Der leere Hauptmarkt in Nürnberg mit den Marktständen und der Frauenkirche. | Bildquelle: dpa

Maßnahmen gegen Corona Was genau ist ein Lockdown?

Stand: 15.10.2020 16:43 Uhr

Wegen der steigenden Zahl von Neuinfektionen hat CSU-Chef Söder gewarnt, man sei "dem zweiten Lockdown" viel näher, als man es wahrhaben wolle. Doch waren die Maßnahmen im Frühjahr wirklich ein Lockdown?

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Die Warnungen vor einem "zweiten Lockdown" sind derzeit vielstimmig. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sprach von einer dramatischen Situation und forderte die Bürger so deutlich wie bisher noch nicht auf, sich an die Regeln zu halten: Man müsse "einen zweiten Lockdown verhindern". Auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer appelliere eindringlich, die Abstands- und Maskenregeln einzuhalten. "Keiner von uns will einen zweiten Lockdown." Diesen könnten sich Wirtschaft und Gesellschaft nicht leisten.

Ähnlich äußerte sich CSU-Chef Markus Söder sowie Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher im Interview mit tagesschau.de. Auch Kanzlerin Angela Merkel benutzt den Begriff "Lockdown" - zuletzt am Dienstag bei einer Rede in Berlin.

Zu Beginn der Pandemie war der Begriff in Deutschland noch nicht besonders bekannt. Bis Mitte März wurde der Begriff Lockdown vor allem genutzt, um die drastischen Maßnahmen unter anderem in China und Italien zu beschreiben. Auf die Situation in Deutschland bezogen tauchte er zunächst kaum auf, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" setzte den Begriff am 15. März noch in Anführungszeichen:

Die Dynamik allerdings, mit der Deutschland zum Wochenende hin überraschend doch auf eine Art "lockdown" zusteuert, macht Entscheidungen leichter.

Ansonsten war in Medien und Öffentlichkeit zumeist von einem "Shutdown" die Rede, was übersetzt Schließung oder Herunterfahren bedeutet. Auch Kanzlerin Merkel sprach am 18. März davon, dass das öffentliche Leben heruntergefahren werde.

Lockdown zu drastischer Begriff?

Kritiker meinen, Lockdown sei ein zu starker Begriff für die Einschränkungen in Deutschland. Tatsächlich lautet eine gängige Übersetzung des englischen Begriffs ins Deutsche "Ausgangssperre". Eine solche habe es in hierzulande nicht gegeben, heißt es oft. Allerdings hatte es auch in mehreren Bundesländern durchaus Verordnungen gegeben, die den Ausgang zwar nicht komplett untersagten, aber stark beschränkten.

Im Saarland kippte ein Gericht sogar eine ähnliche Verordnung. Es folgte damit einem Eilantrag eines saarländischen Bürgers, der sich durch das grundsätzliche Verbot des Verlassens der eigenen Wohnung in seinem Grundrecht der Freiheit der Person verletzt sah. In Bayern sah ein Bußgeldkatalog eine Strafe von 150 Euro vor - für eine "Person, welche die Wohnung ohne triftigen Grund verlässt". Die Polizei stellte auf Twitter klar, dass es zwar erlaubt sei, sich an der frischen Luft zu bewegen, aber nicht, ein Buch auf einer Parkbank zu lesen.

Zudem umfasst Begriff Lockdown im Englischen durchaus mehrere Bedeutungen und kann auch Maßnahmen in Ausnahmesituationen und Krisenfällen beschreiben, bei denen beispielsweise Gebäude oder Bereiche abgesperrt werden. Dies war in Deutschland durchaus im Frühjahr der Fall: öffentliche Einrichtungen wurden geschlossen, Spiel- und Sportplätze gesperrt, Restaurants und Geschäfte blieben zu. Zudem galten strenge Kontaktbeschränkungen - und regional Ausgangsbeschränkungen.

Sprache verändert sich

Eine eindeutige Definition des Begriffs Lockdown existiert im Deutschen bislang allerdings nicht. Die Wissenschaftlerin Annette Klosa-Kückelhaus stellte im April bei einer Analyse von Wörtern wie Shutdown und Lockdown fest, die "neuen Bedeutungen und Verwendungen sollten sich verfestigen und nicht nur mit Bezug auf die Corona-Krise auftreten, sondern (zukünftig) auch in anderen Kontexten, bevor festgestellt werden kann, ob die Wörter tatsächlich fest in der Allgemeinsprache der Gegenwart verankert" seien.

Mittlerweile hat sich zumindest im Kontext der Corona-Maßnahmen der Begriff Lockdown im Deutschen offenkundig etabliert - für drastische Einschränkungen von Grundrechten und der weitestgehenden Stilllegung des öffentlichen Lebens. Im Frühjahr hatte es keine flächendeckende Ausgangssperre in Deutschland gegeben - aber regionale Beschränkungen.

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