Eine Arzthelferin hält fertig präparierte Spritzen für die Impfungen gegen das Coronavirus in ihren Händen. | Bildquelle: dpa

Norwegen untersucht Todesfälle Gezielte Panikmache mit "Impfmassaker"

Stand: 20.01.2021 13:02 Uhr

Die Meldung, dass Norwegen den Tod von geimpften Personen untersucht, hat für viel Aufsehen gesorgt. Viele Menschen fühlen sich offenbar verunsichert, Scharfmacher instrumentalisieren den Fall für Propaganda. Ein Ex-DDR-Spion schreibt im russischen Staatsfunk von einem "Impfmassaker".

Von Patrick Gensing und Dominik Lauck, Redaktion ARD-faktenfinder

Norwegen untersucht den Tod von mehreren Menschen, die kurz nach einer Impfung gegen Covid-19 verstorben sind. Damit soll herausgefunden werden, ob es einen Zusammenhang zwischen der Impfung und den Todesfällen gibt. Dies ist allerdings bislang nicht bestätigt, wie norwegische Behörden betonen. Das norwegische Portal Faktisk veröffentlichte dazu einen Faktencheck, sowohl auf norwegisch als auch englisch, da der Fall international für viel Aufsehen gesorgt hat. Derzeit würden 13 Todesfälle überprüft, heißt es aus Norwegen, laut Faktisk.no sterben durchschnittlich pro Woche etwa 300 bis 400 Personen in norwegischen Pflegeheimen.

Bislang wurden mehr als 50.000 der rund 4,5 Millionen Einwohner Norwegens geimpft. Ähnlich wie in Deutschland werden zuerst die ältesten Menschen mit dem Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung versorgt. Das führt allerdings dazu, dass Nebenwirkungen stärkere Folgen haben können als bei jungen Personen.

Bei schwerstkranken Personen abwägen

Das norwegische Institut für Gesundheit (Folkehelseinstituttet) hat daher seine Impfempfehlungen für medizinisches Personal am 18. Januar ergänzt und darauf hingewiesen, dass für extrem gebrechliche Menschen und Schwerstkranke schon kleine Nebenwirkungen wie eine allergische Reaktion ernsthafte Konsequenzen haben könnten. Für diejenigen, die nur noch eine Aussicht auf eine kurze Lebenszeit haben, könne der positive Effekt der Impfung damit marginal oder sogar irrelevant sein.

Dies gelte beispielsweise für Patienten ab der Kategorie "Clinical Frailty Scale 8". Diese Skala wird benutzt, um die Gebrechlichkeit von Patienten auf Intensivstationen zu klassifizieren, auch in Deutschland. Die Skala reicht von 1 (sehr fit) über 5 (gebrechlich) bis 9 (terminal erkrankt, Lebenserwartung von weniger als sechs Monaten). Die Empfehlung des norwegischen Instituts beschränkt sich auf die höchsten Klassen acht und neun, mit denen Personen erfasst werden, die bereits schwerstkrank sind. Bei diesen sei eine Abwägung angebracht, heißt es. Von einer generellen Aussetzung der Impfungen ist nicht die Rede.

Staatssender macht Stimmung

Ein Zusammenhang zwischen den Impfungen und den Todesursachen wird derzeit noch untersucht. Norwegischen Experten halten dies in einigen Fällen für möglich, da es sich um schwerstkranke und sehr alte Menschen handelte. Trotz der noch unsicheren Informationslage wird in sozialen Medien und im Milieu von Impfgegnern bereits massiv Stimmung gemacht und es werden Ängste geschürt. Die Todesfälle werden pauschal als unmittelbare Folge der Impfungen dargestellt.

Der russische Staatssender RT DE behauptet zudem, "Impfungen für die Alten wurden ausgesetzt" und veröffentlichte dazu einen Beitrag des ehemaligen DDR-Spions Rainer Rupp, in dem der Autor von einem "Impfmassaker" schreibt. Der Beitrag wird in sozialen Medien von Konten der "Querdenken"-Bewegung und rechtsextremen Organisationen wie beispielsweise einem NPD-Kreisverband geteilt.

Auch Todesfälle in Deutschland

Unbestätigte Meldungen aus Israel, wonach Menschen durch Impfungen gestorben seien, hatten bereits für Aufsehen gesorgt. In Israel wurden bislang mehr als 27 Prozent der Bevölkerung geimpft, darunter die ältesten Menschen.

Auch in Deutschland starben bereits Personen nach einer Covid-19-Impfung. In den ersten 18 Tagen nach Impfstart wurden zehn Todesfälle gemeldet. Die Personen waren zwischen 79 und 93 Jahren alt und starben innerhalb von vier Tagen nach der Impfung. Experten des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) halten einen Zusammenhang mit der Immunisierung für eher unwahrscheinlich.

Denn in allen Fällen seien "sehr schwer kranke Patienten mit vielen Grunderkrankungen" betroffen gewesen. "Aufgrund der Daten, die wir haben, gehen wir davon aus, dass die Patienten an ihrer Grunderkrankung gestorben sind - in zeitlich zufälligem Zusammenhang mit der Impfung", sagte Brigitte Keller-Stanislawski, die zuständige Abteilungsleiterin für die Sicherheit von Arzneimitteln und Medizinprodukten beim PEI.

Häufigste Nebenwirkungen: Kopfschmerzen

Wissenschaftlich ausgewertet wurden in Deutschland bislang die ersten 613.000 Impfungen. Dabei wurden 325 Verdachtsfälle mit 913 Nebenwirkungen gemeldet, darunter 51 Verdachtsfälle mit schwerwiegende Nebenwirkungen. Das entspricht 0,53 Verdachtsfällen pro 1000 Impfdosen beziehungsweise 0,08 Verdachtsfällen für schwerwiegende Nebenwirkungen pro 1000 Impfdosen. Neue Daten will das PEI an diesem Donnerstag veröffentlichen.

Die bei weitem häufigsten Nebenwirkungen, über die berichtet wurde, waren Kopfschmerzen, Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit und Gliederschmerzen. Solche vorübergehenden Nebenwirkungen seien etwas stärker als die einer Grippe-Impfung, sagte PEI-Präsident Klaus Cichutek.

Ähnliche Zahlen aus den USA

Ähnliche Zahlen wurden aus den USA gemeldet. Während der ersten 1,9 Millionen Impfungen wurden 21 schwerwiegende allergische Reaktionen festgestellt (zwischen dem 14. und 23. Dezember 2020). Das entspricht 11,1 Fällen pro einer Million Impfdosen. 71 Prozent der Reaktionen traten innerhalb der ersten 15 Minuten nach der Impfung auf. In Deutschland wurden sechs solcher Fälle festgestellt - das entspricht 9,8 Fälle pro einer Million Impfdosen.

Das PEI teilte mit, auch für Allergiker gebe es keine Kontra-Indikation, sie sollten aber nach der Impfung sicherheitshalber 15 Minuten zur Beobachtung im Impfzentrum bleiben.

Nebenwirkungen können per App gemeldet werden

In Deutschland können Geimpfte mögliche Nebenwirkungen per App oder auch in Apotheken melden. Das PEI hat dazu die App Safevac 2.0 entwickelt. "Wer kein Smartphone hat oder lieber mit einer Arzneimittel-Expertin oder einem -Experten sprechen möchte, kann in die Apotheke kommen", sagte die Präsidentin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Gabriele Regina Overwiening. Apotheker sind zur Meldung von Nebenwirkungen an die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker verpflichtet.

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