Corona-Pandemie Wie ansteckend sind die Kleinsten?

Stand: 14.12.2020 18:47 Uhr

Erstmals seit dem Ende des Lockdowns im Frühjahr sind auch Kitas und Schulen wieder von verschärften Maßnahmen betroffen. Dabei geht die Wissenschaft weiter der Frage nach, wie infektiös Kinder eigentlich sind.

Von Natalia Frumkina, tagesschau.de

Schulen zu, Kitas zu, Spielplätze zu - zu Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr diesen Jahres griff die Politik zu drastischen Maßnahmen, um die Ausbreitung des neuen Virus einzudämmen. Über Sars-CoV-2 war kaum etwas bekannt, so ging man davon aus, dass auch hier Kinder ihrem Ruf als "Virenschleudern" folgend die Infektionen vermehrt weitertragen. Allmählich präsentierten erste Studien Daten, die darauf schließen ließen, dass Kinder weniger betroffen seien - seltener und im Schnitt milder erkrankten und womöglich weniger ansteckend seien. Die Schulen und Kitas öffneten wieder und sollten nicht mehr flächendeckend schließen - bis jetzt.

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher traf am Sonntag bei der Pressekonferenz zu neuen verschärften Maßnahmen folgende missverständliche Aussage: "Es gibt überhaupt keinen Streit mehr über die Frage, dass gerade die jüngeren, jüngsten Kinder eben nicht infektionsgefährdet sind und nicht zum Infektionsgeschehen beitragen." Der Satz sorgte in den sozialen Netzwerken für Verwirrung. Was meinte der SPD-Politiker genau damit und stimmt diese Aussage?

Tschentscher bezog sich bei seiner Antwort auf die Frage, ob Spielplätze erneut geschlossen werden - was er verneinte. Dies sei bereits im Frühjahr aus dem oben genannten Grund falsch gewesen.

Hohe Viruslasten bei Kindern entdeckt

Dabei lässt sich Tschentschers Behauptung so kategorisch nicht halten. Daten einer Studie des Chefvirologen der Berliner Charité, Christian Drosten, hatten bereits im Frühjahr darauf hingewiesen, dass Kinder eine ähnlich hohe Viruslast aufweisen, wie Erwachsene - also genauso ansteckend sind. Die Studie und ihre Ergebnisse lösten einen heftigen wissenschaftlichen und medialen Streit aus. Drostens Team überarbeitete die Untersuchung, an der zentralen Aussage änderte das allerdings nichts. Nach Angaben der "Bild"-Zeitung erfolgt gerade eine erneute Überarbeitung der Studie.

Diese Erkenntnisse stützen aber auch andere Untersuchungen: Wissenschaftler aus Chicago etwa haben in Abstrichen bei Kindern unter fünf Jahren sogar weitaus höhere Konzentrationen an Viren gefunden als bei älteren Kindern und Erwachsenen.

Keine Symptome - keine Tests?

Auf Nachfrage des ARD-faktenfinders hieß es aus dem Hamburger Senat, der Erste Bürgermeister habe sich bei seiner Aussage auf die Zahlen des Stadtstaates sowie die Corona-Kita-Studie gestützt, die vom Bundesgesundheits- und dem Familienministerium gefördert wird. Die Studienleiter des Robert Koch-Instituts und des Deutschen Jugendinstituts schreiben allerdings: "Eine Literaturrecherche, in die 291 internationale Studien eingeschlossen wurden, zeigt: Zur Infektiosität von Kindern und Jugendlichen liegt nur eine geringe Zahl aussagekräftiger Studien vor, die Ergebnisse sind insgesamt heterogen. Insgesamt scheinen Kinder ein weniger hohes Übertragungsrisiko zu vermitteln als Erwachsene."

Die Schwierigkeit, die Wissenschaftler bei zahlreichen Studien beschreiben, liegt darin, dass Kinder in der Tat seltener Symptome entwickeln und folglich seltener getestet werden. Mikrobiologe Michael Wagner von der Uni Wien, Leiter einer Corona-Massenteststudie an österreichischen Schulen, sagte dem "Spiegel": "Die Kinder spiegeln das Infektionsgeschehen um sie herum wider." Die Ergebnisse seiner Untersuchung an mehr als 240 Bildungseinrichtungen zeigen: Jüngere Schülerinnen und Schüler hatten ähnlich viele Infektionen wie ältere und nicht wesentlich weniger als Lehrerinnen und Lehrer.

Fälle steigen auch bei Kindern

Dass das Infektionsgeschehen in jüngeren Altersgruppen dem der Gesamtbevölkerung folgt, belegen auch Daten des Robert Koch-Instituts: Mit steigenden Zahlen in der Gesamtbevölkerung steigt auch die Zahl der nachgewiesenen Fälle bei Kindern. Die Graphen verlaufen dabei weitgehend parallel. Gleichwohl: Die 7-Tage-Inzidenz auf 100.000 Einwohner ist bei den Jüngsten deutlich geringer als in der Gesamtbevölkerung. Während der Gesamtwert in Deutschland in den Wochen 41, 45 und 49 bei rund 31, 151 und 152 lag, wiesen Kinder im Alter von null bis vier Jahren im selben Zeitraum eine Inzidenz von 13, 61 und 58 auf und die Fünf- bis Neunjährigen einen Wert von 18, 90 und 96. In welchem Maße dies auf die selteneren Tests zurückführen lässt, ist allerdings unklar.

Eine im Oktober veröffentlichte Studie schaute im Blut von fast 12.000 Kindern und Jugendlichen aus Bayern, die ursprünglich auf Diabetes untersucht werden sollten, nach Antikörpern für Sars-CoV-2. Dabei zeigte sich: Die Infektionsrate in der Altersgruppe der Ein- bis 18-Jährigen könnte im April bis zu sechs Mal höher gewesen sein, als die offiziellen Zahlen auswiesen. Dabei hatte rund die Hälfte der Probanden mit Antikörpern keine Symptome.

Kinder können sich also anstecken - wenn vielleicht auch nicht so häufig wie Erwachsene. Die Infektionen verlaufen bei ihnen selten schwer und oft sogar asymptomatisch. Inwiefern sie in solchen Fällen andere infizieren können, wird weiter in zahlreichen Studien untersucht. Die Aussage von Hamburgs Erstem Bürgermeister Tschentscher, dass es keinen Streit über die Rolle jüngerer Kinder in der Pandemie gibt, bleibt allerdings irreführend.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 10. November 2020 um 14:45 Uhr.

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