Zahl der Corona-Neuinfektionen hat also nichts mit der Grippe-Impfung, die insbesondere für Risikopatienten dringend empfohlen wird, zu tun.

Über dieses Thema berichtete der NDR in der Sendung Visite am 31. März 2020 um 20:15 Uhr.

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