Russisches Staatsmedium Krude Thesen für "Corona-Skeptiker"

Stand: 14.12.2020 10:12 Uhr

Krude Thesen, laut denen es angeblich keine zweite Corona-Welle gibt und eine mediale Bühne für "Corona-Skeptiker": Der russische Staatssender RT DE schürt in der Pandemie offenkundig gezielt Verunsicherung.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Gibt es gar keine "zweite Welle"? Das fragt der russische Staatssender RT DE Anfang Dezember auf seiner Webseite - und bezieht sich ausführlich auf einen ehemaligen Mitarbeiter des US-Pharmakonzerns Pfizer: Dr. Mike Yeadon zähle "sicher zu den namhaftesten Experten, denen man kaum irgendeine dubiose Agenda und das Verbreiten obskurer Verschwörungstheorien unterstellen kann", schreibt der Staatssender, der sich jüngst von RT Deutsch in RT DE umbenannt hat. Yeadon habe Ende November erläutert, dass die Pandemie bereits vorbei sei, so RT - und bezieht sich auf einen Beitrag vom 23. November, der auf einer ultrakonservativen Anti-Abtreibungsseite erschienen war, die Faktencheck-Projekten wie Snopes zufolge durch irreführende Berichterstattung aufgefallen sei.

Allerdings bezieht sich diese von RT angegebene Quelle wiederum auf einen Beitrag von Mike Yeadon, der bereits Mitte Oktober auf der Seite "Lockdown Sceptics" erschienen war. Dabei handelt es sich um das Medienprojekt eines rechten britischen Publizisten. In diesem Beitrag stellte der Ex-Pfizer-Mitarbeiter Yeadon die These auf, es existiere gar keine zweite Corona-Welle, die Bevölkerung sei eigentlich längst immun, dementsprechend seien auch keine Impfungen notwendig. Kurz gesagt sei die Pandemie seit Juni vorbei.

Facebook warnte bereits vor der Behauptung

Eine erstaunliche Theorie, die durch die rasante Ausbreitung des Coronavirus mit zahlreichen Todesfällen in diesem Herbst bereits widerlegt wurde. Auf Facebook wurden entsprechende Postings mit den Thesen von Yeadon daher bereits mit einem Warnhinweis und weiterführenden Informationen versehen.

Trotz dieser Warnungen und Richtigstellungen verbreitete RT die kruden und bereits widerlegten Behauptungen - so wie das russische Staatsmedium auch diverse andere fragwürdige Meldungen zur Corona-Pandemie publiziert.

Serie über "Corona-Ausschuss"

So widmet RT dem sogenannten "Corona-Ausschuss" nach eigenen Angaben sogar eine "eigene Serie mit Artikeln und Podcasts". Diesen Ausschuss hatten Rechtsanwälte initiiert; die stundenlangen Sitzungen mit Gästen wie Wolfgang Wodarg werden auf YouTube übertragen. Auf den Seiten des "Ausschusses" heißt es, das "Coronavirus-Geschehen ist in Deutschland nun fast gänzlich zum Erliegen gekommen". Durch eine Vielzahl von Studien sei "belegt, dass Letalität und Mortalität grippeähnliches Ausmaß haben. Eine Überlastung des Gesundheitssystems ist nicht auch nur annähernd eingetreten." Spätfolgen des Virus seien nicht belegt.

Zudem könnten möglicherweise bereits "über 80 Prozent der Menschen" gegen das Virus "wegen seiner Verwandtschaft zu anderen Erkältungs-Coronaviren bereits immun" sein. Gesunde Menschen seien geschützt, heißt es auf der Seite des "Ausschusses". Wissenschaftlich verifizierte Belege für diese Thesen existieren nicht, dennoch bezeichnet RT die Arbeit des "Ausschusses" als "ein buchstäblich umwälzendes Ereignis".

Viel Aufmerksamkeit für "Querdenken"

Auch den "Querdenker"-Demonstrationen bietet RT immer wieder eine Bühne. Der Staatssender überträgt in langen Livestreams entsprechende Proteste in Berlin, Düsseldorf oder Frankfurt/Oder - oft inklusive von Reden, die voller Verschwörungslegenden sind.

Kritik, die "Querdenken"-Bewegung würde durch historische Vergleiche die NS-Verbrechen relativieren, weist RT DE in einem Kommentar vehement zurück. So hatte eine Elfjährige bei einer "Querdenken"-Veranstaltung auf einer Bühne von einem Blatt vorgelesen, sie habe sich aus Angst, von Nachbarn "denunziert" zu werden, wie Anne Frank gefühlt. Der "Chief Strategy Officer" von RT DE, Ivan Rodionov, meinte dazu , es gehöre "eine immense ideologische Verbohrtheit dazu, hier eine Verharmlosung" des Holocaust zu wähnen.

Bericht über russischen Impfstoff

Während also wissenschaftlich höchst fragwürdige oder bereits widerlegte Thesen zu Corona in Deutschland ausführlich dargestellt werden, werden die Gefahren durch das Virus in Russland und die Maßnahmen dagegen offenbar anders bewertet. RT DE befragte beispielsweise "Geimpfte in Moskau und Kaliningrad". Dazu heißt es:

Seit diesem Samstag haben in Moskau 70 spezielle Impfstellen geöffnet, an denen sich Einwohner der russischen Hauptstadt gegen das Coronavirus immunisieren lassen können. Vorrang haben dabei Menschen aus Risikogruppen: Medizin- und Schulpersonal sowie Sozialarbeiter. Um das in Russland entwickelte Vakzin Sputnik V verabreicht zu bekommen, muss man sich vorab digital anmelden. Am ersten Tag des Beginns einer massenhaften Impfkampagne gegen den Erreger SARS-CoV-2 hat RT einige Geimpfte nach ihren Beweggründen und Bedenken in Bezug auf die Sicherheit des in Russland entwickelten Impfstoffs gefragt. Viele Geimpfte antworteten, sie möchten durch die Impfung nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Umfeld vor einer Ansteckung schützen. Sie hätten keine Angst vor Sputnik V, weil sie der einheimischen Medizin vertrauten.

Von Zweifeln an der Gefährlichkeit des Coronavirus oder Kritik an den Maßnahmen zur Eindämmung ist im Bezug auf Russland hier keine Rede.

Quelle für Rechtsradikale und Verschwörungsanhänger

Datenanalysen zeigen, dass RT DE zu einer der beliebtesten Quellen in rechten Social-Media-Milieus geworden ist. Der Datenanalyst Philip Kreißel wertet täglich auf Basis der Open-Source-Plattform "Media Cloud" Interaktionen in diesem Milieu aus - und quasi täglich tauchen RT-Beiträge hier auf Spitzenplätzen auf.

Eine Auswertung mit der Anwendung Crowdtangle zeigt zudem, wer bestimmte Inhalte weiterverbreitet: So teilten diverse AfD-Facebook-Seiten den Beitrag über die angeblich nicht existente zweite Corona-Welle, genauso Impfgegner und bekannte Corona-Leugner. Der russische Staatssender erreicht mit seinem Programm für Deutschland zwar keine breiten Bevölkerungsschichten, befeuert aber offenkundig gezielt Verunsicherung und Verschwörungslegenden in Deutschland.

Auf eine Anfrage per E-Mail an die Presseabteilung zu den sehr fragwürdigen Corona-Thesen sowie den vielen Social-Media-Reaktionen auf solche Inhalte bei "Corona-Skeptikern" reagierte RT DE zunächst nicht. Telefonisch war der russische Staatssender in Berlin nicht zu erreichen.

Nachtrag: Am Abend des 11. Dezember reagierte RT DE auf die Anfrage und teilte mit, die Recherchen von Mike Yeadon seien eine der Meinungen, über die RT DE im Zusammenhang mit der COVID-Pandemie berichte. Zudem habe man nicht die Arbeit des Corona-Ausschusses als umwälzendes Ereignis bezeichnet, sondern die Pandemie. Als Nachrichtenplattform sei RT DE zudem "nicht verantwortlich für jene, die unsere Inhalte teilen. Als Nachrichtensender liegt es nicht in der Absicht von RT DE, irgendeine bestimmte Gruppe anzusprechen. Stattdessen zielen wir auf das gesamte Spektrum der Öffentlichkeit ab, das an einer umfassenden und objektiven Berichterstattung interessiert ist".

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