Kundgebung in Berlin gegen die Corona-Beschränkungen | Bildquelle: REUTERS

Corona-Proteste Esoterik, Gandhi und Reichsflaggen

Stand: 03.08.2020 15:55 Uhr

Bei den Corona-Protesten in Berlin sind verschiedene Milieus zusammengekommen, die den Glauben an Verschwörungsmythen teilen. Experten sehen insbesondere in der Esoterik einen Einstieg in eine gefährliche Gedankenwelt.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Regenbogenfahnen und Reichsflaggen, Plakate von Gandhi, gegen Impfungen und für Putin sowie Trump. Dazu Menschen mit Dreadlocks, Trommelgruppen und gescheitelte Rechtsextreme: Das Szenario bei den Kundgebungen gegen die Corona-Pandemie am Wochenende in Berlin hat für viel Erstaunen gesorgt.

Experten sind allerdings weniger überrascht über die sehr verschiedenen Milieus, die sich hier zusammengefunden haben. Jan Rathje von der Amadeu-Antonio-Stiftung sagt, diese Milieus werden zusammengehalten durch Verschwörungsideologien und gemeinsame Feindbilder. Der Politikwissenschaftler verweist auf die sogenannten Mahnwachen im Jahr 2014, die ähnlich funktioniert hätten.

Solche Demonstrationen sind seiner Meinung nach wichtig für solche Bewegungen: Sie schafften ein Gemeinschaftsgefühl, das über die sozialen Netzwerke hinausgehe: "Sie vermitteln den Menschen das Gefühl der Macht. Dies konnte man am Wochenende sehen, als sie kollektive Ordnungswidrigkeiten bewusst begingen", sagt Rathje.

Teilnehmer der Corona-Demonstration in Berlin stehen in der Kritik
tagesthemen 23:15 Uhr, 02.08.2020, Volker Schwenk, ARD Berlin

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"Kultische Milieus"

Rathje sieht große Überschneidungen insbesondere zwischen Esoterik und Verschwörungsideologien, wie beispielsweise die Angebote von bestimmten Buchverlagen zeigen. Die Überschneidungen seien auch nicht neu, erklärt er: "Letztlich geht es darum, dass beide Modelle eine widerspruchsfreie Gesellschaft erzeugen wollen. Man behauptet, man sei nicht rechts, ignoriert aber Rechtsextreme auf den Demos. Das ist die Widerspruchsfreiheit nach innen. Aber man will auch eine Gemeinschaft ohne Widersprüche: keine störenden Parteien oder keine individuellen Interessen."

Rathje verweist auf den US-Politikwissenschaftler Michael Barkun, der Ähnlichkeiten zwischen "kultischen" und verschwörungsideologischen Milieus herausgearbeitet hat. Beide richten sich demnach erst einmal generell gegen die "offizielle" Darstellung. Außerdem zielen Esoterik und Verschwörungsideologien auf ein "Weltsystem" ab - das heißt, sie wollen alles widerspruchsfrei erklären und integrieren.

Überschneidungen zu Islamismus und Rechtsextremismus

Es gebe dabei auch Überschneidungen zu reaktionären, antimodernen Ideologien wie dem Rechtsextremismus oder dem Islamismus, meint der Experte: "Die Moderne werde "als etwas Unnatürliches definiert. Man bezieht sich positiv auf eine 'natürliche' Ordnung und leitet daraus ab, wie der Mensch zu sein habe. Oder wie Sexualität 'natürlich' zu vollziehen sei. Diese Ordnung wird glorifiziert und als unverrückbar dargestellt.

In diesem Kontext ist auch ein Aufruf zu sehen, in dem katholische Bischöfe und Kardinäle eine mit Verschwörungsmythen gespickte Kritik an den Corona-Maßnahmen vorgetragen hatten. Einige Geistliche deuten die Pandemie als göttlichen Fingerzeig auf eine allzu weltliche Kirche: "Es ist eine göttliche Mahnung an die Priester, die Bischöfe und den Papst, um Buße zu tun und um Vergebung zu bitten für all die Sünden, die in den letzten Jahrzehnten in der Kirche begangen wurden." Auch islamische Fanatiker hatten Corona zunächst als Strafe Gottes bezeichnet.

Rathje warnt, Esoterik stelle "einen Zugang zu Verschwörungsideologien und einer weiteren Radikalisierung dar". Sowohl Verschwörungsideologien, Antisemitismus als auch Esoterik gingen davon aus, dass "die Welt aufgeteilt ist in Gut und Böse - und dass ein Entscheidungskampf stattfinde. "Esoterische und verschwörungsideologische Inhalte treten sehr häufig gemeinsam auf", so der Wissenschaftler.

Matthias Pöhlmann beschäftigt sich ebenfalls seit Jahren als Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern mit dem Zusammenhang zwischen rechter Szene und Esoterik. Er warnte in Interviews immer wieder, dass dieses Milieu unterschätzt werde. Im Deutschlandfunk betonte auch Pöhlmann die fließenden Übergänge zwischen Verschwörungstheorien und antisemitischen Überzeugungen. Die Esoterik diene oft als trojanisches Pferd für rechtsextremes Denken, warnt er.

Koordiniertes Vorgehen

Wie Rechtsradikale, Verschwörungsideologen und esoterische Impfgegner im Netz gemeinsame Sache machen, hat der Analyse Philip Kreißel dokumentiert. So riefen Gruppen wie die "Corona-Rebellen" oder Aktivisten aus dem "QAnon"-Netzwerk unter anderem über Telegram dazu auf, sich massenhaft an Online-Umfragen bei WDR und HR zur Maskenpflicht oder zum Thema Impfungen zu beteiligen - und diese im eigenen Sinne zu manipulieren. Über Facebook-Gruppen teilen sie außerdem beispielsweise Inhalte der "Heute Show" im ZDF oder Postings von Markus Söder zum Thema Corona, unter denen man "fleißig" kommentieren solle.

Es handelt sich um ein gut organisiertes Netzwerk, die Aktivisten fallen durch besonders hohe Aktivität im Netz auf. Schon mehrfach hatten Datenanalysen gezeigt, dass Diskussionen im Netz oft von kleinen, besonders engagierten Gruppen dominiert werden.

Auch auf der Chat-Plattform Discord organisieren sich esoterische Impfgegner und Verschörungsanhänger, sie tauschen dort Memes, Videos und Informationen aus. Außerdem werden Links zu Meldungen von großen Medien gepostet, um dann dort koordiniert zu kommentieren.

Massenhaft Fake News verbreitet

Nach den Corona-Protesten in Berlin hatten Unterstützer der Demo die sozialen Medien mit falschen Angaben zur Teilnehmerzahl regelrecht geflutet. Datenanalyst Kreißel dokumentierte weit mehr als 120 Gruppen und Seiten aus diesen Milieus, die auf Facebook behaupteten, es seien Hunderttausende oder sogar 1,3 Millionen Menschen bei den Kundgebungen gewesen.

Diese Postings wurden wiederum zehntausendfach von den äußerst aktiven Anhängern geteilt; auch in den Kommentarspalten großer Medien tauchten die unbelegten Zahlen immer wieder auf, kombiniert mit Vorwürfen, die Medien würden die tatsächliche Teilnehmerzahl unterdrücken, um die Regierung zu schützen.

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Corona-Proteste in Berlin

Kundgebung in Berlin gegen die Corona-Beschränkungen (Archivbild vom 1.8.2020)

Eine Gruppe mit Reichsfahnen, wie sie im rechtsextremen Milieu verbreitet sind. Weiter vorne ist eine Regenbogenfahne zu sehen, wie sie eher von linken Demonstrationen bekannt ist. | Bildquelle: imago images/Future Image

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 02. August 2020 um 23:15 Uhr.

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Patrick Gensing, tagesschau.de

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