Ein Schild mit der Aufschrift Corona Testzentrum in Göttingen | Bildquelle: dpa

Corona-Pandemie Wellen, Glutnester oder Marathon?

Stand: 28.07.2020 14:32 Uhr

Wie verläuft die Corona-Pandemie? Zumeist ist von Wellen die Rede. Der Begriff sei zwar nicht falsch, aber unpräzise, meinen Experten. US-Präsident Trump spricht von "Glutnestern", die WHO von einem Marathon.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Der Verlauf der Pandemie lässt sich unter anderem an den Begriffen ablesen, die im Laufe der vergangenen Monate benutzt wurden, um die jeweilige Situation und Bedrohung zu beschreiben. Im März dominierten die Warnungen vor einem exponentiellen Wachstum. "Flatten the curve" - die Kurve abflachen - so lautete das Gebot der Stunde.

Durch rigide Maßnahmen und Einschränkungen konnte die Ausbreitung des Virus in vielen Staaten eingedämmt werden. Großbritanniens Premier Boris Johnson räumte mittlerweile indirekt ein, dass seine Regierung die Lage falsch eingeschätzt habe. US-Präsident Donald Trump redete die Gefahr noch klein, als in seinem Land bereits mehr als 130.000 Covid-19-Todesopfer zu beklagen waren.

Lage anders als im Frühjahr

In Deutschland wird nach dem Ende des Lockdowns immer wieder, teilweise in drastischen Szenarien, vor einer zweiten Welle gewarnt, sollten die Lockerungen zu weit gehen. Doch Expertinnen und Experten mahnen zu einer differenzierten Einschätzung, da die Situation eine andere sei als im Frühjahr, als das Virus auf eine vorgewarnte, aber nicht vorbereitete Gesellschaft traf.

Diffuse Lage

Doch nun sehen viele tatsächlich eine solche zweite Welle auf Deutschland zurollen. Die Entwicklung sei sehr beunruhigend, sagt RKI-Präsident Lothar Wieler. Es gelte zu verhindern, dass sich das Virus wieder rasant und unkontrolliert ausbreitet. Menschen seien nachlässig geworden. Zu Tausenden wilde Partys zu feiern, sei "rücksichtlos" und auch "fahrlässig", meint er. Und auch im Urlaub sei vernünftiges Verhalten gefragt.

RKI-Expertin Ute Rexroth sagt, im Unterschied zur letzten Zeit mit einzelnen großen Ausbrüchen sei die Lage nun diffus. Beobachtet würden Fallzahlenanstiege in unterschiedlichen Kommunen und Gemeinden - deutschlandweit steckten sich wieder mehr Menschen an. Es bestehe die Sorge, dass sich eine Trendumkehr andeuten könne. Wieler ergänzt: Ob es sich um den Beginn einer möglichen zweiten Welle handle, könne man nicht wissen - aber es könne sein.

Kritik am Begriff der Welle

Der Freiburger Medizinstatistiker Gerd Antes sagte der dpa hingegen, mit den Warnungen vor einer "zweiten Welle" werde ein falsches Bild vermittelt. Andere Forschende sprechen von einer bleibenden Welle, die an- und abschwillt.

Der Epidemiologie-Professor Rafael Mikolajczyk von der Uni Halle meint, der Begriff Welle sei sicherlich nicht präzise, sondern eher nur eine Beschreibung des visuellen Eindrucks von der Entwicklung der täglichen Fallzahlen: "In den USA gingen die Zahlen nicht ganz zurück, bevor ein neuer Anstieg begann; in den Ländern, wo die Zahlen stark zurückgingen, würde man von zweiter Welle sprechen."

Dies gilt beispielsweise für Israel. Auf dieses Beispiel verweist auch der Statistiker Thomas Hotz von der TU Ilmenau. Er betont: Die Epidemie verlaufe ohnehin "nicht in Wellen, sondern die Fallzahlen erhöhen sich, wenn wir die Dinge laufen lassen". Dann können wieder strengere Maßnahmen ergriffen werden. "Wir halten sozusagen den Deckel drauf; wenn wir diesen Deckel herunternehmen, steigt das Geschehen wieder.

WHO spricht vom Marathon, Trump von Glutnestern

Ein weiteres Sprachbild liefert die WHO; eine Sprecherin sagt, die Übertragungsraten hingen vom Verhalten der Menschen und den geltenden Schutzmaßnahmen ab. Das Risiko eines Wiederaufflammens der Krankheit bestehe in jedem Land. Mit der Pandemie umzugehen sei "ein Marathon, kein Sprint".

US-Präsident Donald Trump spricht mittlerweile von "Glutherden" oder "Glutnestern", die rasch gelöscht werden könnten. Diese Umschreibung klingt kontrollierbarer als die Warnung vor einer Welle, einer Naturgewalt also, die über ein Land hereinbricht.

Weltweiter Anstieg

Weltweit gesehen kann ohnehin keine Rede von einer zweiten Welle sein: Die Zahl der Neuinfektionen steigt insgesamt immer weiter an, mittlerweile auf fast 300.000 Fälle pro Tag. Die Johns-Hopkins-Universität führt derzeit rund 16,5 Millionen bestätigte Infektionen und mehr als 650.000 Todesopfer auf. Die Pandemie ist eine globale Katastrophe, deren Verlauf mit einzelnen Begriffen kaum zu fassen sein dürfte.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 28. Juli 2020 um 20:30 Uhr.

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