Juden werden in einem Zug nach Auschwitz deportiert. (Archivbild, 1944 in Warschau aufgenommen) | Bildquelle: akg-images / Imagno

Holocaust-Leugnung Fakes, falsche Gutachten und Lügen

Stand: 27.01.2020 08:59 Uhr

Rechtsextremisten leugnen den Holocaust noch immer. Ihre Argumente sind vielfach widerlegt. Einer massenhaften Verbreitung ihrer Behauptungen steht das jedoch nicht im Weg.

Von Konstantin Kumpfmüller, tagesschau.de

Im Februar vergangenen Jahres drehte ein rechtsextremer YouTuber ein Video auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte in Dachau - gegen einen vermeintlichen deutschen "Schuldkult". Einer ebenfalls anwesenden Schülergruppe sagte er, sie sollen nicht alles glauben, was man ihnen an der Gedenkstätte erzähle.

Vorfälle wie dieser scheinen sich zu häufen: Der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, Volkhard Knigge, beobachtet ein immer offeneres Auftreten Rechtsextremer im ehemaligen Konzentrationslager. Für ihn ein Indiz, dass etwas an Geschichtsbewusstsein wegbreche, wie er der "Neuen Westfälischen" sagt.

In zahlreichen sozialen Netzwerken ist das Abstreiten des Holocausts ein Massenphänomen. Auf Twitter gibt es seit Jahren den Hashtag "Holohoax" - ein Kurzwort aus Holocaust und dem englischen Wort für Fälschung, hoax. Regelmäßig häufen sich zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust Tweets mit Verschwörungstheorien.

Auch in Imageboards wie 4chan, die mit dem antisemitischen Attentat von Halle in die öffentliche Aufmerksamkeit gerieten, finden sich Tausende Beiträge dazu. Nutzer tauschen Bilder und Links zu Videos oder Artikeln, in denen die vermeintliche Wahrheit über den Holocaust erzählt wird. Die Theorien, die dort verbreitet werden, ähneln sich. Sie stützen sich auf die Argumente einer Reihe rechtsextremistischer Autoren.

Augenzeugen, die vorgeben, nichts gesehen zu haben

Einer der wichtigsten ist der ehemalige SS-Sonderführer Thies Christophersen. Eigenen Angaben nach war er von Januar bis Dezember 1944 in der Nähe des Konzentrationslagers Auschwitz eingesetzt. 1973 veröffentlichte er eine Broschüre mit dem Titel "Die Auschwitz-Lüge" - bis heute ein Synonym für Holocaustleugnung.

Christophersen behauptet darin, "die Verluste des jüdischen Volkes während des Zweiten Weltkrieges" könnten "höchstens 200.000 betragen". Dabei beruft er sich unter anderem auf vermeintliche Angaben des Internationalen Roten Kreuz (IRK), das die Gesamtzahl der "rassisch und politisch" Verfolgten angeblich mit 300.000 angebe. Das IRK stellte seit den 1950er-Jahren mehrmals klar, dass es sich bei diesen Angaben um eine Fälschung handelt. "Wir möchten eindeutig klarstellen, dass das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Genf überhaupt nichts mit diesen Behauptungen zu tun hat", heißt es 1965 in einem Brief des IRK an das Institut für Zeitgeschichte in München.

Christophersen will außerdem gesehen haben, dass die Häftlinge des Konzentrationslager sich frei bewegen konnten und ihrer Arbeit mit "Freude" nachgingen. Von massenhaften Vernichtungen habe er hingegen nichts mitbekommen. Seine Broschüre wurde fünf Jahre nach Veröffentlichung wegen Volksverhetzung eingezogen. Verbreitet wird sie bis heute - per Download oder Versand über rechtsradikale Onlineportale.

Holocaust-Leugnung im Strafgesetzbuch

Die Verbrechen der Nationalsozialisten zu leugnen, erfüllt in Deutschland den Tatbestand der Volksverhetzung. In Paragraf 130 Absatz 3 des Strafgesetzbuches heißt es:
Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangene Handlung der in § 6 Abs. 1 des Völkerstrafgesetzbuches bezeichneten Art in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, öffentlich oder in einer Versammlung billigt, leugnet oder verharmlost.

Vermeintliche Untersuchungen

Viele Holocaust-Leugner stützen ihre Behauptungen auch auf vermeintliche Gutachten. Eines davon beauftrage der Rechtsextremist Ernst Zündel. Zündel, der mit 19 nach Kanada emigriert war, gründete in Toronto einen Verlag und verbreitete auf unterschiedlichen Wegen antisemitische Propaganda - unter anderem übersetzte er "Die Auschwitz-Lüge" ins Englische. Als 1988 gegen ihn mehrere Prozesse angestrengt wurden, beauftrage er den US-Amerikaner Fred Leuchter als Gutachter.

Leuchter entnahm unerlaubt Proben von Wänden der Gaskammern der Lager Auschwitz-Birkenau und Majdanek und kam zu dem Ergebnis, dass keine nennenswerten Rückstände von Zyklon B nachweisbar wären. Schnell stellte sich aber heraus, dass seine Methodik völlig ungeeignet war, einen mittlerweile mehr als 40 Jahre zurückliegenden Einsatz von Gas zu untersuchen. Außerdem musste er zugeben, sich zu Unrecht "Ingenieur" zu nennen und keinerlei Fachkenntnisse in Physik, Chemie oder Toxikologie zu besitzen.

Leuchters Gutachten retten wollte schließlich der deutsche Chemiker Germar Rudolf. Auch er entnahm eigenen Aussagen nach Proben in Auschwitz, anhand derer er 1991 ein weiteres Gutachten verfasste. Auch er bestritt darin, dass es Gaskammern in Auschwitz gegeben habe. Sein Gutachten wurde unter anderem durch den US-amerikanischen Chemiker und Gerichtsgutachter Richard Green widerlegt, der Rudolf zahlreiche methodische und logische Fehler nachwies.

Der international bekannte gewordene Holocaustleugner David Irving berief sich auf das Gutachten, ebenso wie die mehrmals wegen Volksverhetzung verurteilte Ursula Haverbeck, die er 2015 vor Gericht als Zeugen anführen wollte.

Für Rechtsextremisten "geschichtspolitisch zentral"

Der Mythos, dass Auschwitz eine Lüge sei, hält sich in rechtsextremistischen Kreisen trotz der widerlegten Behauptungen hartnäckig. Das führt zu einer zunächst widersprüchlich erscheinenden Situation, meint der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn von der Universität Gießen. Einerseits wird der Mord an Jüdinnen und Juden geleugnet, andererseits wird er von Neonazis befürwortet.

"Das scheint widersprüchlich", sagt Salzborn. Das sei "es aber nur, wenn man nicht berücksichtigt, dass rechtsextremes Denken auf Irrationalismus und der Ablehnung von Vernunft basiert, also logische Widersprüche in einem hermetischen Weltbild, das auf antisemitischem Verschwörungsdenken basiert, in der rechtsextremen Eigenwahrnehmung nicht so erscheinen."

Die Leugnung des Holocaust sei für die extreme Rechte "geschichtspolitisch zentral", erklärt Salzborn im Gespräch tagesschau.de. Weil das Weltbild des Rechtsextremismus in vielen Punkten an den Nationalsozialismus anschließe, solle dieser beschönigt werden. Der Zivilisationsbruch von Auschwitz müsse dafür aber geleugnet werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 in der Kultur am 27. Januar 2020 um 09:00 Uhr.

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Konstantin Kumpfmüller, tagesschau.de

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