Krampuslauf in Biberwier, Österreich | Bildquelle: REUTERS

Krampuslauf in Südtirol Rechte feiern angeblichen Dämonenangriff

Stand: 10.12.2019 13:09 Uhr

Der Nikolaus beschenkt brave Kinder, der Krampus bestraft unartige: So will es eine regionale Tradition. Nun haben solche Dämonen in Südtirol angeblich Migranten verprügelt. Doch dafür gibt es keine Belege.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder, und Jan-Henrik Wiebe, funk

"Verdammt wunderbar", twittert die britische Journalistin Katie Hopkins. Migranten hätten angeblich in Österreich versucht, eine Parade zum Nikolaus zu stören, behauptet sie. Als Krampusse verkleidete Männer hätten sie daraufhin verjagt. Dazu teilt Hopkins ein Video, das allein auf ihrem Twitter-Konto bereits rund 450.000 Aufrufe erreicht hat. Auch anderswo im Netz kursieren die Aufnahmen - und werden zehntausende Male geteilt. Zahlreiche Nutzer begrüßen in Kommentaren die angebliche Attacke auf Migranten, die zuvor die Krampusse angegriffen haben sollen.

Die Bilder zeigen, wie als Dämonen verkleidete Personen mit Ruten andere Menschen jagen. Eine Person stürzt, die Krampusse lassen dennoch nicht von ihm ab. Um wen es sich bei den flüchtenden Personen handelt, ist in dem Video allerdings überhaupt nicht zu erkennen. Vielmehr sieht man am Ende des Mitschnitts, dass mehrere der flüchtenden Personen wieder zurück ins Bild gehen. Das Video stammt allerdings nicht aus Österreich, so wie Hopkins es behauptete, sondern aus dem italienischen Sterzing in Südtirol. Das belegt unter anderem eine Recherche auf Google Maps.

"Erstaunliche Renaissance"

Die Krampus-Tradition ist in einigen Alpenregionen, Teilen Süddeutschlands und auch aus Ungarn, Slowenien und Tschechien bekannt. Zu einer Sonderausstellung im Grazer Volkskundemuseum hieß es 2009, der Krampus gehöre "zu den faszinierendsten Gestalten des österreichischen Brauchlebens". Seit einigen Jahren gebe es eine "erstaunliche Renaissance in organisierten Krampusumzügen mit ihrer martialischen Mischung aus Horrorgestalten, Rockevent und Pyrotechnik-Show".

Die ARD-Korrespondentin in Rom, Lisa Weiß, kennt die Umzüge seit ihrer Jugend. Die aktuellen Bilder sähen nicht anders aus als aus anderen Jahren, sagt sie. Wer keinen blauen Fleck habe, sei nicht bei dem Umzug gewesen, erklärt Weiß zu dem Brauch. Dabei gebe es immer wieder die Debatte, wie weit Krampusse aber auch die "Tratzer" gehen dürften. Bei den "Tratzern" handelt es sich zumeist um Jugendliche, die gezielt die Krampusse provozieren - und dann vor deren Prügeln flüchten.

Mehr als 60 Verletzte

Dieser sehr handfeste Brauch sorgt fast jährlich für Diskussionen - so beispielsweise ein Krampuslauf in Osttirol, bei dem sich im Jahr 2015 rund 200 Krampusse und Hunderte Zuschauer "eine wahre Schlacht" geliefert hätten, wie die "Tiroler Tageszeitung" berichtete. Insgesamt habe man in einem Krankenhaus acht Schwerverletzte und mehr als 60 ambulant behandelte Patienten gezählt. Ein 15-Jähriger erlitt demnach sogar eine Schädelfraktur und Gehirnblutung, als ihn ein Krampus zu Boden riss.

Die "Tiroler Tageszeitung" zitierte einen Arzt, der sagte, es sei "alle Jahre das Gleiche". Auch die Patientenzahl sei nicht höher als sonst. "Unter den Verletzten befinden sich Zuschauer wie Krampusse. Denn auch so mancher im Publikum ist extrem aggressiv."

Rechtsextreme Seite verbreitet Video

Das aktuelle Video aus Südtirol war offenbar gezielt von Rechtsextremen verbreitet worden. Am Nachmittag des 7. Dezember postete es ein entsprechendes italienisches Facebook-Profil mit dem Zusatz: "Krampus gegen schwarze Männer". Dieser Beitrag wurde mehr als 5000 Mal geteilt - von Nutzern aus verschiedenen Ländern. Sie kommentierten dazu beispielsweise: "Was die Polizei nicht schafft, übernehmen jetzt die Krampusse." So landete das Video schließlich auch bei der britischen Journalistin Hopkins sowie in zahlreichen Medien.

Es gibt keine belastbaren Hinweise darauf, dass die Krampusse gezielt Migranten attackiert oder dass diese zuvor die Dämonen angegriffen hätten. Die Veranstalter veröffentlichten eine "Richtigstellung", in der sie betonen, die in dem Video zu sehenden Personen seien ausschließlich einheimische Jugendliche, die freiwillig die Konfrontation gesucht hätten. Ausdrücklich verurteilen sie aber den Fußtritt gegen die am Boden liegende Person.

Die Veranstalter merkten außerdem an, dass sich sowohl die Krampusse als auch die "Tratzer" die Gesichter anrußen, daher hätten sie schwarze Gesichter. Ausdrücklich distanzierte man sich von Rassismus: Im Nachwuchs der "Tuifl" seien auch Kinder von Migranten aktiv.

Auf Facebook meldeten sich auch andere Augenzeugen, die ebenfalls schreiben, die ganze Szene sei im Rahmen der üblichen Krampusläufe gewesen. Die angebliche Jagd auf Migranten, die in rechten Kreisen auch noch gefeiert wird, hat es also gar nicht gegeben. Entsprechende Kommentare dokumentieren aber eine bemerkenswerte Zustimmung zu Gewalt und Selbstjustiz.

Anzeige in Bayern

Auch in Bayern wird derzeit über einen Krampuslauf debattiert. Ein verkleideter Unbekannter schlug dem "Münchner Merkur" zufolge einer 32-jährigen Frau von hinten mit einer Weidenrute auf den Oberschenkel - und zwar so fest, dass Striemen zurückblieben. Das Opfer erstattete Anzeige. Als Konsequenz sollen Krampusse ab dem kommenden Jahr Nummern tragen, damit sich die jeweilige Person identifizieren lasse.

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