Junge Ferkel bei einer Muttersau.

Nutztierhaltung in Deutschland Das Leben einer Muttersau

Stand: 03.07.2020 18:44 Uhr

Das kurze Leben vieler Zuchtsauen ist von den Vorgaben der Effizienz und Profitmaximierung bestimmt. Tierwohlaspekte stehen oft hintenan. Was bedeutet das für das Leben einer Sau? Und geht es auch anders?

Von Christine Schneider, BR

Eine Muttersau hat nur eine Aufgabe: Möglichst viele gesunde, lebensfähige Ferkel gebären. Im Durchschnitt hat sie pro Jahr 2,2 Würfe, 4,7 im Leben, danach wird sie meist geschlachtet. Der Grund: Die Milchleistung lässt nach, die Ferkel werden nicht mehr satt. Pro Wurf bekommt eine Sau im Schnitt zehn Ferkel, es können aber auch, je nach Rasse und Züchtung, über 20 sein.

Dabei hat die Sau 14 Zitzen. Vorne kommt mehr Milch, nach hinten immer weniger. Kaum sind die Ferkel auf der Welt, beginnt der Kampf um die besten Plätze. Nach spätestens drei Tagen ist die Rangordnung geklärt. Die stärksten Ferkel haben ihre feste Zitze vorne, die schwachen hinten. Das bleibt bis zum Ende der Säugezeit so.

Möglichst viele Ferkel sollen überleben

Eine Sau ist im Durchschnitt 116 Tage trächtig: Drei Monate, drei Wochen und drei Tage. Kurz vor der Geburt kommt sie in einen Kastenstand, den sogenannten Ferkelschutzkorb. Er ist etwa 2,50 Meter lang und 70 Zentimeter breit - ein enges Metallgestänge, in dem sich die Sau nicht drehen und nur langsam hinlegen kann. Der Grund für diese Haltung: Wenn sich die Sau frei und ohne jegliche Einschränkung auf den Boden plumpsen lässt, kann sie Ferkel erdrücken. Beim Kastenstand können die Ferkel flüchten, es gibt also weniger Erdrückungsverluste.

Sauen sitzen in einem Schweinestall in engen Kastenständen auf dem Spaltenboden. | Bildquelle: dpa
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Sauen sitzen in einem Schweinestall in engen Kastenständen auf dem Spaltenboden.

Rund vier Wochen werden die Ferkel gesäugt, solange ist die Mutter in der Regel eingesperrt. Das steht massiv in der Kritik, denn wenn die Ferkel ein paar Tage alt und vitaler sind, könne man der Sau in einer Bewegungsbucht mehr Freiheit zugestehen, fordern Tierschützer. Manche Landwirte praktizieren das bereits so.

Kastenstand im Deckzentrum

Wenn die Ferkel nach vier Wochen von der Muttersau weg kommen, wird diese von einem Kastenstand in den nächsten verfrachtet. Denn vier bis sieben Tage nach dem Absetzen der Ferkel beginnt bei der Sau die Rausche, sie ist bereit zum Besamen und kommt ins sogenannte Deckzentrum. Dort wird sie aber nicht von einem Eber im Natursprung gedeckt, sondern künstlich besamt. Dazu muss sie fixiert werden.

Eine Besamung dauert zwar ein paar Minuten, doch die Sau steht vier Wochen in diesem engen Kastenstand. Erst danach geht es in größere Buchten zur Gruppenhaltung. Dort geht es dann turbulent zu. Die Sauen kämpfen heftig, es geht um Rangordnung - wer ist die stärkere. Nach ein paar Tagen ist Ruhe, dann hat sich ein Alpha-Tier heraus kristallisiert. Bis dahin verletzten sich die Tiere aber zum Teil schwer. Diese Kämpfe sind nicht zu verhindern, doch sie sollen erst stattfinden, wenn sich die befruchteten Eier fest in der Gebärmutter eingenistet haben und keine Gefahr von Abgängen mehr besteht. Darum stehen die Tiere so lange im Kastenstand.

Zudem will der Landwirt nach der Besamung kontrollieren, ob die Sau auch wirklich trächtig ist. Dazu kommt der "Scannerdienst" auf den Hof: ein Tierarzt oder ein Mitarbeiter der Besamungsstation, der mit einem Ultraschallgerät feststellt, ob die Sau "aufgenommen" hat. Das ist bei einer im Kastenstand fixierten Sau einfacher als bei frei laufenden Tieren in großen Buchten.

Haltung von Muttersauen im Kastenstand | Bildquelle: BR
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Massentierhaltung nach Vorgaben der Effizienz: Sauen im Kastenstand.

Alternativen zum Ferkelschutzkorb

Zum Ferkelschutzkorbs gibt es aber Alternativen: die Bewegungsbuchten. Die Sauen werden dort nur wenige Tage fixiert, dann werden die Gestänge geöffnet. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass die Ferkelverluste nicht oder nur unwesentlich höher sind. Manche Biobauern praktizieren sogar "freies Abferkeln" in Gruppenhaltung, hier befinden sich mehrere Sauen mit ihrem Nachwuchs in einer Bucht. Dazu braucht es aber andere Arten von Sauen - Tiere, die auf Mütterlichkeitsmerkmale gezüchtet sind, die sich vorsichtiger hinlegen, weniger aggressiv sind und darauf reagieren, wenn ein Ferkel unter ihnen liegt und schreit.

In Bayern beteiligen sich gerade 19 Ferkelerzeuger an einem Forschungsprojekt zum Thema "Mütterliche Sauen". Sie kamen bereits zur Erkenntnis, dass diese Merkmale auch von der Rasse abhängen.

Geht es ohne Kastenstand im Deckzentrum?

Unmittelbar bei der künstlichen Besamung müssen die Tiere fixiert werden, da sind sich nahezu alle Landwirte einig. Und die Rangkämpfe der Sauen in Gruppenhaltung kann man nicht verhindern. Doch man kann sie in den wenigen Tagen zwischen dem Absetzen der Ferkel und der Besamung zulassen. In diesem Zeitraum oder auch unmittelbar nach der Besamung kann wenig passieren. Die ersten drei Tage nach der Besamung sind die Eier noch im Eileiter und dort scheinbar außer Gefahr, auch wenn die Sauen miteinander raufen. Erst danach kommt die kritische Zeit mit der Gefahr von Aborten.

Die Raufereien sind aber auch harmloser, wenn Tiere viel Platz und Stroh als Einstreu haben. Dann haben sie mehr Ausweichmöglichkeiten und sind weniger aggressiv, wenn sie Beschäftigungsmaterial haben.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 03. Juli 2020 um 18:00 Uhr.

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