Ein Streifenwagen der Polizei steht auf einem verlassenen Platz in Berchtesgaden. | Bildquelle: dpa

Maßnahmen gegen Corona Was bringt ein "Lockdown light"?

Stand: 29.10.2020 12:27 Uhr

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie soll es in Deutschland einen sogenannten "Lockdown light" geben. Führende Virologen sehen die Maßnahmen kritisch. Tatsächlich fehlen Erfahrungswerte - und auch die Rolle der Schule ist umstritten.

Von Patrick Gensing und Andrej Reisin, Redaktion ARD-faktenfinder

Bund und Länder wollen mit drastischen Maßnahmen die Ausbreitung des Corona-Virus eindämmen. Ab Montag bis Ende November gelten unter anderem verschärfte Kontaktbeschränkungen.

Neben viel Zustimmung gibt es auch Kritik. Bekannte Virologen halten das Konzept für nicht weitgehend oder zielgerichtet genug. Auf die Frage, ob es wissenschaftliche Belege gebe, dass eine Schließung von Gastronomie sowie Kultur- und Freizeiteinrichtungen zielführend seien, sagte der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit auf Nachfrage von tagesschau.de, das sei nicht der Fall. Der Virologe Hendrik Streeck schloss sich dieser Einschätzung an.

Christian Drosten schlug einen zeitlich begrenzten Lockdown vor: "Wenn die Belastung zu groß wird, dann muss man eine Pause einlegen", sagte er im NDR-Podcast.

Rolle der Schulen umstritten

Viel diskutiert wird über die Rolle der Schulen. Gewerkschaften und Elternverbände fordern, Klassen zu teilen und mehr digitalen Unterricht anzubieten, insbesondere für höhere Jahrgänge. Die Kultusministerkonferenz (KMK) betont hingegen, es gebe kein nennenswertes Infektionsgeschehen an Schulen, diese müssten so lange wie möglich offen bleiben.

Wann konkret ein Punkt erreicht ist, an dem dies nicht mehr möglich ist, bleibt aber unklar. Zudem basiert die Einschätzung zu den Schulen in der Pandemie vor allem aus Erfahrungswerten und Untersuchungen ohne ein hohes Infektionsgeschehen. Fachleute gehen davon aus, dass auch Schulen nun verstärkt von Infektionen betroffen sind.

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher betonte, es gebe mittlerweile gesicherte Erkenntnisse, dass jüngere Kinder und Jugendliche wenig zum Infektionsgeschehen beitragen. Allerdings werden in den Schulen auch ältere Jugendliche und junge Erwachsene unterrichtet. Das RKI schreibt dazu:

Schülerinnen und Schüler (SuS) sind prinzipiell empfänglich für eine Infektion mit SARS-CoV-2 und können andere infizieren. Kinder und jüngere Jugendliche sind jedoch seltener betroffen als Erwachsene und nicht Treiber der Pandemie. Mit zunehmendem Alter ähneln Jugendliche hinsichtlich Empfänglichkeit und Infektiosität den Erwachsenen.

Kinder und Jugendliche durchaus betroffen

Zudem stellt das RKI fest, das Ausmaß einer Übertragung innerhalb der Schulen und von den Schulen in die Familien/Haushalte sei "weitgehend unklar und Gegenstand der Forschung". Zahlen zeigen, dass Kinder und Jugendliche aber seltener getestet werden: Etwa 7,5 Prozent der in den vergangenen zwölf Wochen durchgeführten Tests betreffen die häufig asymptomatische Altersgruppe der fünf- bis 14-Jährigen - das entspricht etwa 350 Personen pro 100.000 Einwohner. Damit sind die fünf bis 14-Jährigen sowie die null bis vier-Jährigen die am seltensten getestete Gruppe.

Der Anteil der positiven Tests in dieser Gruppe stieg jedoch stark und lag in Kalenderwoche 43 bei fast fünf Prozent - und damit auf dem dritten Platz der vom RKI definierten Altersgruppen. Auf dem ersten Platz liegt hier die Gruppe der 15 bis 34-Jährigen, wobei unklar bleibt, wie stark beispielsweise 15- bis 18-Jährige im Vergleich zu 30 bis 34-Jährigen betroffen sind.

Dazu kommt das Problem der Nachverfolgung von Infektionsquellen, die in den meisten Fällen gar nicht mehr möglich ist. Damit fehlen Daten, um das Infektionsgeschehen und die Quellen in einzelnen Bereichen des öffentlichen Lebens fundiert zu beurteilen.

Auswirkungen einzelner Maßnahmen schwer zu bestimmen

Im Frühjahr hatte Deutschland auf ein Herunterfahren des öffentlichen Lebens gesetzt - und die erste Corona-Welle ebbte schnell ab, auch weil viele Menschen bereits massiv ihre Kontakte eingeschränkt hatten. Schulen und Kitas blieben teilweise über Monate geschlossen. Zudem gab es Ausgangsbeschränkungen - in einigen Bundesländern durfte man ohne "triftigen Grund" die Wohnung nicht verlassen.

Laut einer wissenschaftlichen Studie, die im Fachmagazin "Lancet" veröffentlicht wurde, zeigten diese Maßnahmen eine große Wirkung - in unterschiedlicher Abstufung. Die Studie untersucht den Effekt der Maßnahmen in einer Analyse von 131 Ländern. Demnach kann ein Bündel von Maßnahmen die Infektionszahlen deutlich reduzieren: Dazu gehören laut der Studie das Verbot von öffentlichen (Groß-)Veranstaltungen, Schulschließungen, das Verbot von privaten Treffen von mehr als zehn Personen, weitgehende Heimarbeit und schließlich eine generelle Aufforderung zu Hause zu bleiben. In der Kombination führten diese Maßnahmen im Durchschnitt zu einem Rückgang der Reproduktionszahl R um 29 Prozent nach 28 Tagen.

Die Studie will auch herausgefunden haben, welche Maßnahmen die größten gegenteiligen Effekte hatten: Die Wiederöffnung der Schulen führte demnach zu einem 24-prozentigem Anstieg nach 28 Tagen - wobei die Forschenden anmerkten, dass Unterschiede in der Art des Unterrichts (geteilte Klassen, Maskenpflicht, Lüften etc.) nicht gesondert berücksichtigen werden konnten. Kritiker der Studie bemängeln diese zum Teil lückenhafte Datenbasis, insbesondere auch beim Vergleich von Entwicklungsländern mit Industrienationen. Dies räumt auch einer der beteiligten Forscher ein: "Wir brauchen weiterhin mehr Daten, um die Rolle von Schulen in der SARS-CoV-2-Übertragung zu verstehen", so Harish Nair von der Universität Edinburgh. Dies sei nur durch "robuste Kontaktverfolgung" möglich. Genau die fehlt derzeit in Deutschland.

Sperrstunde allein wirkungslos

Einzelne Maßnahmen wirken mutmaßlich kaum oder gar nicht, wie das Beispiel der Sperrstunde zeigt, die vor zwei Wochen verkündet worden war. Studien waren zuvor bereits zu dem Schluss gekommen, dass eine Sperrstunde keinen nennenswerten Effekt hat. Dennoch hatte CSU-Chef Markus Söder den Eindruck erweckt, die Sperrstunde könnte ein entscheidendes Instrument gegen eine Überlastung der Krankenhäuser sein.

In Großbritannien gilt eine Sperrstunde ab 22 Uhr seit dem 24. September - ohne dass ein maßgeblicher Einfluss auf die Infektionszahlen messbar wäre. Weitere Staaten wie Frankreich, Spanien, Italien, Österreich oder die Niederlande setzen auf Sperrstunden und nächtliche Ausgangssperren - bei Offenhaltung der Schule und Betriebe - bislang weitgehend ohne durchschlagenden Erfolg.

Rechnung mit vielen Unbekannten

"Wir befinden uns zu Beginn der kalten Jahreszeit in einer dramatischen Lage", sagte Kanzlerin Angela Merkel. Es gebe aber kein anderes, milderes Mittel als konsequente Kontaktbeschränkungen, um das Infektionsgeschehen auf ein beherrschbares Niveau zu bringen. Es gehe darum, so Merkel weiter, die Kontakte massiv zu reduzieren, am besten um 75 Prozent.

Ob die nun angekündigten Maßnahmen, der sogenannte "Lockdown light", ausreichen werden, das rasante Wachstum der Infektionszahlen zu stoppen, lässt sich derzeit nicht seriös beurteilen. Die Erfahrungen aus anderen Staaten können nur eingeschränkt auf Deutschland übertragen werden, doch weisen sie zumindest darauf hin, dass Schulen und Betriebe bei einem hohen Infektionsgeschehen durchaus eine Rolle spielen.

Bund und Länder wollen in zwei Wochen die Maßnahmen überprüfen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. Oktober 2020 um 09:00 Uhr und 11:00 Uhr.

Patrick Gensing Logo tagesschau.de

Patrick Gensing, tagesschau.de

@PatrickGensing bei Twitter

Andrej Reisin, NDR Logo NDR

Andrej Reisin, NDR

@Andrejnalin77 bei Twitter
Darstellung: