Kinder in der Corona-Krise Den Ärmsten geht es am schlechtesten

Stand: 02.03.2021 17:58 Uhr

Wie es Kindern und Jugendlichen während der Pandemie geht, wird kontrovers diskutiert. Doch die Forschungsergebnisse sind eindeutig: Ihre Lebensqualität ist gemindert - vor allem ärmeren Kindern geht es immer schlechter.

Von Andrej Reisin, NDR

Kinder und Jugendliche brauchen zunehmend psychotherapeutische Hilfe: Das geht aus dem aktuellen Barmer Arztreport hervor, der am Dienstag vorgestellt wurde. Demnach hat sich zwischen 2009 und 2019 die Zahl der Patienten unter 24 Jahren mehr als verdoppelt - auf 823.000. Im zweiten Halbjahr 2020 waren die Zuwächse - mutmaßlich Corona-bedingt - zudem überdurchschnittlich hoch.

Durch die Pandemie und die damit verbundenen Lockdowns verschlechtere sich die Situation junger Menschen. Daher müsse mit einem weiteren Anstieg des Behandlungsbedarfes gerechnet werden, sagte Barmer-Chef Professor Christoph Straub. Auch, wenn er einen deutlich längeren Beobachtungszeitraum hat, reiht sich der Bericht der Krankenkasse damit in mehrere Studien ein, die untersucht haben, wie es Kindern und Jugendlichen während der Pandemie geht.

Lebensqualität verschlechtert sich immer weiter

Im Februar hatte das Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) den zweiten Teil seiner COPSY-Studie vorgestellt, an der mehr als 1000 Kinder und Jugendliche und mehr als 1600 Eltern teilgenommen hatten. Besonders aufschlussreich ist, dass mehr als 80 Prozent der Beteiligten bereits im Juni 2020 bei der ersten Umfrage mitgemacht hatten. Daher lassen sich Entwicklungen besonders gut nachvollziehen.

Das klare Ergebnis ist: Kinder und Jugendliche leiden stark unter der aktuellen Situation. So habe sich die Lebensqualität und die psychische Gesundheit im Verlauf der Corona-Pandemie immer weiter verschlechtert. Sorgen und Ängste hätten zugenommen, ebenso depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden. Fast jedes dritte Kind leide unter psychischen Auffälligkeiten - die allerdings nicht gleichbedeutend mit behandlungsbedürftigen Erkrankungen seien. 70 Prozent gaben in der zweiten Befragung eine geminderte Lebensqualität an, in der ersten waren es noch 60 Prozent - und vor Corona nur 30 Prozent, wie Daten anderer Untersuchungen belegen, an denen sich COPSY orientiert. Psychische Auffälligkeiten hatten demnach vor Corona 20 Prozent.

"Wer vor der Pandemie gut dastand und sich in seiner Familie wohl und gut aufgehoben fühlt, wird auch gut durch die Pandemie kommen", erklärte die Kinder- und Jugendpsychiaterin Ulrike Ravens-Sieberer. Anders sei es bei Kindern und Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen: Für Kinder aus Risikofamilien seien Schulen als sozialer Raum besonders wichtig. Diese dürften "nicht nur auf Lerninhalte achten", sondern müssten "regelmäßig Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern halten", so Ravens-Sieberer.

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Psychische Gesundheit von Kindern während der Corona-Krise

Grafik: UKE-Studie zum psychischen Wohlbefinden von Kindern während der Corona-Krise.

Hohe Belastung ärmerer Kinder

Die Studie "Kind sein in Zeiten von Corona" des Deutschen Jugendinstituts (DJI) in München, die auf einer Online-Umfrage von mehr als 12.000 Eltern beruht, kommt zu sehr ähnlichen Befunden. Vor allem in Familien mit schwieriger finanzieller Lage, wo die Eltern - häufig alleinerziehend - oft nicht von Zuhause arbeiten können, fühlten sich Kinder ohne Schule und Freizeitangebote mit Freunden einsam, und zwar mehr als doppelt so oft wie Kinder aus Familien, die mit ihrem Einkommen gut leben können. Auch mit emotionalen und psychischen Problemen hatten Kinder aus finanziell schlechter gestellten Familien mehr als doppelt so häufig zu kämpfen.

Diese Erkenntnis deckt sich mit weiteren großen Studien, den JuCo und KiCo-Befragungen, die die Universität Hildesheim federführend durchgeführt hat und an denen mehr als 7000 Jugendliche ab 15 Jahren und mehr als 25.000 Kinder und Eltern teilgenommen haben.

Auch hier zeigt sich, dass die Beeinträchtigungen maßgeblich vom sozioökonomischen Status abhängig sind. Jugendliche, die auf engem Raum mit vielen Geschwistern leben oder sich in Konfliktsituationen mit Eltern oder anderen Erwachsenen befinden, seien bislang von der Politik kaum gesehen worden. Die Kinder und Jugendlichen leiden laut den Studien vor allem unter der sozialen Distanzierung, dem Wegfall von Freizeit- und Sportmöglichkeiten.

Insgesamt zeichnen die Studien ein durchaus differenziertes Bild: Zum einen sind die Kinder und Jugendlichen demzufolge mit "hohen psychischen Belastung" durch die Pandemie konfrontiert. Diese seien aber nicht nur auf sich selbst bezogen, sondern es gehe vielfach auch um "Ängste und Sorgen um Gesundheit von Geschwistern, (Groß-)Eltern, aber auch ökonomische Sorgen".

Reden über Jugendliche - aber selten mit ihnen

Die Erziehungswissenschaftlerin Severine Thomas, eine der Autorinnen der JuCo/KiCo-Studien, sagte dem ARD-faktenfinder, der Diskurs um Kinder und Jugendliche schwanke zwischen Sorge um deren Bildung und negativer Überzeichnung: "Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Bild der partywütigen Jugendlichen, die sorglos Corona verbreiten, falsch ist. Die meisten sind sehr sensibel für die Situation und machen sich enorme Gedanken darüber, wie sie und ihre Familien die Pandemie überstehen werden. Sie beklagen vor allem, dass sie in der Diskussion kaum gehört werden."

Schulschließungen spielen dabei eine Rolle unter mehreren: Schule sei "eben nicht nur ein Lernort", so Thomas, "sondern auch der Ort sozialer Interaktion mit Gleichaltrigen auf sehr vielen verschiedenen Ebenen." Für einige sei sie unerlässlich, um Bildungschancen überhaupt wahrnehmen zu können. Wer hingegen Angst um Familienmitglieder habe, die Risikopatienten seien, fühle sich momentan in der Schule deutlich weniger gut aufgehoben. Auch sei zu beachten, dass es eine durchaus relevante Minderheit gäbe, die die aktuelle Situation als positiv erleben, weil sie weniger von sozialem Stress, Mobbing, Leistungsdruck und anderen Problemen betroffen seien, die Schule für diesen Teil der Schülerinnen und Schüler mit sich bringe.

Präsenzunterricht im Vollbetrieb könne daher nicht die Patentlösung für völlig unterschiedliche Lebens- und Problemlagen sein. Es müsse daher viel mehr "über neue Lernangebote und -orte nachgedacht werden, über das Öffnen von Museen mit viel größeren Räumen, über Lernen im Freien, über projektgebundene Arbeit statt nur dem Folgen von Lehrplänen. Insgesamt fehlt uns noch die Fantasie, Bildung im Angesicht der Pandemie neu zu denken und zu organisieren", bemängelt die Forscherin.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. März 2021 um 13:05 Uhr.

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