Fragwürdige Aussagen Zahlen-Kosmetik in der Impfkampagne

Stand: 23.04.2021 06:00 Uhr

Ein exponentielles Impf-Wachstum, bis zu zehn Millionen Dosen pro Woche und vereinbarte Termine als Erfolgsmeldung: Bei der Impfkampagne sind manche Aussagen zumindest ungenau, manche geschönt.

Von Patrick Gensing und Andrej Reisin, Redaktion ARD-faktenfinder

Die Impfungen gegen Covid-19 gelten als Schlüssel, um die Pandemie unter Kontrolle zu bringen und die Einschränkungen in Deutschland wieder aufheben zu können. Doch dabei werden offenkundig immer wieder übertriebene Erwartungen und Hoffnungen geweckt und die bisherigen Erfolge übertrieben.

So behauptete CDU-Chef Armin Laschet am 20. April in der ARD, es gebe in Deutschland mittlerweile ein "exponentielles Impf-Wachstum". Innerhalb weniger Tage würden Millionen Impfungen durchgeführt.

Der von Laschet benutzte Begriff des exponentiellen Wachstum steht für ein mathematisches Modell, das im Kontext der Infektionszahlen viel diskutiert wird. Bei diesem Wachstumsprozess vervielfacht sich eine Bestandsgröße in jeweils gleichen Zeitschritten immer um denselben Faktor.

Tatsächlich ist die Zahl der Impfungen zuletzt sehr deutlich gewachsen - doch ein exponentielles Wachstum suggeriert, die Zahlen würden kontinuierlich einfach immer weiter steigen. Derzeit stagnieren die täglichen Werte aber eher. Auch die Aussage, innerhalb weniger Tage würden "Millionen" von Dosen verimpft, ist zumindest ungenau. In der vergangenen Woche wurden beispielsweise von Montag bis Mittwoch rund 1,6 Millionen Dosen verimpft, inklusive dem Donnerstag gut 2,1 Millionen. In der aktuellen Woche liegen die Werte bislang auf einem ähnlichen Niveau.

"Bis zu zehn Millionen Impfungen"

Vize-Kanzler Olaf Scholz hatte Anfang März im ZDF sogar "bis zu zehn Millionen" Impfungen wöchentlich versprochen: "Wir müssen jede Woche Millionen impfen, im März schon am Ende des Monats, im April, im Mai, im Juni." Es werde "bis zu zehn Millionen Impfungen pro Woche geben", so Scholz: "Und das das jetzt gut vorbereitet wird, dafür habe ich gesorgt." Von dieser Marke sind die Zahlen aber noch weit entfernt.

Das Bundesfinanzministerium verwies auf Anfrage des ARD-faktenfinder, wann mit den "bis zu zehn Millionen" Impfungen zu rechnen sei, auf ein Interview, das Scholz Anfang April der Zeitung "Die Welt" gegeben hatte. Dort differenzierte er die Aussage:

Wenn Sie das Zitat richtig lesen, merken Sie selbst, auf welche Zeit sich die zehn Millionen Impfungen bezogen haben: Ende Juni. Die aktuellen Planungen sehen vor, dass wir Ende April vier bis fünf Millionen Bürgerinnen und Bürger pro Woche impfen werden. Das steigt dann kontinuierlich an, bald werden wir auch die Betriebsärzte in die Kampagne einbeziehen können; Ende Juni können wir die Zehn-Millionen-Marke erreichen.

Insgesamt wurden in der Woche vom 11. bis 18. April etwa 3,6 Millionen Impfungen verabreicht, die Zahlen in der laufenden Woche liegen auf einem ähnlichen Niveau, ob es wirklich "vier bis fünf Millionen" werden, ist unklar. Doch tatsächlich haben sich die Zahlen zumindest ansatzweise in Richtung der Größenordnung entwickelt, die Scholz auf Nachfrage nannte.

Prognose: Maximal 30 Millionen Dosen im Juni

Im Mai sollen den Prognosen des Bundesgesundheitsministeriums zufolge insgesamt gut sechs Millionen Impfdosen an Haus- und Betriebsärzte sowie knapp zehn Millionen Dosen an Impfzentren geliefert werden.

Im Juni sollen die Lieferungen an Arztpraxen und Betriebsärzte auf rund 3,5 Millionen Dosen wöchentlich steigen, die Impfzentren sollen gut zwölf Millionen erhalten. Dieser Prognose zufolge sind im Juni also bis zu 30 Millionen Impfdosen verfügbar. Allerdings stehen alle Zahlen unter Vorbehalt und sind abhängig von den tatsächlich gelieferten Mengen.

Berlin bei Impfungen nicht in der Spitzengruppe

Doch auch der bislang vorhandene Impfstoff muss erstmal verimpft werden. Mehrere Bundesländer hoben zuletzt die Priorisierung für AstraZeneca auf, zudem wehren sie sich gegen Vorwürfe, die gelieferten Dosen nicht schnell genug zu verimpfen.

Die SPD-Spitzenkandidatin zur Abgeordnetenhauswahl in Berlin, Franziska Giffey, vermeldete auf Twitter nun Zahlen, die auf den ersten Blick beeindruckend wirken: Berlin sei "Vorreiter beim Impfen", so Giffey: Bereits 1,1 Millionen Menschen in Berlin hätten ein Impfangebot angenommen.

"Buchungen bis in den August"

Wann diese Impfungen stattfinden sollen, wird aus Giffeys Tweet und einer entsprechenden Mitteilung der Senatsverwaltung für Gesundheit allerdings nicht klar. Auf Nachfrage des ARD-faktenfinder erklärte die Senatsverwaltung: "Terminbuchungen gehen bis in den August hinein". Das heißt: Die Zahl von 1,1 Millionen bezieht sich auf einen Zeitraum, der sich über Monate bis weit in den Sommer erstreckt. Zu diesem Zeitpunkt sollen laut den Regierungsplänen ohnehin schon alle Bürgerinnen und Bürger ein Impfangebot bekommen haben.

Bei der Zahl der geimpften Personen liegt Berlin hingegen keineswegs in der Spitzengruppe. Bis zum 21. April lag die Quote der Erstimpfungen in der Hauptstadt unter dem Bundesdurchschnitt.

Darstellung: