Ein Passagier der U-Bahn in Hongkong liest  in Einweghandschuhen auf seinem Smartphone | Bildquelle: AFP

Gerüchte und Fakes Coronavirus als angebliche Verschwörung

Stand: 28.01.2020 10:44 Uhr

Die vielen Unbekannten im Fall des neuartigen Coronavirus sind der perfekte Nährboden für Verschwörungstheorien und unseriöse Aussagen. Viele sind unbelegt oder nachweislich falsch.

Von Natalia Frumkina, tagesschau.de

Während sich das neuartige Coronavirus in China und darüber hinaus rasch ausbreitet und Menschen in Alarmstimmung versetzt, kommen im Internet immer mehr Behauptungen und Theorien über das Virus in Umlauf, die die Verunsicherung noch weiter befeuern. Sie werden zigfach über die sozialen Netzwerke sowie einschlägige Internetseiten verbreitet und sind zum Großteil unbelegt oder schlicht falsch. Die meisten von ihnen beschäftigen sich mit der Herkunft des Erregers.

Verdächtige Patente?

So veranlassen im Internet auffindbare Patente auf Coronaviren Autoren diverser Posts und Artikel zu der Mutmaßung, das nun ausgebrochene Virus sei in Laboren entwickelt und ausgesetzt worden, um Impfungen zu vermarkten. Tatsächlich existieren Patente auf bestimmte Gensequenzen der Coronaviren. Allerdings sind die Corona eine große Familie von Viren - keines der Patente bezieht sich auf die neue in China aufgetretene Variante 2019-nCoV.

Virologe Matthew Frieman von der Universität Maryland sagte der Seite factcheck.org, dass eine der Gensequenzen während des SARS-Ausbruchs 2003 isoliert und patentiert worden sei. Ein anderes Patent beschreibe dagegen eine mutierte Form des Virus, das Geflügel befällt. Die Mutationen - die zu einer Schwächung des Virus führten - würden in der Tat vorgenommen, um an Impfstoffen gegen die Erreger zu forschen. Gegen das neuartige Coronavirus existiert jedoch bislang kein Impfstoff. "Keines dieser Patente hat irgendetwas mit der neuen Form 2019-nCoV zu tun", bekräftigt der Virologe.

Die Gates-Verschwörung?

Andere dubiose Theorien rücken den Unternehmer und Milliardär Bill Gates sowie seine Stiftung in ihren Mittelpunkt. So wird die Tatsache, dass eines der Coronavirus-Patente vom englischen Pirbright-Institut gehalten und dieses von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung unterstützt wird, als Verschwörung der Impfindustrie dargestellt. Gates würde von dem Coronavirus-Ausbruch profitieren, wird da behauptet. "Impfungen sind einer der Hauptgründe für Zufälle", schrieb etwa ein YouTuber und Anhänger der verschwörungstheoretischen QAnon-Bewegung auf Twitter.

Bill Gates | Bildquelle: AFP
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Bill Gates steht im Mittelpunkt einer Verschwörungstheorie zum Coronavirus.

Wie die Factchecking-Seite Politifact schreibt, werden dabei Zusammenhänge aus dem Kontext gerissen. Zwar stimme es, dass das Institut ein Coronavirus-Patent besitzt und die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung in der Vergangenheit das Institut finanziell unterstützte. Doch würden diese Tatsachen alleine noch nicht beweisen, dass Gates und seine Stiftung von dem Virusausbruch profitieren. "Wenn überhaupt, zeigen sie, dass die Stiftung Einrichtungen unterstützte, die daran arbeiten, Epidemien zu verhindern." Facebook arbeitet mit Politifact zusammen und versieht mittlerweile die entsprechenden Posts mit einer Fakenews-Warnung.

Das Hochsicherheitslabor?

Einen weiteren Hinweis auf eine mögliche Labor-Herkunft des Virus sehen andere in der Tatsache, dass in Wuhan das Nationale chinesische Labor für Biosicherheit angesiedelt ist. So zitiert die amerikanische Seite "Washington Times" einen ehemaligen israelischen Geheimdienstler, der vermutet, dass das Virus dieser Einrichtung entkommen sein könnte. In Deutschland griff etwa das Online-Portal "Epoch Times" den Bericht auf.

Richtig ist, dass in der Stadt Anfang 2015 tatsächlich das Wuhan Virologie-Institut eingeweiht wurde - das bislang einzige offizielle chinesische Labor der biologischen Schutzstufe 4. Nur diese Hochsicherheitseinrichtungen dürfen mit Biostoffen der höchsten Risikogruppe arbeiten, die laut der Biostoffverordnung "eine schwere Krankheit beim Menschen hervorrufen und eine ernste Gefahr für Beschäftigte darstellen". Hierzu zählen beispielsweise Erreger von Ebola, Pocken oder SARS. Im Wissenschaftsmagazin "Nature" äußerten bereits 2017 Experten Bedenken über mögliche Sicherheitslücken des Instituts.

Bislang wird davon ausgegangen, dass das neuartige Coronavirus seinen Ursprung auf dem Wildtiermarkt in Wuhan hatte, der Anfang des Jahres geschlossen wurde. Einen Nachweis dafür gibt es allerdings noch nicht.

Panikvideo zu 2019-nCoV

Neben den Mutmaßungen über die Herkunft des Virus sind auch diverse dubiose Aussagen über seine Eigenschaften in Umlauf. So wird in einem hunderttausendfach aufgerufenen und zahlreich verbreiteten Youtube-Video behauptet, der Coronavirusausbruch sei "weitaus schlimmer, als man euch glauben machen möchte". Belegt wird dies mit einer Reihe von Aussagen - etwa, dass Flüssigkeiten "die Lebenskraft" des Virus verlängern und verstärken würden.

Die Coronaviren werden in der Regel tatsächlich durch Tröpfcheninfektion übertragen, erklärt Hartmut Hengel, Virologie-Professor am Universitätsklinikum Freiburg und Präsident der Gesellschaft für Virologie. Doch abgesehen davon, dass unklar bleibt, von welchen Flüssigkeiten die Rede ist, sei die Aussage sonst falsch. "Flüssigkeiten können die Infektiosität eines Virus nicht steigern. Es kann sich außerhalb eines Wirts überhaupt nicht vermehren", sagt Hengel im Gespräch mit dem ARD-Faktenfinder.

Screenshot | Bildquelle: Screenshot Youtube
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Ein massenhaft verbreitetes Video hantiert laut dem Virologen Hartmut Hengel mit Halbwahrheiten und Falschaussagen.

Falsch ist laut Hengel etwa auch die Aussage, dass 2019-nCoV einen spezifischen Hautausschlag hervorruft - "rote Punkte mit schwarzem Punkt in der Mitte, verhärtet und stark juckend". "Meiner Kenntnis hatten Patienten weder bei SARS noch beim neuartigen Coronavirus einen Hautauschlag, geschweige denn so einen spezifischen", sagt der Virologe. "Insgesamt enthält das Video eine ganze Reihe von Halbwahrheiten", stellt er fest. Einige Aussagen seien schlicht falsch.

Auch wenn der Autor des Videos behauptet, keine Panik verbreiten, sondern lediglich warnen zu wollen, passiert mit der massenhaften Ausbreitung des Videos wohl genau das Gegenteil.

Zur Verunsicherung tragen auch Falschmeldungen staatlicher chinesischer Medien bei. So veröffentlichte eine Zeitung online ein Foto, das angeblich ein neu gebautes Spezialkrankenhaus in Wuhan zeigen soll. Sehr schnell wurde aber klar: Das Foto ist eine Fälschung, es wurde aus einem Katalog kopiert.

Vieles noch unbekannt

Die Neuartigkeit des Coronavirus hat zur Folge, dass vieles darüber noch unbekannt ist und erst erforscht werden muss. Bis diese Wissenslücken geschlossen sind, bieten sie aber wohl auch weiter einen Nährboden für Gerüchte und Verschwörungstheorien.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 28. Januar 2020 um 11:00 Uhr.

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