Aufgewühlte Ostsee im Winter

Corona-Inzidenz in Deutschland Das Tief im Norden

Stand: 02.12.2020 16:15 Uhr

Das Corona-Infektionsgeschehen in Deutschland zeigt große regionale Unterschiede. Während im Norden Landkreise bei unter 25 Fällen auf 100.000 Einwohnern liegen, erreicht der Sieben-Tage-Wert im Süden bis zu 550. Woran liegt das?

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Das Infektionsgeschehen in Deutschland bleibt auf einem hohen Niveau. Insgesamt geht die Sieben-Tage-Inzidenz aber leicht zurück. Dabei fallen enorme regionale Unterschiede auf: Während Teile Norddeutschlands deutlich unter dem Grenzwert von 50 Fällen innerhalb von sieben Tagen auf 100.000 Einwohnern liegen, leuchten viele Landkreise im Südosten und Südwesten weiterhin tiefrot.

Faktor Bevölkerungsdichte

Bei einer RKI-Pressekonferenz im November hatte der ARD-faktenfinder nach den Gründen für regionale Unterschiede gefragt. RKI-Direktor Lothar Wieler verwies zum einen auf lokale Ausbrüche und zum anderen auf den Faktor Bevölkerungsdichte. So sei die Situation in Städten generell schwieriger, weil mehr Menschen auf engem Raum leben.

Tatsächlich waren insbesondere bei der ersten Welle im Frühjahr lokale Schwerpunkte nach Ausbrüchen zu erkennen - und auch Städte waren oft besonders betroffen. Doch dieser Faktor allein kann aktuell nicht ausschlaggebend sein. Das zeigt der Vergleich der Sieben-Tage-Inzidenz zwischen deutschen Großstädten: in Hamburg, der zweitgrößten Stadt Deutschlands, lag der Wert am Dienstag laut RKI bei 74 Fällen auf 100.000 Einwohnern - und damit weit unter dem von anderen Großstädten wie Dortmund (172), Berlin (180), München (183) oder Dresden (201).

Dazu kommt, dass in vielen ländlichen Regionen die Werte weit höher liegen als in verschiedenen Großstädten. So meldet das RKI beispielsweise für den Main-Spessart-Landkreis eine Inzidenz von 263; auch verschiedene Kreise in Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen und Thüringen liegen bei einem Wert von mehr als 200 Fällen in den vergangenen sieben Tagen. Einige kommen sogar auf 400 oder mehr als 500 Fälle auf 100.000 Einwohnern. Allerdings reichen in ländlichen Regionen schon relativ wenige Fälle für eine hohe Inzidenz.

Akzeptanz der Maßnahmen

Ein weiterer Faktor bei der Verbreitung des Virus ist mutmaßlich die Akzeptanz der Schutzmaßnahmen in der Bevölkerung. Immer wieder appellieren Politikerinnen und Politiker an die Menschen, sich an die Empfehlungen zu halten. Das Hamburg Center for Health Economics hat in den vergangenen Monaten in mehreren repräsentativen Befragungen die Einstellungen, Sorgen und das Vertrauen der Menschen in Bezug auf die Covid-19-Pandemie in sieben europäischen Ländern mit jeweils mehr als 7000 Befragten untersucht. Den Ergebnissen zufolge unterstützen im November 65 Prozent der Deutschen die aktuelle Lockdown-Politik, die geltenden Kontaktbeschränkungen werden in Deutschland demnach als weniger einschneidend wahrgenommen als in anderen Staaten.

Doch zeigen die Ergebnisse regionale Unterschiede innerhalb von Deutschland, was die Akzeptanz der Maßnahmen und beispielsweise die Impfbereitschaft betreffen. Während sich im Norden 63 Prozent der Befragten impfen lassen wollen und lediglich 15 Prozent nicht, liegen diese Werte im Westen bei 57 bzw. 20 Prozent, im Süden bei 55 und 18 Prozent - und im Osten bei 52 Prozent, die sich impfen lassen wollen - und 23 Prozent, die dies nicht wollen. Norddeutschland wurde in der Untersuchung inklusive Mecklenburg-Vorpommern definiert; Ostdeutschland umfasst Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen.

Auf Nachfrage des ARD-faktenfinder stellte das Hamburg Center for Health Economics weitere Ergebnisse zur Verfügung: Bei der Frage, ob man sich an die Empfehlung halte, auf Hände schütteln, Umarmungen und Küsse bei Begrüßungen zu verzichten, liegen die ostdeutschen Befragten den Ergebnissen zufolge bei 58 Prozent - und damit deutlich hinter dem Süden (64 Prozent), Norden (68 Prozent) und Westen (70 Prozent).

Beim Abstandhalten gaben im Osten und Süden die wenigsten Menschen an, diese dringende Empfehlung umzusetzen - nämlich jeweils 41 Prozent; verglichen zu 47 Prozent im Norden und 51 Prozent im Westen.

Die Zahlen können zumindest als Indiz gewertet werden, dass sich im Osten und Süden weniger Menschen an die Empfehlungen halten; allerdings dürfte es auch innerhalb der regionalen Bevölkerung signifikante Unterschiede geben, beispielsweise Geschlecht und Alter betreffend.

Geographische Lage

Ein Faktor bei der Ausbreitung des Virus dürfte die geographische Nähe zu ausländischen Hotspots spielen. So sinkt die Zahl der Neuinfektionen in Tschechien zwar wieder, doch liegt die Sieben-Tage-Inzidenz noch immer bei mehr als 240. In Österreich wurden mehr als 300 Fälle gemeldet, in Polen 240. Aber auch Dänemarks Inzidenz liegt deutlich über den Werten von Schleswig-Holstein, selbst auf dem dünn besiedelten dänischen Festland. Dennoch dürfte die Lage an der Küste eine Rolle spielen für die vergleichsweise niedrige Inzidenz in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern - so lange nicht Millionen Touristen im Land sind.

Dies ist seit den Herbstferien nicht mehr der Fall - die Mobilität ging spürbar zurück. Das Statistische Bundesamt stellt dazu Auswertungen von Mobilfunkdaten zur Verfügung, die zeigen, dass die Mobilität der Bürger im Frühjahr massiv abgenommen hatte - und zwar bundesweit. Im Verlauf des Monats März lag der Wert um mehr als 30 Prozent unter dem Vorjahresniveau. An Sonntagen fiel der Rückgang besonders stark aus, was das Bundesamt als Zeichen dafür wertet, dass viele Menschen insbesondere die Zahl ihrer verzichtbaren Bewegungen reduzierte. Im Laufe des April und Mai zeigte sich dann, dass die Veränderungsrate gegenüber dem Vorjahr zunehmend geringer ausfällt.

Nur noch geringe Unterschiede zum Vorjahr

Seit Juni haben sich die Mobilitätszahlen denjenigen des Vorjahres wieder weitgehend angeglichen. Erst seit Mitte Oktober liegt die Mobilität wieder unter dem Niveau des Vorjahres - mit regionalen Unterschieden: Besonders stark nahm die Mobilität in Großstädten wie Hamburg und Berlin ab. Mutmaßlich wegen ausbleibender Touristen und Geschäftsleute.

Bis Ende November zeigten sich bei der Mobilitätsrate trotz der Einschränkungen aber längst nicht mehr so große Unterschiede wie im Frühjahr. Eine Folge des "Lockdown lights": Geschäfte und Schulen bleiben geöffnet, das Arbeitsleben läuft weitestgehend weiter. Großstädte mit vielen kulturellen Angeboten sind hingegen stärker getroffen von den Maßnahmen, da Restaurants, Kneipen, Museen und andere Einrichtungen schließen mussten.

Diffuses Infektionsgeschehen

Bei der Suche nach den Ursachen für regionale Unterschiede gibt es also keine einfachen Erklärungen, stets spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, die je nach Region betrachtet werden müssen. Das RKI teilte auf Anfrage mit, die Bevölkerungsdichte dürfte nicht der einzige Grund sein, sondern auch beispielsweise die Mobilität und möglicherweise das Schutzverhalten. Man könne die Verteilung aber nicht genauer erklären. Generell seien "solche Erkrankungen nicht zum gleichen Zeitpunkt überall gleich, beispielsweise auch bei der Influenza nicht".

Das RKI spricht daher von einem diffusen Infektionsgeschehen, das sich kaum noch nachvollziehen lässt. Im Gegensatz zur ersten Welle, als beispielsweise Ostdeutschland nur schwach betroffen war, hat sich das Virus flächendeckend ausgebreitet.

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