Menschen genießen den Sonnenschein an der Promenade in Malmö (26. Mai) | Bildquelle: via REUTERS

Corona in Schweden Weiterhin hohe Zahl an Neuinfektionen

Stand: 05.06.2020 12:21 Uhr

Die relativ lockeren Maßnahmen in Schweden gegen Corona sorgen seit Wochen für Diskussionen - auch im Land selbst. So geht zwar die Zahl der Todesopfer zurück, doch es gibt weiterhin viele Neuinfektionen, wie Statistiken zeigen.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Die Diskussion über den Kurs von Schweden in der Corona-Krise wird oft polarisiert geführt. Während einige behaupten, das Land "opfert" seine älteren Bürger, damit die jüngeren sich vergnügen könnten, sehen andere den Umgang als vorbildlich, da sich der Staat mit Verboten zurückhält.

Tatsächlich hat es auch in Schweden durchaus Einschränkungen gegeben - in Form von Empfehlungen, denen die Schweden folgen sollten. Dazu gehört, dass es keine Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen sowie keine Besuche in Pflegeheimen geben soll. Zudem sollten die Schweden jede nicht zwingend notwendige Reise vermeiden.

Restaurants und Cafés blieben allerdings geöffnet, genauso Geschäfte. Das öffentliche Leben wurde dadurch deutlich weniger eingeschränkt als in anderen Staaten - auch und gerade in Skandinavien. Dementsprechend lassen sich der schwedische Kurs und die Folgen mit den Nachbarstaaten im Norden vergleichen, da sich die Länder vom Lebensstandard und demografisch ähneln.

Deutlich mehr Todesopfer

Schweden - mit 10,2 Millionen Einwohnern - liegt bei den Statistiken weit vor den anderen nordischen Ländern - sowohl bei absoluten Zahlen als auch relativen Werten. In Schweden sind bislang fast 42.000 Corona-Infektionen erfasst worden. Mehr als 4500 Menschen sind verstorben. Am stärksten sind die Regionen Stockholm und Västra Götaland betroffen. Stockholm weist fast 600 Corona-Infektionen pro 100.000 Einwohnern auf.

In Dänemark, mit 5,8 Millionen Einwohnern, gibt es bislang 12.000 registrierte Infektionen, 582 Menschen sind verstorben. Norwegen (5,3 Millionen Einwohner) hat 8500 Infektionen und 238 Todesopfer erfasst. Finnland (5,5 Millionen Einwohner) liegt bei unter 7000 Infektionen und 322 Toten.

Corona in den nordischen Staaten
LandEinwohner in Mio.InfektionenTodesopfer
Dänemark5,812.000582
Finnland5,57000322
Island0,36180010
Norwegen5,38500238
Schweden10,242.0004500

Das heißt, Schweden hat deutlich mehr Infektionen als Norwegen, Finnland und Dänemark zusammen - und sogar fast vier mal so viele Todesopfer zu beklagen. Die meisten Verstorbenen waren über 80 Jahre alt. Bei der "Übersterblichkeit" weist Schweden dementsprechend hohe Werte insbesondere bei den älteren Menschen auf. Auch im internationalen Vergleich und auf die Einwohnerzahl bezogen liegt Schweden weit vorne.

Viele Neuinfektionen

Zudem sind die Zahlen der Neuinfektionen in den anderen nordischen Staaten deutlich gesunken, liegen seit Wochen kontinuierlich im zweistelligen Bereich. In Schweden hingegen variieren die Werte zwischen 200 an einzelnen Tagen sowie zumeist 500 bis 800 Fälle täglich. Am 3. Juni wurden offiziell sogar mehr als 1000 Neuinfektionen registriert, die Johns-Hopkins-Universität gibt den Wert für Schweden mit 2200 noch weit höher an. Auf Deutschland bezogen wären das 4000 bis 6400 Fälle täglich, am 3. Juni sogar 8000 - beziehungsweise, nimmt man den Wert der Johns-Hopkins-Universität - 16.000 Neuinfektionen. Insgesamt lässt sich bei den Neuinfektionen seit April kein Rückgang feststellen, im März lagen die Zahlen sogar noch deutlich unter den aktuellen.

Aber es gibt auch positive Tendenzen: So ist die Zahl der Todesfälle in Schweden zurückgegangen. Auch werden weniger neue Fälle auf den Intensivstationen erfasst.

Staatsepidemiologe: Ausland überkritisch

Nach Angaben von Schwedens Staatsepidemiologen Anders Tegnell wurden viele Neuinfektionen im Westen des Landes bei jungen Menschen registriert. Tegnell stellte klar, dass Schweden keineswegs seinen Kurs grundlegend ändere, sondern immer wieder anpasse. Zudem sagte er, im Ausland werde das schwedische Modell teilweise sehr kritisch bewertet, weil es möglicherweise die eigenen Maßnahmen in Zweifel ziehe und so als Bedrohung wahrgenommen werde.

Tatsächlich wird in den Nachbarstaaten über den Umgang mit Schweden diskutiert, vor allem, was Reisen betrifft. So infizierten sich jüngst dänische Schüler, die einen Ausflug nach Schweden gemacht hatten. Ein ganzer Jahrgang einer Schule in Roskilde musste in Quarantäne, meldete der Dänische Rundfunk. Norweger müssen ebenfalls in Quarantäne, wenn sie in Schweden übernachtet haben. Zwischen Norwegen und Dänemark gibt es diese Regelungen hingegen nicht.

Keine Reisewarnung mehr

Deutschland kündigte an, die Reisewarnungen für alle EU-Staaten aufheben und durch Hinweise zu den jeweiligen Ländern ersetzen zu wollen. Die Reisewarnung für die meisten Staaten außerhalb der EU bleibe aber bestehen.

Dies könnte dazu führen, dass Deutschland seine Bürger nicht mehr vor Reisen nach Schweden warnt, aber vor Besuchen von anderen Staaten, die eine weit geringere Zahl von Neuinfektionen aufweist. Über die genauen Regelungen soll voraussichtlich Mitte kommender Woche entschieden werden.

Autor

Patrick Gensing Logo tagesschau.de

Patrick Gensing, tagesschau.de

@PatrickGensing bei Twitter
Darstellung: